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	<title>Nachruf &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<description>Filmemacherin, Journalistin, Hebamme</description>
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	<title>Nachruf &#8211; Katja Baumgarten</title>
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		<title>Die beherzte Holländerin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Feb 2021 06:13:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Blick zurück auf das Wirken von Elfriede Fletterman, in Berlin und Hannover wie auch im Hebammenverband als »Elf« bekannt: Die gebürtige Niederländerin arbeitete zunächst im Kreißsaal, dann in der Hausgeburtshilfe. Als Rentnerin widmete sie sich der ehrenamtlichen Hospizarbeit. Ihr fachliches Selbstbewusstsein und ihre empathische Solidarität bleiben in Erinnerung. »Meine Kollegin bringt weder ein transportables<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/die-beherzte-hollaenderin/"><span class="screen-reader-text">"Die beherzte Holländerin"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Ein Blick zurück auf das Wirken von Elfriede Fletterman, in Berlin und Hannover wie auch im Hebammenverband als »Elf« bekannt: Die gebürtige Niederländerin arbeitete zunächst im Kreißsaal, dann in der Hausgeburtshilfe. Als Rentnerin widmete sie sich der ehrenamtlichen Hospizarbeit. Ihr fachliches Selbstbewusstsein und ihre empathische Solidarität bleiben in Erinnerung.</strong></p>



<p>»Meine Kollegin bringt weder ein transportables Wasserbecken noch einen Gebärhocker mit. Die Schwangere, die sich telefonisch bei ihr zur Hausgeburt anmelden wollte, legt dankend wieder auf. Meine Kollegin hat auch keine Zusatzausbildung in Homöopathie, Fußreflexzonenmassage oder Akupunktur. Wenn sie eine Frau betreut, bringt sie in erster Linie etwas anderes mit: die klassischen Tugenden einer Hebamme, von alters her – ihr umfangreiches geburtshilfliches Wissen, Erfahrung, Feinfühligkeit, Menschenkenntnis, Respekt, Zuneigung, Geduld. Sie verströmt unerschütterliche Sicherheit, dass die Frau ihre Geburt aus eigener Kraft bewältigen wird. Medikamente finden sich in ihrem Hebammenkoffer ausschließlich für den Notfall. Der ist nicht übermäßig schwer. Zum Wochenbettbesuch kommt sie immer mit der gleichen Tasche: für die anschließenden Einkäufe im Supermarkt. Nur ihr Portemonnaie ist darin.«</p>



<p>Elfriede Fletterman war es gewesen, die mich vor 20 Jahren zu diesem Editorial für die DHZ inspiriert hatte. Im April 2001 ging es um Naturheilkunde in der Hebammenarbeit und ihre »Nebenwirkungen«. Wir hatten wieder einmal einen angeregten Austausch gehabt: Sie war beunruhigt über eine unübersehbare Entwicklung im Berufsstand und befürchtete, dass das Hebammenhandwerk hinter der zunehmenden Fülle möglichst breiter Angebote zu verschwinden droht. Das »eigentliche« geburtshilfliche Können, das Kerngeschäft der Hebammenkunst, schien nicht mehr auszureichen.</p>



<p>Elf, wie sie kurz und herzlich genannt wird von denen, die sie kennen, beobachtete eine »Bauchladenmentalität«. Schwangere würden von diesen Dienstleistungen der Hebammen und den teilweise noch so gut gemeinten Angeboten eher in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Kompetenz verunsichert und zu falschen Erwartungshaltungen geführt.</p>



<p>Sie selbst hatte das ganze geburtshilfliche Spektrum der Hebammenkunst zu bieten: 1944 in Den Haag geboren, hatte sie als junge Frau Anfang der 1960er Jahre in den Niederlanden ihre Hebammenausbildung absolviert – handwerklich solide und umfassend, wovon sie ihr Leben lang profitierte. Weder CTG noch Ultraschall gab es damals: Sie hatte zu lernen, mit dem Hörrohr und ihren Händen auszukommen, all ihre Sinne einzusetzen und sich darauf zu verlassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von der Klinik- zur Hausgeburt</h2>



<p>Ohne Anregungen aus ihrem Familienhintergrund war es eine Fügung gewesen, wie sie zu ihrem Berufswunsch gefunden hat. Als Mädchen war sie durch Zufall bei der Geburt eines Lämmchens dabei gewesen und hatte es aus seiner Eihülle befreit. »Hebamme – das werde ich!«, wusste sie in dem Moment. Bei mehr als 3.000 Geburten hat sie in ihrem Berufsleben geholfen, schätzt sie später: Erst in einer großen Klinik, später bei Hausgeburten. Nach der Ausbildung geht sie mit ihrem damaligen Partner zunächst nach Südafrika, wo die beiden 1966 heiraten. 1968 ziehen sie nach Berlin: Dort arbeitet Elf 16 Jahre lang am St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof.</p>



<p>Sie erzählte über ihre Arbeitssituation dort immer sehr positiv: Ihr zupackender Einsatz, ihre gute Ausbildung und ihre wachsende Erfahrung verschafften ihr als Hebamme Respekt und sie konnte in der Klinik so arbeiten, wie es ihrem geburtshilflichen Selbstverständnis entsprach.</p>



<p>In den 1970er Jahren wächst die Familie: Ihre Tochter Saskia kommt 1974 zur Welt, ihr Sohn Felix drei Jahre später. Elf gönnt sich nur die beiden beruflichen Pausen, die die Mutterschutzzeit vorgibt. Durch berufliche Veränderungen ihres Mannes gibt Elf schließlich ihre sichere Anstellung in der Klinik auf und folgt ihm mit den Kindern 1984 nach Hannover. Hier ist der berufliche Start zunächst alles andere als entgegenkommend: Ihre Diabetes-Erkrankung ist der Grund dafür, dass kein Krankenhaus bereit ist, sie einzustellen. Ein Glück im Rückblick! Notgedrungen beginnt sie sich für die Freiberuflichkeit zu interessieren – die Hausgeburtssituation ist damals von massivem Hebammenmangel und großer Nachfrage der Frauen geprägt. Das neue Hebammengesetz von 1985 mit dem lang ersehnten Wegfall der Niederlassungserlaubnis steht unmittelbar bevor. Bis dahin war die Zulassung von neuen freien Hebammen für Hausgeburten behördlich stark reglementiert.</p>



<p>Der Einstieg in Hannover ist für Elf ein beherzter Sprung ins kalte Wasser: Eigentlich hatte sie die Hausgeburtskollegin Sigrun Marquald, die in ihrer Nachbarschaft wohnte, erst einmal nur kennenlernen wollen, um sich bei ihr über die Freiberuflichkeit zu erkundigen. Die drückt ihr jedoch gleich ihren Hebammenkoffer in die Hand und bittet sie, sie zu vertreten, weil sie wegmüsse. Gesagt, getan. Elf hospitiert bei Sigrun danach noch bei einigen Geburten und macht sich mit der neuen Arbeitsweise vertraut. Dann übernimmt sie zügig selbst Frauen zur Betreuung, häufig im Team mit einer weiteren Kollegin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Mit Herzblut für die Frauen</h2>



