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	<title>traditionelle Hebammenkunst &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<description>Filmemacherin, Journalistin, Hebamme</description>
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		<title>Nach bestem Wissen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 22:00:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Kosfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Borkum]]></category>
		<category><![CDATA[Geburtshilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[&#160;Die Hebamme Barbara Kosfeld erzählt von ihrer Tätigkeit und Rolle als Geburtshelferin auf der Nordseeinsel Borkum. Traditionelle Geburtshilfe sei erlernbar ist und es gäbe klar erkennbare Grenzen zur Geburtsmedizin, ist eine ihrer grundlegenden Auffassungen. Sie tritt für den Erhalt der Hebammenkultur und das seit vielen Generationen erlernte Wissen rund um Geburt ein. Ein Interview von<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/nach-bestem-wissen-interview-mit-barbara-kosfeld-teil-1/"><span class="screen-reader-text">"Nach bestem Wissen"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p>&nbsp;Die Hebamme Barbara Kosfeld erzählt von ihrer Tätigkeit und Rolle als Geburtshelferin auf der Nordseeinsel Borkum. Traditionelle Geburtshilfe sei erlernbar ist und es gäbe klar erkennbare Grenzen zur Geburtsmedizin, ist eine ihrer grundlegenden Auffassungen. Sie tritt für den Erhalt der Hebammenkultur und das seit vielen Generationen erlernte Wissen rund um Geburt ein.</p>



<p><strong>Ein Interview von Katja Baumgarten</strong></p>



<p><strong>Katja Baumgarten: Sie sind in Hebammenkreisen sehr umstritten – für viele „ein rotes Tuch“, für manche eine der kompetentesten Vertreterinnen originärer Hebammenarbeit. Warum polarisieren Sie so?</strong></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld: </strong>Existiert Leben nicht immer in Polarität? Durch mein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft vor der Hebammenausbildung bin ich es gewohnt, Dinge kritisch zu betrachten. Ich weiß, wie wichtig freies Denken ist und dass es sein Potenzial in Forschung und Lehre nur ausschöpfen kann, wenn ein Höchstmaß an Autonomie gegeben ist. So war es für mich sehr schnell klar, dass das, was in Deutschland in der klinischen eindimensionalen Hebammenausbildung gelehrt wurde, auf einer einseitigen, lückenhaften und oft nur flüchtig gewonnenen Kenntnis der Quellen beruht. Äußert man das, wird man schell unbequem und bleibt von Spötteleien über sein praktisches Tun nicht verschont. Die Geburt meiner Tochter vor 30 Jahren war der Ausgangspunkt, um mich näher mit dem Thema Hebammenarbeit zu befassen.</p>



<p><strong><em>War die Geburt Ihrer Tochter für Sie ein Schlüsselerlebnis, Hebamme zu werden?</em></strong></p>



<p>Ja, auf jeden Fall! Ich bin aus dieser Erfahrung mit der Arbeitshypothese herausgegangen: Wenn der Mensch so entbinden muss, wie ich es erlebt hatte, dann muss ich mich damit aussöhnen – aber wenn dem nicht so ist, dann muss ich mich darum kümmern, dass sich Ähnliches nicht mehr für andere werdende Mütter abspielt.</p>



<p><strong><em>Hatten Sie keine glückliche Geburt erlebt?</em></strong></p>



<p>Aus klinischer Sicht hatte ich sicherlich eine unauffällige Niederkunft – aber wie ich behandelt worden bin, das war für mich sehr traumatisierend! Seitdem schaue ich anders auf Geburt und Mutterschaft. Ich habe dann mit älteren erfahrenen Hebammen, die im zweiten Weltkrieg gearbeitet haben, Kontakt aufgenommen – primär um mein eigenes Erleben zu bewältigen. Unter den Umständen, unter denen sie notgedrungen arbeiten mussten, hätten nach moderner Ansicht weder Frauen noch Kinder überleben dürfen. Dass diese Hebammen in einem hohen Maße kompetent waren, wird niemand leugnen wollen.</p>



<p><em><strong>Ein Grund für die Ablehnung vieler Kolleginnen ist Ihre Bereitschaft, auch Geburten bei Zustand nach Sectio, Beckenendlagen-, Zwillings- oder Drillingsgeburten zu Hause zu betreuen, die als Risikogeburten gelten. Warum stellen Sie sich gegen den Konsens der Hebammenverbände, was die Auswahlkriterien für eine Hausgeburt betrifft?</strong></em></p>