<p>Elfriede Chemaitis-Fletterman, wie sie damals noch heißt, ist ein großer Gewinn für die Hausgeburtsszene in Hannover und Umgebung. Die schlanke, drahtige Frau mit kurzen Haaren und häufig mit knallrotem Lippenstift findet schnell Kontakt. Ihre unverblümte, frische Art, den Nagel auf den Kopf zu treffen, der charmante holländische Akzent, das große fachliche Selbstbewusstsein als Hebamme – vor allem aber ihre bedingungslose Solidarität für die Frauen, die sie mit Herzblut betreut: Es dauert nicht lange, bis sich herumgesprochen hat, dass eine neue Kollegin im Einsatz ist.</p>



<p>Wir Hausgeburtshebammen – auch ich war seit 1983 in Hannover in der Hausgeburtshilfe aktiv – hatten damals große Unterstützung von einigen ärztlichen GeburtshelferInnen, insbesondere von Dr. Lothar Kindermann, später auch Marina Kaiser-Springorum und Dr. Ela Stammer.</p>



<p>Gemeinsam mit den ÄrztInnen traut sich Elf auch geburtshilflich anspruchsvolle Einsätze zu, wie Beckenendlagen oder Zwillingsgeburten, als dieses geburtshilfliche Handwerk in den hiesigen Kliniken zugunsten geplanter Sectiones zu verschwinden droht. Sie hat das in den Niederlanden gelernt, wo Hebammen in der Hausgeburtshilfe umfassendere Kompetenzen haben als bei uns. Auch in der Klinik in Berlin gehörte dieses Können zu ihrem geburtshilflichen Alltag.</p>



<p>Dass Qualität in der Hausgeburtshilfe nicht nur an oberster Stelle steht, sondern auch sichtbar gemacht wird, ist ihr immer ein Anliegen. Sie kümmert sich frühzeitig um die Perinatalerhebung im hannoverschen Raum. Dadurch ist sie auch unter den Kolleginnen und im Verband gut vernetzt. Von 1997 bis 2005 ist sie Landeskoordinatorin von QUAG e.V. Etwa in dieser Zeit nimmt sie auch als Gasthörerin an Seminaren von Prof. Dr. Barbara Duden am Institut für Soziologie der Uni Hannover teil – zur Zeitgeschichte der Hebammenarbeit. Sie ist davon sehr inspiriert: In jungen Jahren hatte sie keine Gelegenheit zu studieren, und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Berufsstand fasziniert sie. Als Praktikerin ist sie dort hochwillkommen und trägt zu einem lebendigen, fruchtbaren Austausch bei.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Mit ganzer Kraft – auch in Grenzsituationen</h2>



<p>Die Geburten, die sie auf besondere Weise bewegt und gefordert haben, während es gleichzeitig ihre schönsten Erlebnisse waren, sind die ihrer vier Enkelinnen. Als Hebamme ihrer eigenen Tochter in deren »schweren Stunden« zur Seite zu stehen, »das ist nochmal etwas ganz anders«, schildert sie mir einmal. Wenn das eigene Kind Schmerzen leide, könne man sich nicht so abgrenzen, wie man es sonst als Hebamme professionell gewohnt sei. Deshalb holt sie sich dabei jeweils eine befreundete Hebammenkollegin dazu.</p>



<p>Unsere Verbindung ist nicht allein kollegial, sondern auch sehr persönlich: durch die besondere Geburt von Martin, meinem vierten Kind. Nach einer niederschmetternden pränatalen Diagnose für ihn in der Mitte der Schwangerschaft, mit seinen schweren Fehlbildungen ist klar, dass er nicht lange leben wird. Ich entscheide mich zur Hausgeburt, statt zum »angebotenen« späten Schwangerschaftsabbruch. Nach der Absage einer anderen Kollegin, diese Geburt zu betreuen, sagt Elf sofort zu, ohne zu zögern. Im starken Team, gemeinsam mit Lothar Kindermann und Marina Kaiser, sind mein Sohn, meine Familie und ich bei dieser Geburt zu Hause mit dem anstehenden Abschied so bestmöglich beschützt.</p>



<p>Diese direkte Solidarität, auch in Grenzsituationen der Gebärenden mit Herz und Seele zur Seite zu stehen, zeichnet Elfs Haltung in ihrem ganzen Berufsleben aus. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass sie nach bekannter infauster pränataler Diagnose zur Begleitung einer Familie bereit ist, wo Geburt und Abschied eines Kindes zusammenfallen. Als ich mit meinem autobiografischen Film »Mein kleines Kind« einige Jahre später zu Kinodiskussionen eingeladen werde, sitzt sie mehrfach mit auf dem Podium und stellt sich den Fragen des Publikums.</p>



<p>Pünktlich mit 65 Jahren geht Elf 2009 in Rente: Es ist für sie ein klarer Schnitt. Eine Ausnahme sind die beiden letzten Geburten ihrer Tochter 2010 und 2013 – ihre letzten Einsätze als Hebamme.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Am Ende des Lebens</h2>



<p>Wenn wir uns treffen, betont sie, auch wenn sie ihren Beruf geliebt habe, die permanente Rufbereitschaft fehle ihr nicht. Die Entwicklung in der Hausgeburtshilfe mit dem exorbitanten Anwachsen der Berufshaftpflichtversicherung und den zunehmenden juristischen Risiken empfinde sie als bedrückend. Sie sei froh, dass sie unter diesen Umständen nicht mehr arbeiten müsse. Sie hat nun endlich Zeit, im Chor zu singen, und sie genießt das.</p>



<p>Und Elf beginnt, ehrenamtlich Menschen an deren Lebensende zu begleiten. Sie besucht Fortbildungen zur Hospizarbeit. Ob es eine Zigarette ist, die sie einem Schwerstkranken hält, ob sie jemandem etwas vorliest oder einer Frau hilft, Lippenstift aufzulegen: Sie hat bei ihren wöchentlichen Besuchen immer das feine Gespür, womit sie den Menschen einen Wunsch erfüllen kann. Zwei oder drei solcher Besuche macht sie pro Woche in unterschiedlichen Hospizen oder bei den PalliativpatientInnen zu Hause. Manche dieser Begleitungen sind eher kurz, andere erstrecken sich über Jahre – Beziehungen, die immer vertrauter werden.</p>



<p>2019 beendet Elf die ehrenamtliche Hospizarbeit. Es ist das Jahr, in dem wir uns im Sommer das letzte Mal zufällig über den Weg laufen, spontan in ein Café setzen und uns wieder mal aufs Laufende bringen: Gerade denkt Elf über ihre künftige Wohnsituation im Alter nach. Wie immer, gibt es viele Familiendinge zu erzählen: von den Kindern und den inzwischen sieben Enkelkindern – ihr Sohn Felix ist jetzt Vater von drei Söhnen. An deren Leben und Entwicklungen nimmt sie regen Anteil. Die Trennung von ihrem Mann liegt schon viele Jahre zurück, scheint aber manchmal noch schmerzhaft hindurch. Das nächste Mal wollen wir uns in meinem Garten treffen …</p>



<p>Saskia wird mir später erzählen, was ich direkt von Elf nicht mehr erfahren kann: Anfang vergangenen Jahres spürt sie, dass gesundheitlich etwas nicht stimmt: »Mich frisst etwas auf von innen«, sagt sie zu ihrer Tochter. Im Frühjahr wird ihre schwere Erkrankung schließlich diagnostiziert. Die Zeit, die ihr bleibt, ist begrenzt. Ihren 76. Geburtstag feiert sie am 29. August im Kreis der Familie – ihr schönster Tag im ganzen Jahr, sagt sie. Die Klinikaufenthalte sind für sie außerordentlich belastend: Sie, die immer achtsam und solidarisch mit den Frauen umgegangen war, leidet darunter, wie unwürdig und missachtend sie als Patientin in der unpersönlichen Krankenhausroutine behandelt wird.</p>



<p>Weil sie sich nicht mehr allein zu Hause versorgen kann und palliative Pflege braucht, findet der Malteser Hospizdienst, für den sie jahrelang ehrenamtlich gearbeitet hatte, für sie einen Platz im Hospiz in Salzgitter. Sie lebt spürbar wieder auf, seit sie dort ab Ende September zu Gast ist. »Ich werde hier nicht nur fachlich super betreut, sondern auch mit Respekt, Würde und viel Herz umsorgt. Das ist einfach toll«, zitiert die Salzgitter Zeitung Elf in einem Artikel, der am 7. November 2020 über sie erscheint: »Hebamme Elfriede Fletterman hat sich ein Leben lang um Menschen gekümmert, im Hospiz wird sie nun umsorgt.« Ihre Lieblingsspeisen werden dort beispielsweise extra für sie zubereitet. Nicht nur das Sprechen, auch das Essen fällt ihr inzwischen sehr schwer und sie kann alles nur noch püriert zu sich nehmen. Besonders liebt sie Kartoffelbrei mit Butter. Einen Wunsch habe sie noch, äußert Elf in dem Artikel: »Noch einmal alleine aufstehen können. Und mit ihren Kindern Weihnachten feiern.«</p>



<p>Dieser Wunsch wird für sie nicht mehr in Erfüllung gehen. Wenige Tage später, in der Nacht vom 11. auf den 12. November ist Elfriede Fletterman im Hospiz Salzgitter gestorben.</p>
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		<title>Freigeist mit Reibungsfläche</title>
		<link>https://viktoria11.de/freigeist-mit-reibungsflaeche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Nov 2017 23:00:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[ Der Geburtshelfer und Frauenarzt Dr. Gerd Eldering prägte im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg und darüber hinaus seit Anfang der 1980er Jahre neue Wege in der Geburtshilfe. Der Wunsch der Frau und ihrer Familie und das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung standen für ihn im Mittelpunkt bei allen Neuerungen. Ein Nachruf. „Der Moment, in dem Mutter<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/freigeist-mit-reibungsflaeche/"><span class="screen-reader-text">"Freigeist mit Reibungsfläche"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p> <strong>Der Geburtshelfer und Frauenarzt Dr. Gerd Eldering prägte im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg und darüber hinaus seit Anfang der 1980er Jahre neue Wege in der Geburtshilfe. Der Wunsch der Frau und ihrer Familie und das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung standen für ihn im Mittelpunkt bei allen Neuerungen. Ein Nachruf.</strong></p>



<p>„Der Moment, in dem Mutter und Kind sich zum ersten Mal in die Augen sehen, ist ein besonderer, schützenswerter ‚Augenblick’“, schrieb der Frauenarzt und Geburtshelfer Dr. Gerd Eldering 2004 in einem Artikel für die DHZ. „Beide sollten jetzt nach Möglichkeit nicht getrennt werden. Um dem Säugling den Übergang in die Arme seiner Eltern zu erleichtern, tun wir alles, um auf seine empfindlichen Sinne Rücksicht zu nehmen: Wir legen das Kind auf ein angewärmtes dunkelrosa Tuch zwischen die Beine seiner Mutter. Nach der Geburt sind wir Geburtshelfer – Hebammen und Ärzte – nur noch Beobachter. Wir fassen das Kind nicht an. Der erste Berührungskontakt kommt von den Eltern. Das auf dem Tuch liegende Kind kann dann von seiner Mutter, seinem Vater aufgenommen und angenommen werden. So können alle drei nach und nach Kontakt miteinander aufnehmen und ein Familiengefühl entwickeln. Das Licht ist gedämpft, es wird, wenn überhaupt, leise gesprochen. Wir wollen in unserer emphatischen Vorstellung dem Kind ermöglichen, sanft und langsam in diese Welt einzutreten. Damit die Mutter es wirklich annimmt und damit die Verantwortung für ihr Kind übernimmt, warten wir, bis sie es selbst hochhebt und an ihre Brust legt: eine Geste des Beschützens.“ (siehe DHZ 3/2004, Seite 44ff.)</p>



<p>Als Gerd Eldering 1980 als Leiter der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospitals (VPH) nach Bensberg gekommen war, stand seine Abteilung mit 200 Geburten pro Jahr kurz vor der Schließung. Gemeinsam mit den Hebammen und ÄrztInnen reformierte er das bis dahin schulmedizinische Konzept mehr und mehr, indem er Elemente der „alternativen“ Geburtshilfe einfließen ließ. Diese waren inspiriert von Frédérick Leboyer, Michel Odent, Sheila Kitzinger und vielen, die sich aus unterschiedlichen Richtungen dem Gedanken einer humanen Geburtshilfe mit einem glücklichen Start für das Neugeborene und einer gelungenen Eltern-Kind-Bindung verschrieben hatten.</p>



<p>Beeinflusst von den 68ern, hatte er den Erneuerungswillen, persönlich auch das Rückgrat, die Gabe zu Überzeugen und die Durchsetzungskraft, den Zeitgeist der Frauen- und Gesundheitsbewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre aufzunehmen und dem restriktiven Routinebetrieb der konventionellen Kliniken entgegenzusetzen. Bensberg wurde weit über die Region hinaus bekannt als Vorreiter bei vielen Innovationen, darunter auch allerlei technischen Entwicklungen. Im Zentrum stand die menschliche Haltung gegenüber der Frau, dem Kind und der Familie.<br><br></p>