<p>Die dort verfassten Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten kann ich nicht wider besseren Wissens übernehmen. Der Blick in die Quellen unseres Handwerks ergibt nämlich ein anderes Bild. Ich habe die historische geburtshilfliche Literatur ausgiebig studiert; hier stellen sich die Anzeichen von sogenannten Gefahren anders dar Sie werden überdies genauestens beschrieben und es werden Lösungswege aufgezeigt, welche sich immer am Erhalt der mütterlichen und, wenn möglich, kindlichen Gesundheit orientiert haben. Das was unseren Beruf auf Jahrhunderte hinaus geprägt und in seiner Ausrichtung bis heute bestimmt, ist nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Es kann letztlich immer nur um die Formen der Wissensvermittlung, um die Methoden wissenschaftlichen und praktischen Arbeitens und um die Wege zur Weitergabe und Umsetzung des geburtshilflichen Wissens gehen. Auf keinen Fall kann es darum gehen, einfach einem Konsens der Hebammenverbände zu folgen, welche im Bemühen, Sichtweisen einer anderen Berufsgruppe zu tradieren, die Vertretung ihrer Mitglieder und der werdenden Mütter aus den Augen zu verlieren scheinen. Und so hoffe ich sehr auf den neu gegründeten Berufsverband, den Deutschen Fachverband für Hausgeburtshilfe (DFH), der sich diesem Konsens übrigens nicht angeschlossen hat. Ihm kann es gelingen, die Emanzipation der Hebammenwissenschaft von der Gynäkologie als der bisherigen Leitdisziplin zu vollziehen. Damit müsste sich die Hausgeburtshilfe nicht länger im isolierten Raum abspielen. Im Erhalt der physiologischen Geburtshilfe und im Schutz der Hebammenarbeit könnten endlich wieder zukunftsweisende Tendenzen sichtbar werden.</p>



<p><em><strong>Wie sollte die Hebamme entscheiden, welche besonderen Geburten sie annimmt?</strong></em></p>



<p>Es ist meine Überzeugung, dass man sich als Hebamme, in erster Linie mit „Gefahren“ befassen muss und nicht mit „Risiken“. Mir kommt es ungerecht vor, Frauen mit sogenannter Risikogeburt per se auszugrenzen und nicht zu Hause zu entbinden. Ich werde also nicht sagen, besondere Geburten, wie Beckenendlagengeburten oder Mehrlingsentbindungen sind grundsätzlich außerklinisch nicht möglich. Bei dieser sehr persönlichen Entscheidung der Frauen, nicht in der Klinik zu entbinden, ist Hebammenunterstützung wirklich nötig. Eine Hebamme muss wissen, nach welchen Kriterien eine Beckenendlage spontan entbunden werden kann oder was darauf hinweist, dass es eine schwierige Entwicklung wird. Dann kann sie in Ruhe entscheiden, ob sie persönlich diese Frau bei ihrer Niederkunft betreuen kann oder nicht. Die Geburt von Mehrlingen war – nach Aussagen von alten Hebammen – meist kein Problem – da kam eben noch ein weiteres Kind hinterher und das oft unerwartet. Sind denn die heute beschrittenen Pfade die einzig möglichen und richtigen?</p>



<p><em><strong>Woher nehmen Sie das fachliche Selbstvertrauen und die geburtshilfliche Kompetenz, auch schwierige Ausgangssituationen für eine Hausgeburt anzunehmen?</strong></em></p>



<p>Persönlich habe ich sehr viel von den erfahrenen Hebammen der älteren Generation und durch ausgiebige Literaturstudien gelernt sowie durch meine zahleichen Auslandsaufenthalte. Ich war praktisch in Indien tätig, habe sieben Jahre im Rahmen eines EU-Projektes immer wieder Theorie und Praxis ursprünglicher Hebammenkunst in Prag unterrichtet und dabei viel sehen dürfen: Die Prager Krankenhäuser haben allein 6.000 bis 8.000 Geburten pro Jahr, da lernt man einiges. Ich habe in Kanada, den USA, in nahezu allen europäischen Ländern und in der Schweiz die Arbeit der Hebammen vor Ort kennengelernt Wirklich interessante Fachrichtungen wie die Zellbiologie, die Soziologie und anderer wissenschaftlicher Disziplinen haben mich in meinem Wissen erheblich beeinflusst&nbsp; und ebenfalls fachlich sehr sicher werden lassen. Und sagte nicht schon Goethe „sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“?</p>