<p><strong>Die Wünsche der Frau als Richtschnur</strong></p>



<p>„Immer auf Augenhöhe mit der gebärenden Frau“, lautete eine der Grundregeln, die Eldering sich mit seinem Team zu Eigen machte. Das war durchaus wörtlich zu nehmen: Wenn eine Frau ihr Kind in der Hocke zur Welt brachte, hatten sich alle im Raum auf ihre Höhe zu begeben – ohne Ausnahme. „Wenn ich reinkomme, klopfe ich. Dann warte ich einen Moment und erst wenn die gebärende Frau ‚herein’ sagt, komme ich rein. Das verstehe ich unter ‚Bewahrung der Privatsphäre‘. Das erhält den Frauen beziehungsweise den Familien die Stärke“, erläutere er einmal seine Haltung. (Baumgarten 2005)</p>



<p>„Wir hielten es für wichtig, dass Frauen ihre eigenen Kräfte unter der Geburt haben und behalten. Wir haben nur da eingegriffen, wo es medizinisch unbedingt notwendig war.“ Das Handwerk zur Entwicklung einer spontanen Beckenendlagengeburt oder die Leitung von Mehrlingsgeburten beherrschten er und die ÄrztInnen in seinem Team. Zum Dogma erhob er die natürliche Geburt nicht: „Wir haben natürlich auch respektiert, dass Frauen Schmerzmittel unter der Geburt wollten, wie zum Beispiel die Leitungsanästhesie. Wir waren eine der ersten Kliniken, die auch den Kaiserschnitt in Leitungsanästhesie durchführten.“ (babyportal.de)</p>



<p>Eldering setzte sich konstruktiv mit ungewöhnlichen Wünschen der Frauen auseinander. So konnten ab 1982 die Frauen auch Wassergeburten wählen, was zu der Zeit unter GeburtshelferInnen hoch umstritten war. „Wir haben Literaturstudium betrieben und sind in andere Zentren gefahren, wo in Europa bereits Wassergeburten üblich waren, beispielsweise nach Moskau“, schilderte er einmal die Anfänge. In Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelte er damals ein wasserdichtes CTG-System, mit dem auch in der Wanne die kindlichen Herztöne und die Wehen abgeleitet und überwacht werden konnten. Er führte die Diskussion in Fachkreisen mit seiner Studie über die ersten 1.000 Wassergeburten in Bensberg mit positivem Outcome: Sie zeigte, dass Wassergeburten unter den dort festgelegten Bedingungen nicht gefährlicher waren als Geburten außerhalb des Wassers, jedoch zu weniger Geburtsverletzungen und Dammschnitten führten. Bis zu seinem Ausscheiden wurden dort 3.500 Kinder im Wasser geboren.</p>



<p>Als erster in Deutschland führte Gerd Eldering 1995 die damals innovative Sectio-Operationstechnik nach Misgav-Ladach ein. Das Team hatte sie beim Besuch in Jerusalem im familienfreundlichen, fortschrittlich eingestellten Misgav-Ladach-Hospital beim dortigen Chefarzt Dr. Michael Stark kennengelernt – als eher zufälligen Nebeneffekt des Besuchs.</p>



<p>In der Wochenstation in Bensberg wurden Familienzimmer eingerichtet: Die Mutter, der Vater, das Neugeborene und gegebenfalls auch Geschwisterkinder blieben so zusammen und es war selbstverständlich, dass alle Familienmitglieder am Morgen- und Abendbuffet mit versorgt wurden.</p>



<p>Für Kinder, die nach der Geburt eine Phototherapie brauchten, konstruierte er ein spezielles Bett, Bilarium genannt, in dem sie an der Brust der Mutter liegen konnten und nicht von ihr getrennt werden mussten.<br><br></p>



<p><strong>Reformen im Umgang mit frühen Verlusten</strong></p>



<p>Frühzeitig reformierte er die Betreuung von Müttern, die ein intrauterin verstorbenes Kind zur Welt brachten. „Man glaubte uns zunächst einfach nicht, dass die Eltern sich das Kind ansehen, es berühren und es selbst anziehen sollten“, beschrieb er einmal den Widerstand betroffener Eltern, als diese Begleitung zum Abschied noch nicht üblich war. In solchen Situationen habe er auf das blinde Vertrauen der Frauen in ihn als Arzt gesetzt: „Glauben Sie mir, es ist so. Ich habe mich schon lange damit auseinandergesetzt. Ich weiß es, dass es gut für Sie ist!“</p>



<p>In seiner Facharztausbildung hatte er in den 1970er Jahren das Gegenteil gelernt: „Wir haben in unserer Ausbildung eigentlich nur die Geburt gelernt als organischen Vorgang und nicht als psychisches Erleben von Eltern“, beschrieb er es einmal: „Das heißt, wir mussten dafür sorgen, medizinisch gesehen, dass der tote Fötus so schnell aus der Mutter herauskam, wie nur eben möglich. Wir meinten, Mütter schonen zu müssen und zu können, dadurch, dass wir sie nicht zu sehr mit dem Tod konfrontierten. Wir haben deswegen Tücher gespannt, damit die arme Mutter nicht ihr totes Kind sehen musste.“ (www.veit.de)</p>



<p>Ein Novum war auch ein kleiner Friedhof im Park des Krankenhauses, wo Eltern ihre kleinen Kinder bestatten konnten, die sie als Fehlgeburt verloren hatten und die zu jener Zeit als „Abortmaterial“ normalerweise noch im Klinikmüll entsorgt wurden. Eldering widersetzte sich der barbarischen Sprache im routinierten Medizinbetrieb: „Abort ist für mich ein WC im Zug“, konnte er sich erregen, ebenso bei Begriffen, wie „Geburtskanal“, „Vaginalrohr“, „Blasensprengung“, „Austreibungsperiode“, „Skalpelektrode“, „Geburtsobjekt“ oder „Milcheinschuss“. Von Ungeborenen sprach er grundsätzlich als Kinder, unabhängig von ihrem Entwicklungsstand und wenn sie auch noch so winzig klein waren.<br><br></p>



<p><strong>Hebammenschule gegründet</strong></p>



<p>Zum besonderen Ruf des familienorientierten „Bensberger Modells“ der Geburtshilfe trug nicht zuletzt die staatliche Hebammenschule bei, die Gerd Eldering 1989 zusammen mit der Hebamme Sabine Friese-Berg gegründet und bis zu seinem Ausscheiden von ärztlicher Seite geleitetet hatte.</p>



<p>Schulnoten zählten für ihn nicht vorrangig bei der Auswahl der Hebammenschülerinnen. Nicht ohne Stolz bekannte er gerne, dass er selbst sein Abitur mit der Durchschnittsnote 4 bestanden hatte: „Das war schwerer, als ein gutes Abi zu schaffen.“ Als Freigeist war er als junger Mensch in ständiger Rebellion gegen die Autorität seiner Lehrer gewesen. Ihren Gegenwind und sein minimalistisches Engagement hatte er als gekonnten Drahtseilakt in seinen Noten ausbalanciert. Bewerberinnen für die Hebammenschule habe er immer gefragt, wofür sie sich besonders interessierten – über ihren Berufswunsch Hebamme hinaus. „Haben Sie Ihr Instrument dabei?“, fragte er einmal eine Anwärterin aus Bayern, die ihm erzählt hatte, sie spiele auf dem Hackbrett, einer besonderen Art der Zither. Die junge Frau habe es aus dem Auto geholt und ihn mit ihrem Spiel beeindruckt – sie bekam eine Zusage.</p>



<p>Als Chefarzt war er zuweilen schwer gelitten, eine Reibungsfläche, an der sich alle im Team auch abarbeiten mussten, gestand er selbstkritisch ein, mit gleichzeitiger Anerkennung für das Hebammenteam: „Ich habe die Hebammen damit stark gemacht. Sie sind es, die die Geburtshilfe in Bensberg unverändert hochhalten.“</p>



<p>Als Gerd Eldering 2003 seine Tätigkeit als Chefarzt niederlegte, war er 23 Jahre lang Leiter der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospitals (VPH) in Bensberg gewesen mit der Zusatzqualifikation „Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin“, viele Jahre als Mitglied der Betriebsleitung sowie als Ärztlicher Direktor des VPH. Mehr als 1.500 Kinder kamen am Ende seiner Zeit jährlich zur Welt. Insgesamt wurden dort an die 30.000 Kinder unter seiner Verantwortung geboren. <br><br></p>



<p><strong>Geburtshilflicher Neuanfang?</strong></p>



<p>„Wir haben in unserer geburtshilflichen Abteilung mit dem, was wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, das erreicht, was man erreichen konnte“, erklärte er damals sein Ausscheiden. Die fünf Jahre bis zu seiner Pensionierung einfach so weiterzumachen, sei ihm nicht genug gewesen: „Ich hatte die Vision, gegebenenfalls noch einmal die Geburtshilfe im Krankenhaus komplett umzustrukturieren und ein neues System in das Krankenhauswesen zu implementieren.“ Seine Idee sei gewesen: Frauen ohne Risiko für ihre Geburt sollten nicht unbedingt in der Klinik, „sondern entweder zu Hause oder in einem Geburtshaus gebären – das idealerweise in oder an der Klinik angesiedelt wäre, um Transportwege zu vermeiden und um sofortige medizinische Hilfe zur Verfügung zu haben. Durch eine gemeinsame Untersuchung durch Hebamme und ÄrztIn und der gemeinsamen Beurteilung nach medizinischen Gesichtspunkten sollte darüber zusammen mit der Frau entschieden werden. Mit diesem Konzept könnten Kosten gespart werden und für Frauen, die eine High-Risk-Geburt erwarteten, wäre dadurch eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch die Hebammen und Ärzte zu finanzieren.“</p>



<p>Ein geburtshilflicher Neuanfang ließ sich damals nicht realisieren, weil er keine Partner fand, die sein Konzept als Modell-Projekt umsetzen wollten. In der Zeit seien die Geschäftsführungen und die Verwaltungen der Krankenhäuser stattdessen mit der Einführung von Qualitätsmanagement und Fallpauschalen absorbiert gewesen. (Baumgarten DHZ 5/2005, Seite 16ff.)</p>



<p>Seine andere Begründung für den Abschied war vorausschauend: „Der Konkurrenzkampf in der Medizin wird immer größer – Stellen werden abgebaut, weil sie nicht mehr zu finanzieren sind. Der Zwang zur Kostensenkung bescheidet immer mehr die freie Tätigkeit im Krankenhaus. Die Verwaltungstätigkeit nimmt enorm zu und geht bei der Betreuung verloren. Es gibt kein Polster mehr, dass man jemandem einmal etwas Gutes tut. Wir werden bald einen eklatanten Hebammen- und Ärztemangel haben – das macht bald keiner mehr mit. Hebammen werden immer mehr von dem Eigentlichen, von der Geburtshilfe abgezogen. Und wenn sie da abgezogen werden, ist das sicher nicht der Gesundheit der Geburtshilfe dienlich.“ (Baumgarten DHZ 3/2004, Seite 2</p>



<p>Natürlich arbeitete er weiter: Im Fortbildungszentrum Bensberg, das er 1993 mit Sabine Friese-Berg und der Physiotherapeutin Annemie Hoppe gegründet hatte, engagierte er sich weiterhin. Auch in der Hebammenschule unterrichtete er noch lange. Bis zu seinem Lebensende führte er auch das von ihm gegründete Zytologische Institut und beriet in seiner Dysplasie-Sprechstunde Frauen mit auffälligen Befunden.</p>



<p>Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Projekten und Initiativen. Beispielsweise setze er sich gemeinsam mit Donum Vitae, wo er zehn Jahre lang im Vorstand tätig war, für die Verbesserung von Müttern im Gefängnis ein. Die Frauen mussten dort teilweise unter unwürdigen Bedingungen in Handschellen ihre Kinder zur Welt bringen und wurden gleich von ihnen getrennt. <br><br></p>



<p><strong>Geburt mitten im Krieg</strong></p>



<p>Gerd Eldering war selbst mitten im Krieg geboren worden, am 6. Juni 1943 in der Privatklinik seiner Eltern in Köln. Sein Vater hatte dort als Frauenarzt und Geburtshelfer, seine Mutter als Kinderärztin gearbeitet. Die Familie wohnte auch dort. Kurze Zeit später wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff zerstört. Nicht nur sein Großvater kam dabei ums Leben – auch alle Neugeborenen und ihre Mütter starben im Luftschutzkeller der Klinik. Er überlebte, weil seine Mutter sich am Tag zuvor mit ihrem Neugeborenen zu Verwandten ins Bergische Land in Sicherheit gebracht hatte. Ihn beschäftigte das sein Leben lang.</p>



<p>Vielleicht war es dieser Lebensanfang in einer traumatischen, maximal gefährdeten Zeit, der ihn mit der lebenslangen unerschöpflichen Energie versehen hatte, die Geburtshilfe menschlicher zu machen und die Bindung zwischen dem Kind und seiner Familie in den Mittelpunkt zu rücken. Im Vinzenz-Pallotti Hospital fand Jahr für Jahr eine viel beachtete Tagung unter dem Motto der Geburtshilfe in Bensberg statt: „Gebären in Sicherheit und Geborgenheit“. Dorthin lud er namhafte Experten zum Austausch ein, die dazu neue Gedanken beizusteuern hatten.</p>



<p>In den vergangenen zwei Jahren hatte sich Gerd Eldering erneut mit einer schweren Erkrankung auseinanderzusetzen. Bei allen Herausforderungen, die ihm das abverlangte, verlor er bis zum Schluss nicht die Schaffenskraft für neue Projekte, seinen Unternehmungsgeist und seinen Ideenreichtum. Fast schien es manchmal, als spornte ihn die bewusst gespürte Endlichkeit der eigenen Existenz in seinem Tatendrang umso mehr an, seine Anliegen umzusetzen, neue Fäden zu spinnen oder Strippen zu ziehen, etwas zu hinterlassen und auch Beziehungen zu klären.</p>