<p><em><strong>Die Leitung von Drillingsentbindungen beispielsweise ist sowohl für Ärzte und erst recht für Hebammen schwer zu erlernen. Wie können Sie den Frauen sagen, dass Sie bei dieser Herausforderung eine kompetente Hebamme sind?</strong></em></p>



<p>Die Geburtshilfe bei Drillingen ist plausibel in der alten Literatur beschrieben, wohingegen sie in heutigen Werken, beispielsweise in einem neu erschienenen Buch über Mehrlinge von Axel Krause, nicht wirklich nachvollziehbar ist. Der Weg zu einer gelingenden Drillingsgeburt ist sehr speziell, aber erlernbar ist auch das. Die Kriterien für eine Vorauswahl dessen, was außerklinisch in der Betreuung bei Schwangerschaften und Geburten prinzipiell möglich ist, muss man genau kennen – sonst bleibt man in Standards stecken. Diese werdenden Mehrlingsmütter kommen in großer Not zu mir, weil sie sehr unter Druck gesetzt werden, der frühzeitigen OP und der Trennung von ihren Kindern zuzustimmen. Mit den Konsequenzen der frühen Entbindung werden sie dann allein gelassen. Sie haben eine sehr subjektive Wahl getroffen. Dabei hat sie ein Kriterium vor allen anderen geleitet: Ihr berechtigter Wunsch nach einer interventionsfreien Begleitung ihrer Kinder ins Leben, den sie klinisch nicht berücksichtigt sehen. Wenn ich selbst betroffen wäre, hätte ich auf jeden Fall auch gerne eine freie Wahl des Geburtsortes und würde mir immer eine faire Betreuung suchen, welche meine und die Bedürfnisse meiner Ungeborenen gebührend berücksichtigt und mich nicht erpresst und bedrängt, sondern mich mit meinen Kindern verbindet und stärkt.</p>



<p>Drillingsgeburten sind nicht mein „Hobby“ – ich reiße mich nicht darum, solche besonderen Geburten zu betreuen. Aber ich bin vor allem meinem Gewissen verpflichtet und übernehme immer die Verantwortung für mein Handeln und Tun. Mit Freiheiten umzugehen und Regeln als kulturelle Notwendigkeit zu akzeptieren und einzuhalten, ist mir ein Selbstverständnis.</p>



<p><strong><em>Was möchten Sie Hebammen mit auf den Weg geben, wenn sie in ihrem beruflichen Alltag auf besondere Schwangerschaften stoßen?</em></strong></p>



<p>Man kann in unserem Beruf alles lernen, um das zu bewältigen, womit die Natur uns geburtshilflich konfrontiert – da gibt es keine Mythen und Geheimnisse. Aber man darf niemanden so unter Druck und in Angst und Schrecken versetzen, wie es mit Schwangeren und Müttern heute allzu oft geschieht. Schwangere Frauen brauchen Schutz und Hebammen. Will eine Hebamme also in der Schwangerschaft und bei der Geburt mehr als eine Nachbarin tun, dann ist sie aufgefordert, sich um physiologisches Geburtswissen zu kümmern. Sie muss sich fortbilden und dann aber auch als Hebamme handeln und sich nicht verdrängen lassen. Alles Wissen ist schon lange da und braucht nur wieder abgerufen zu werden. Besondere Schwangerschaften sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Uns Hebammen sollte ein hoher fachlicher Anspruch verbinden und wir sollten uns dem Schutz von Müttern und Kindern verpflichtet fühlen. Dem eigenen schwindenden Vertrauen in das Kernstück unseres Berufes, die Geburt, müssen wir dringend entgegenwirken! Wenn man sich die einvernehmlichen Meinungen der Gynäkologenschaft zu Themen der Geburtshilfe anhört, so bezweifele ich, ob sie wirkliche Gesprächspartner sein können bei Fragen zur gesunder Schwangerschaft und Geburt. Jede dritte Schwangere erleidet heutzutage eine Geburtsoperation. Diese Kinder werden nicht geboren. Sie werden in die Welt hinein operiert. Das ist kein möglichst guter Start in ein gelingendes Leben. Besondere Schwangerschaften brauchen besondere Hebammen Unterstützung – noch sind wir da.</p>



<p><strong><em>Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit Sie bereit sind, bei einer Geburt zu helfen? Nehmen Sie jede Frau an, die mit einer „besonderen Geburt“ zu Ihnen kommt?</em></strong></p>