<p>Sein lebenslanges Motto als Geburtshelfer erfüllte sich für ihn selbst an seinem Lebensende. Gerd Eldering starb am 13. Oktober zu Hause im Kreis seiner Familie – in Sicherheit und Geborgenheit. „Ich habe keine Angst“, hatte er noch kurz vor seinem Tod gesagt. In seinem ganzen Leben hatte er bestimmt und organisiert – und auch darüber hinaus. Wie er es gewünscht hatte, wurde er in seinem Haus aufgebart. Viele Menschen nutzten die Gelegenheit, sich dort in den Tagen nach seinem Tod von ihm zu verabschieden. <strong><br></strong></p>



<p>Es war bewegend zu hören, wie viele BesucherInnen außer ihrer Hochachtung und den inspirierenden, verbindenden und stärkenden Erlebnissen mit ihm auch von seinen unbequemen Seiten, von Grenzüberschreitungen, Enttäuschungen und Verletzungen erzählten. Es sprach für ihn und zeigte den Geist seiner Beziehungen, dass dies unter seinem Dach so ausgesprochen werden konnte. Die Verbundenheit ist geblieben.<br><br></p>



<p><strong>Quellen</strong></p>



<p>Baumgarten, K.: Editorial, DHZ 03/2004 S.3</p>



<p>Baumgarten, K.: Nur Zuwendung hat Zukunft, DHZ 05, 2005</p>



<p>Effing, I. und Mai, A.<strong>:</strong> Stille Geburt im Kreißsaal, DHZ 07/2003 S.7 ff.</p>



<p>Eldering, G.: Sicher und geborgen, DHZ 03/2004</p>



<p>Eldering, G.: Geburtshaus im Krankenhaus, DHZ, 11/2004</p>



<p>Eldering, G. et al. in Schneider Husslein Schneider: Die Geburtshilfe, Springer, Wassergeburt S. 998 ff.</p>



<p>www.babyportal.de http://www.babyportal.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=8&amp;Itemid=124 (letzter Zugriff 6.11.17)</p>



<p>www.veid.de (letzter Zugriff 6.11.17)<br><br></p>
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		<title>&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;</title>
		<link>https://viktoria11.de/fuer-mich-war-er-ein-meister/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Aug 2017 22:00:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Frédérick Leboyer]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[&#160; Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/fuer-mich-war-er-ein-meister/"><span class="screen-reader-text">"&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p>&nbsp;</p>



<p><strong><em>Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn auch privat gut gekannt.</em> </strong></p>



<p><strong><em>Katja Baumgarten: Sie kannten den Geburtshelfer Frédérick Leboyer über viele Jahre sehr persönlich. Wie haben Sie ihn kennen gelernt </em></strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim: </strong>1985 habe ich Frédérick Leboyer in Freiburg bei seinem ersten Seminar in Deutschland „Atmen und Singen“ kennen gelernt. Gehört hatte ich von ihm lange vorher: 1975, als ich 16 Jahre alt war, wurde sein Film „Geburt ohne Gewalt“,„Naissance“ wie er auf französisch heißt, im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Kurz zuvor hatte ich noch vor meiner Hebammenausbildung meine erste Geburt ganz „klassisch“ miterlebt. Seine Gedanken waren damals etwas völlig Neues. Ich habe dann seine Bücher gelesen. Schon zu Anfang meiner Hebammenschulzeit, die ich 1981 begann, waren seine Ideen für mich sehr wichtig. 1985 hatte ich mich gerade als Hebamme selbstständig gemacht. In dem Seminar habe ich seinen Film „Das Fest der Geburt“ gesehen und war sehr beeindruckt. Wir sind dann näher in Kontakt gekommen, weil ich Französisch spreche. Kurz darauf habe ich ihn in Deutschland als Übersetzerin bei Kongressen und Seminaren begleitet.</p>



<p><strong><em>Ich habe Frédérick Leb</em></strong><strong><em>oyer nur einmal gesehen, 1980 als Hebammenschülerin: Er zeigte seine Filme „Naissance“ und „Shantala“ und sprach in einem vollbesetzten Veranstaltungssaal vor 2.000 Menschen. Jedes seiner Worte traf mich ins Herz, insbesondere weil ich in der Hebammenschule damals sehr unglücklich war, wie wir die Neugeborenen behandeln mussten. Von MedizinerInnen soll er aber angegriffen und verlacht worden sein. </em></strong></p>



<p>Sein Film „Naissance“ löste in medizinischen Kreisen immer große Aufregung und Widerstand aus. Manchmal gab es heftige Diskussionen. Zum Beispiel kritisierten die Kinderärzte, wie man ein Kind nach der Geburt so röcheln lassen könne, ohne abzusaugen.</p>



<p>Wenn er damals nach Deutschland kam, haben wir uns getroffen. Kurze Zeit später bin ich in den Südosten von Frankreich gezogen. Er wohnte in London und verbrachte viel Zeit in Indien bei einem indischen Lehrmeister.</p>



<p>In Frankreich hatte er nicht mehr viele Kontakte zu Medizinern. Nach seinem ersten Buch und seinem Film, die in Frankreich abgelehnt wurden, hatte er damals sein Arzt-Diplom niedergelegt und war nach England gegangen. Seitdem nannte er sich nicht mehr Arzt, sondern Schriftsteller.</p>



<p>Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, habe ich ihn bei einem Kongress wiedergetroffen. Er hat gleich begonnen mit mir zu singen, also zu tönen. Von da an haben wir uns regelmäßig gesehen. Er kam oft zu uns nach Hause und ich habe dann mit ihm Seminare zum „Atmen und Singen“ organisiert.</p>



<p><strong><em>Hat er dan</em></strong><strong><em>n auch bei Ihnen gewohnt?</em></strong></p>



<p>Ja. Von 1992 bis 2012 war er regelmäßig ein- oder zweimal im Jahr bei uns in Frankreich zu Besuch und hat Seminare abgehalten. Danach habe ich ihn ab und zu besucht. Ich war auch vergangenes Jahr am 1. November zu seinem 98. Geburtstag noch bei ihm. Körperlich nahmen die Einschränkungen irgendwann zu. Bis er 90 war, sogar bis 94, war er noch sehr fit. Nach einem leichten Infarkt hat er kein Tai Chi mehr gemacht und hatte etwas Gleichgewichtsstörungen. Nach einer Krankheit ist er dann im Mai gestorben.</p>



<p>Sein Tod wurde hier in Frankreich nicht besonders gewürdigt. Es gab keinen großen Nachruf in den Tageszeitungen – bis auf eine kleine Würdigung in <em>Le Monde</em> ((kursiv)). Freunde aus Deutschland haben mich angerufen, die die Todesanzeigen in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung ((kursiv)) </em>und in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> ((kursiv)) gesehen hatten.</p>