<p>Natürlich unterstütze ich jede Schwangere. Ob ich ihr bei der Entbindung beistehen kann, zeigt dann der Verlauf der Schwangerschaft. Um eine außerklinische Geburtshilfe möglich zu machen, muss in erster Linie die Abwesenheit von Krankheit bei der Mutter feststellbar sein. Das gehört zu meinen Kernkompetenzen. In der alten Literatur wird klar beschrieben: Das Gefährlichste in der Schwangerschaft sind Medikamente jeder Art, Alkohol, Drogen, schlechter Lebenswandel und Stress! Gerade vor Medikamenten muss gewarnt werden. Wir wissen nie, was für ein Langzeitprogramm sie bei dem Ungeborenen neben dem vermeintlich erwünschten „Schutz“ noch initiieren. Das deckt sich mit den Erkenntnissen von Prof. Berthold Huppertz aus seiner Plazentaforschung. Es wird oft vergessen, dass die Plazenta mit allem zurechtkommen muss, was der Frau verabreicht wird. Außerdem weist die Forschung heutzutage nach, dass die Ängste der Mütter das Kind unter maximalen Stress setzen und beim Kind dann eine hormonelle Gegensteuerung auslösen, die sich stark gesundheitsschädigend auswirkt. All das ist schon lange bekannt und gehört in die aufklärende Arbeit der Hebamme! Besondere Situationen müssen grundsätzlich adäquat berücksichtigt und fachlich eingeordnet werden. Das bestimmt den persönlichen Entscheidungsweg der Hebamme, ob sie hier Geburtshilfe leisten kann oder nicht. Es kommen keinerlei Interventionen in der Schwangerschaft in Frage, nur präventive Maßnahmen zur Vermeidung von größeren Problemen bei beginnenden Auffälligkeiten. Primär muss immer erst die Fähigkeit zur Selbstregulation des mütterlichen Körpers unterstützt werden. Manipulationen jeder Art, auch Wendungen bei Beckenendlage, lehne ich persönlich ab. Mir stellt sich stattdessen die Frage, warum liegt das Kind in Beckenendlange? Man kann mit einer erzwungenen Wendung Kind und Mutter aus der Balance bringen und viel Schaden anrichten. Das Kind ist ein Mensch, der klar signalisieren und sehr gut kommunizieren kann. Und als Hebamme kann man die Botschaften deuten. Eine gesunde Reaktionslage des Kindes reicht weit über die Parameter hinaus, die klinisch untersucht werden können.</p>



<p><em><strong>Sie sagen also auch „Nein“, wenn Sie eine Hausgeburt nicht verantworten können?</strong></em></p>



<p>Selbstverständlich gibt es Grenzen für Hausgeburten, also Situationen, in denen ein differenziertes klinisches Management für die Gesundheit von Frau und Kind vorzuziehen ist.</p>



<p><em><strong>Für Sie gilt ine Drillings- oder eine Beckenendlagengeburt nicht grundsätzlich als Risikogeburt?</strong></em></p>



<p>Ganz genau. Es ist eine besondere Schwangerschaft, um zunächst einmal den Gedanken an „Gesundheit“ als dynamischen Gleichgewichtszustand zu wahren. Und es ist eine Situation, die gerade besonders viel Hebammenunterstützung braucht. Diese Frauen haben schon genug Unruhe in sich und um sie herum. Abgesehen von den schnellen körperlichen Veränderungen, ist es für sie bei Mehrlingsschwangerschaften keine einfache Vorstellung, demnächst mehr als einen Säugling zu haben. Die Umgebung suggeriert der werdenden Mutter, dass es nur die frühzeitige Operation als Lösung gibt. Viele Frauen möchten aber nicht operiert werden. Das reicht doch schon!</p>



<p>Wenn die Schwangere dann überhaupt keine kompetente Hilfe mehr erwarten kann, vor allem keine Differenzierungen, sondern nur noch „gesetzmäßig“ eingeordnet wird, ist das ein Verlust wesentlicher menschlicher Kultur. Vor allem stellt sich mir die Frage, wie wir als Frauen mit anderen Frauen umgehen. Was bräuchten wir selbst in der Situation? Und wer sollte uns davon abhalten, das zu bekommen, was wir brauchen?</p>



<p><em><strong>Gehen Sie nicht sehr weit, wenn Sie bei solch außergewöhnlichen Geburten ausgerechnet auf Borkum Hebammenhilfe leisten? </strong></em></p>



<p>Ich wünschte, ich könnte Schwangeren empfehlen, in diese oder jene Klinik zu gehen, weil es dort wirklich gut läuft. Zwei Stunden vom Festland entfernt Drillinge holen zu müssen – das wünscht sich niemand, auch ich nicht. Aber ich habe gelernt und geübt, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung verlangt vom Einzelnen immer persönliche Anstrengung, Selbstdisziplin und die Bereitschaft zur Leistung. Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit lässt auch die werdenden Mütter die Herausforderungen der Geburtsarbeit mit der nötigen Gelassenheit und Zuversicht angehen. Ein nicht unwichtiger Punkt: Die werdenden Mütter wissen, was in ihnen steckt. Sie bringen die besten Voraussetzungen mit und scheuen keine persönliche Anstrengung, um ihren Kindern einen guten Start zu ermöglichen. Sie nehmen eine lange Reise auf sich bis nach Borkum. Autonomie und Freiheit gehören zu einer humanen Demokratie.</p>



<p>Die Eltern wissen genau, was ich leisten kann und was nicht. Ich überschreite keine Grenzen und bin auch nicht allein bei diesen Geburten. Da wird sehr gut geplant und ein ganzes geburtshilfliches Team samt einer erfahrenen Ärztin wird hinzugezogen. Diese Menschen reisen ebenfalls nach Borkum im Respekt vor dem Weg der Eltern und mit großer Bereitschaft, zu unterstützen.</p>



<p>Die Eltern sind aufgeklärt, dass es nicht dem heutigen Stand der Geburtshilfe entspricht, Mehrlinge, Beckenendlagengeburten oder andere besondere Geburten zu Hause zu betreuen. Sie wissen auch, dass es hier auf Borkum keinen Gynäkologen und kein Krankenhaus gibt, und dass sie auf dem normalen Schiffsweg zwei Stunden vom Festland entfernt sind.</p>



<p><em><strong>Was „bewegt“ diese Eltern? </strong></em></p>



<p>Die Eltern machen sich erst auf den langen Weg, nachdem sie sich mit der Problematik intensiv auseinandergesetzt haben. Sie würden ja ein Krankenhaus aufsuchen, wenn es für sie eine menschliche und fachliche Alternative böte! Sie realisieren aber, dass sie keine elterliche Macht mehr ausüben können, wenn ihre frühgeborenen Kinder im Krankenhaus sind – dass sie also vorübergehend eines Grundrechtes beraubt werden. Das ist für einige Eltern keine Option. Die Schwangerschaft wird von ihnen als Ganzes ge- und erlebt. Sie sind mit ihren Kindern in Kontakt, kommen dann hierher und besprechen ihre Situation ganz genau. Alle Drillingseltern, die wir entbunden haben, sind trotz ihrer glücklichen Geburten mit Vorwürfen überschüttet worden, genau wie unser gesamtes geburtshilfliches Team – immer wieder.</p>



<p>Niemand – weder aus meinem Kolleginnenkreis noch aus dem Umfeld der Eltern, sagt: Herzlichen Glückwunsch! Oder: Wie habt ihr das gemacht – kann man das lernen? Es wird immer nur Leichtsinn unterstellt, alle haben halt Glück gehabt und es wird nichts hinterfragt. Das schmerzt. Als wäre in jedem besonderen Fall die maximale Angst und die am weitesten reichende „Therapie“ angebracht und Heil bringend.</p>



<p><em><strong>Sie stellen sich mit Ihrer Haltung gegen die gesamte geburtshilfliche Schulmedizin. Wie sichern Sie sich ab, falls es bei einer besonderen Geburt zu einem Schadensfall kommen würde, was Ihnen offenbar noch nicht passiert ist?</strong></em></p>



<p>Nein, einen Schadensfall und geburtshilfliche Katastrophen habe ich außerklinisch noch nie erlebt. Aber mit sämtlichen beschriebenen geburtshilflichen Komplikationen habe ich bei Hausgeburten schon umgehen müssen. Schließlich war ich 15 Jahre in der praktischen Weiterbildung von Kolleginnen in außerklinischer Geburtshilfe tätig. Nur dafür gab es ja das Fortbildungszentrum Pegasus, um das Potenzial junger Kolleginnen zu fordern, bevor es verdorrt oder sich Auswege sucht.</p>