<p><strong><em>Sie erfuhren von seinem Tod durch</em></strong><strong><em> die Anrufe? </em></strong></p>



<p>Nein. Ich bin mit Mieko, seiner Frau, in Kontakt. Sie hatte mich am Tag vorher darauf vorbereitet, dass es zu Ende geht. Ich hatte ihn dann noch kurz am Telefon. Nach seinem Abschied hat sie mich direkt angerufen.</p>



<p><strong><em>Welche Bedeutung hatte Leboyer für Sie?</em></strong></p>



<p>Für mich war er eine Art Meister. Ich war damals, als wir uns kennen lernten, eine junge Hebamme und hatte mich gerade selbstständig gemacht. Ich war selbst in dieser Zeit mehrere Male in Indien gewesen und habe ihn gefragt: „Können Sie nicht mein Meister sein?“ Das wollte er nicht. Trotzdem habe ich ihn immer als meinen Meister empfunden.</p>



<p>Was ich von ihm gelernt habe, hat genau in diese Phase gepasst. Ich musste nicht mehr die Bedingungen in einem Kreißsaal erfüllen, sondern konnte eine Geburt anders begleiten und die neugeborenen Kinder in den Familien begrüßen.</p>



<p>Frédérick Leboyer war eine Vaterfigur für mich. Wir haben viel über Geburt und Tod gesprochen. Und wie weit die Frauen bei der Geburt gehen können – sich trauen oder eben nicht. Er sagte zwar immer: „Ich als Mann dürfte eigentlich nicht dabei sein“, gleichzeitig konnte er trotzdem nicht loslassen. Er war für mich eine wichtige Figur, obwohl er ein Mann war. Das war schon immer ein Zwiespalt.</p>



<p><strong><em>Ein Zwiespalt – für ihn oder für die anderen?</em></strong></p>



<p>Für ihn vielleicht auch. In Seminaren hat er gesagt: „Eigentlich sollte ich hier nicht sitzen – ich bin ein Mann und habe gar keine Ahnung vom Kinderkriegen.“ Aber trotzdem hat er dann immer gelehrt. Als Meister stand er da und hat den Frauen gesagt, was sie zu tun haben. Zwar mit einer gewissen Sanftheit, aber gleichzeitig auch immer sehr bestimmend.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie das empfunden? Sie sind ja eher eine „frauenbewegte“ Frau &#8230;</em></strong></p>



<p>Da ich ihn als meinen Meister akzeptiert habe, konnte ich das von ihm gut annehmen, obwohl eine Geburt Frauensache ist.</p>



<p><strong><em>Warum haben Sie sich Frédérick Leboyer als Meister ausgesucht?</em></strong></p>



<p>Es war die spirituelle Seite der Geburt, nicht die medizinische – die ist nicht so wichtig. Seine Aussage, dass die Frauen ihren eigenen Weg gehen sollten, dass sie bei sich sein sollen, sich finden sollen, und dass man sie lassen sollte. Und dass wir GeburtshelferInnen, wir Hebammen und die Partner nur im Umfeld um sie herum da sein und sie beschützen sollten auf ihrem eigenen Weg. Durch diesen Sturm hindurchgehen, „traverser la tempête“, hat er immer gesagt – dass die Gebärende eigentlich die Kapitänin ist. Er war der Auffassung, dass man eine Gebärende am besten ganz alleine lässt und nur da ist, wenn sie etwas braucht. So ist es ja heute in der Realität nicht. Die Frauen brauchen relativ viel – sie meinen es zumindest.</p>



<p><strong><em>Die Frauen sind von der Geburtshilfe auf diesen Weg gebracht worden, dass sie ihr Handwerkszeug v</em></strong><strong><em>erloren haben oder sich dessen nicht mehr bewusst sind.</em></strong></p>



<p>Genau. Leboyer hat immer darauf bestanden, dass die Frauen die Werkzeuge für die Geburt ihres Kindes in sich trügen. Dafür wurde er oft angegriffen. Ich bin völlig seiner Meinung. Manche Frauen trauen sich, aber nicht alle. Das muss man erkennen, um den Weg mit ihnen zu gehen. Das zeigte damals schon sein Film „Le sacre de la naissance“, „Atmen und Singen“, der 1982 herausgekommen war. Da hat er die Gebärende über das Singen zu ihrem Urvertrauen gebracht und dann zum Gebären in Ruhe gelassen. Diesen Film fand ich schon immer sehr intensiv. Diese Wellen, die dich überrollen – selbst nach x-maligem Ansehen bekomme ich immer noch Gänsehaut.</p>



<p>Es war diese Botschaft, die mir die Augen geöffnet hat, wodurch ich dann auf meinen Weg als Hebamme gekommen bin. Später – etwa 1992 – hatte ich ein Erlebnis, dass eine Frau, die ich bei ihrer Geburt fragte: „Kann ich etwas für dich tun?“, mir antwortete: „Was willst<em> du</em> ((kursiv)) denn tun,<em> ich</em> ((kursiv)) gebäre doch das Kind.“ Dann ist sie weggegangen auf die Toilette. Ihr Partner und ich, wir standen herum und haben uns gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Sie hat uns dann gerufen, als der Kopf geboren wurde. Für mich war das ein Aha-Erlebnis, was ich als Hebamme bin.</p>



<p><strong><em>Hat die Beschäftigung mit seinen Gedanken, Ihre Begegnungen und Ihre Freundschaft auch Einfluss auf Ihre eigenen Geburten gehabt?</em></strong></p>



<p>Auf die zweite Geburt auf jeden Fall. Vor allen Dingen, weil ich ihn im letzten Drittel der Schwangerschaft noch einmal getroffen hatte. Danach habe ich jeden Tag getönt. Er hatte das in Gang gebracht und es hat mir sehr gut getan.</p>



<p><strong><em>Was ist das Besondere am Tönen?</em></strong></p>



<p>Man beginnt zunächst kurz mit Tai Chi-Übungen. Dann setzt man sich auf einem Stuhl so auf die Sitzbeinhöcker, dass man sie bei jedem Ton spürt. Dabei macht man eine Bewegung vor und zurück. Das Tönen kommt aus Indien. Es wird dort von einer Tampura begleitet, einem Saiteninstrument mit einer typischen Tonalität. Leboyer sagte, wenn jemand auf einer Tampura in der Nähe einer Frau mit Wehen spielt, dann könne ihr das etwas von den Schmerzen nehmen. Auch wenn sie sehr intensive Schmerzen habe, das Tönen würde ihr helfen, nicht ins Leiden zu gehen. Wenn die Gebärmutter auf die Schmerzen mit einem Krampf reagiert, dann wird es schwierig. Aber wenn die Frau da hindurchgehen kann mit Tönen oder auf ihre Art, dann kann sie den Schmerz zum Weitergehen nutzen.</p>