<p><strong><em>Wie sichern Sie sich gegen Klagen und Regressansprüche ab, damit Sie – bei allem humanitären Anspruch – nicht Ihre eigene Existenz gefährden?</em></strong></p>



<p>Das kann man in letzter Konsequenz nicht. Die Definition von Recht und Unrecht ist immer eng verbunden mit der Ausübung von Macht. Man kann zwar die Eltern umfassend aufklären. Aber ein einziger Haftungsfall kann heutzutage ausreichen, um die Hebamme zu ruinieren. Das ist mir sehr bewusst. Wenn dieser Fall eintritt, ist es egal, ob ich <em>ein</em> Kind auf die Welt geholt habe oder mehrere auf einmal. So, wie es im Moment läuft, kann ich immer vollständig ruiniert werden in der Ausübung meines Berufes. Die Rechtssprechung zeigt deutlich, dass sich die „Schuld“ problemlos und immer auf die Hebamme abschieben lässt. Das ist der Preis dafür, dass es einen unausgesprochenen Allmachtsgedanken in der Geburtsmedizin gibt. Solange die Hebammenarbeit sich nicht deutlich davon abgrenzen lässt, zahlt die einzelne Hebamme dafür.</p>



<p><strong><em>Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Eltern persönlich – sind sie ein Risiko für ihre Kinder eingegangen, indem sie zu Ihnen nach Borkum gekommen sind, um ihre Drillinge zur Welt zu bringen?</em></strong></p>



<p>Ein „Risiko“ besteht bei jeder Geburtsform und an jedem Geburtsort. In den beschriebenen Fällen wurde das klinische Risiko für die jeweilige Familie höher bewertet. Die Eltern waren bemüht, das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder zu schützen und ihnen den bestmöglichen Start zu bieten. Sie sahen keine wirkliche Alternative. Wir haben darüber ausführliche Gespräche geführt – über das, was möglich ist und was nicht möglich ist. Sie haben meist einschlägige, sehr persönliche Erfahrungen gemacht. Daraus ziehen sie ihre Schlüsse und entscheiden. Außerdem kann man, wenn nötig, auch von der Insel eine Verlegung in eine Klinik oder Kinderklinik veranlassen. Das ist ebenso möglich wie in Berlin, München oder in ländlichen Gebieten.</p>



<p><em><strong>Wie lange dauert eine Verlegung im Ernstfall?</strong></em></p>



<p>Wenn die Rettungskette gut funktioniert, ist eine Verlegung innerhalb einer halben Stunde möglich. Da aber die Hubschrauber für alle ostfriesischen Inseln im Einsatz sind, sind sie unter Umständen gerade unterwegs und man muss länger warten – genauso wie überall. Manchmal können sie wetterbedingt auch nicht fliegen und mit dem Seenotrettungsboot, das dann eingesetzt wird, ist man eine Stunde bis zum Festland unterwegs. Eigentlich ist kein großer Unterschied zum Festlandprocedere vorhanden. Wenn man dort in ein Krankenhaus verlegt, hat das OP-Team vielleicht auch gerade einen anderen Notfall zu versorgen, oder man steht im Stau oder der Krankenwagen kommt und kommt nicht. Die Frage des Notfallmanagements wird hierzulande oft überstrapaziert.</p>



<p>Man bemüht sich immer um die besten Umstände: Mit unserem ganzen Rettungswesen haben wir hier in Deutschland – im Vergleich mit anderen europäischen Ländern – einen sehr ausgezeichneten Service.</p>



<p><em><strong>Im zweiten Teil des Interviews schildert Barbara Kosfeld ihre präventive Hebammenarbeit auf Borkum.</strong></em><br><br><a href="https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/" data-type="post" data-id="2855">Weiter Lesen: Teil 2 &#8211; Als Inselhebamme auf Borkum</a></p>



<p><strong>Die Interviewte </strong><br><strong>Barbara Kosfeld</strong> gründete 1994 die erste Aachener Hebammenpraxis, 1997 das erste Aachener Geburtshaus, das im Dezember 2006 aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Perspektive für die Hebammen geschlossen wurde. Sie initiierte 1998 die Fortbildungsakademie Pegasus für Hebammen e.V. Seit 1999 berät sie Hebammen bei Unternehmensgründungen. Außerklinische Geburtshilfe unterrichtet sie europaweit. Seit März 2007 ist sie auf der Insel Borkum als freiberufliche Hebamme tätig. (Stand September 2009)</p>
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