<p>Bei den Seminaren hat Leboyer mit einer klassischen Musikerin aus Südindien gearbeitet. Sie spielte Tampura und gab Gesangsunterricht mit einer speziellen Tonleiter in verschiedenen Tonalitäten und Sanskritwörtern. Das löste bei den Teilnehmerinnen viel aus. Die Frauen waren manchmal ganz aufgelöst, weil bei bestimmten Tönen auch eine bestimmte Stimmung angeregt wird. Es gibt viele verschiedene Tonfolgen, Ragas genannt, beispielsweise eine für den Morgen, eine für den Abend, jeweils eine für verschiedene Stimmungen. Je nachdem trifft dich das dann auch sehr persönlich.</p>



<p>Nach ein paar Jahren hat Frédérick Leboyer mir die Erlaubnis gegeben, seine Arbeit mit dem Atmen und Tönen weiterzuführen.</p>



<p><strong><em>Waren das Kurse für schwangere Frauen?</em></strong></p>



<p>Für Hebammen und Schwangere und auch für Paare. Die Männer hat Leboyer provokativ gefragt: „Was machen Sie denn hier?“ Er war trotzdem froh, dass sie da waren. Einmal war eine Frau dabei, die nicht schwanger war, aber sie interessiert sich. „Sie haben hier nichts zu suchen!“, sagte er da. Er war ziemlich provokativ.</p>



<p>Jetzt biete ich die Kurse zum Atmen und Tönen alle zwei Wochen in meiner Praxis an: Eine halbe Stunde Übungen und eine halbe Stunde Singen, so wie er es gemacht hat. Meistens kommen Schwangere, die ich begleite, die bei meinen Kollegen oder Kolleginnen aus der Region in Betreuung sind. Zu einer Geburt zu gehen, wenn die Frau sich so vorbereitet hat, das ist immer wunderbar.</p>



<p>Wir machen sehr viel mit dem Tönen – alle meine Kolleginnen. Es ist immer so ein tiefes O oder A. Die Frauen lieben das: Sie haben das Gefühl, sie zentrieren sich besser – sie bleiben da. Wenn es einmal schwierig wird, kommt keine Panik hoch.</p>



<p><strong><em>Die Begrüßung des Kindes war ein Ritual, dass damals sehr stark von Leboyer ausging. Ich habe 1981/82 im Kreiskrankenhaus Dachau gearbeitet. Dort wurden die Gedanken von Frédérick Leboyer und Michel Odent sehr früh in die Geburtshilfe einbezogen. Sehr konsequent wurde damals bei jeder Geburt das Baderitual vollzogen: Der Vater badete nach der Geburt sein Kind zusammen mit der Mutter im Dämmerlicht.</em></strong></p>



<p>Ich habe ihn hier einmal mitgenommen nach einer Hausgeburt. Leboyer hat den Eltern erklärt, wie sie ihr Kind halten und wie das Bad am besten durchführen sollten. Ich persönlich mache das nicht mit dem Baden: Die Kinder, die zu Hause kommen, lassen wir in Ruhe. Die Eltern baden ihre Kinder nach den Hausgeburten erst eine Woche später. Aber damals war das Ritual in den Kliniken sicher sehr angebracht.</p>



<p><strong><em>Im Krankenhaus hat es bei allen eine andere Haltung zur Geburt entstehen lassen. Wir haben auch andere seiner Anregungen beachtet, wie die Vorhänge zu schließen, um ein Dämmerlicht zu haben, das Kind nach der Geburt unbedingt erstmal bei seiner Mutter auf dem Bauch zu lassen, erst abzunabeln, wenn die Nabelschnur auspulsiert ist, und uns insgesamt leise zu verhalten. Alles, was zum Glück heute in mehr Kliniken verbreitet ist.</em></strong></p>



<p>Die Bedeutung des Haut-zu-Haut-Kontakts, das Bonding kam erst durch Leboyer ins Bewusstsein. Bei den ersten Geburten, die ich gesehen habe, wurde das Kind an den Füßen genommen und so weggetragen. 1981, als ich meine Hebammenausbildung begonnen habe, da haben wir vielleicht das Kind in ein OP-Tuch gewickelt und der Mutter kurz gegeben – eine Minute lang und das hieß schon die „Methode-Leboyer“. Dann wurde das Kind weggebracht zum Absaugen.</p>



<p><strong><em>Erstaunlich, wie viele Jahre es nach seinem ersten Buch dauerte, bis die Gedanken von Leboyer zaghaft umgesetzt worden sind. Und frappierend, wie lange sich die Unterschiede zwischen den Kliniken immer noch halten – obwohl man die Bedeutung unt</em></strong><strong><em>erdessen genau kennt.</em></strong></p>



<p>Damals ging es noch gar nicht um die Frauen. Er hat sich erst für die Kinder eingesetzt: Warum müssen die Kinder bei der Geburt leiden? Müssen sie leiden oder können sie das auch alles anders erleben? Etwas später hat er sich die gleiche Frage in Bezug auf die Frauen gestellt: Wie kann eine Frau durch die Intensität des Gebärens gehen, aber nicht darunter leiden?</p>



<p><strong><em>Eine befreundete Kollegin hatte ihn vor langer Zeit zu einer Team-Fortbildung eingeladen – in die Klinik, in der sie damals gearbeitet hatte. Sie war enttäuscht und entsetzt, weil er ein Kind seiner Mutter nach der Geburt weggenommen hatte, um es in einem anderen Zimmer ohne d</em></strong><strong><em>ie Eltern zu baden. Haben Sie so etwas auch erlebt? </em></strong></p>



<p>Nein, als ich ihn kennen gelernt habe, hat er das schon nicht mehr gemacht. Wir sollten immer daran denken, dass er in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geburtshelfer war. Ja, er war sehr dominant. Das kam nicht überall gut an. Ich sehe halt, aus welcher Zeit er kam. Seine aktive Klinikzeit hatte er bis Anfang der 70er Jahre. Er war ein sehr anerkannter Geburtshelfer und als Chefarzt einer Pariser Privatklinik verantwortlich für viele tausend Geburten gewesen. Er hatte damals die Chloroform-Methode angewandt, damit die Frauen nicht leiden. Und hat später von sich selbst gesagt: „Ich habe allen Frauen ihre Geburt geraubt.“</p>



<p><strong><em>Sie sind mit seiner Dominanz zurechtgekommen?</em></strong></p>



<p>Ich hätte ihn niemals zu einer Geburt mitnehmen wollen. Dabei hätte mich seine Dominanz gestört. Er hatte einen sehr bestimmenden Charakter, er hatte immer Recht. Wenn du etwas anderes machtest oder anders dachtest, dann hattest du unrecht. Wir haben oft diskutiert. Mein Mann ist Yoga-Lehrer. Leboyer war selbst vom Yoga zum Tai Chi gewechselt. Er bevorzugte die Bewegung des Tai Chi gegenüber dem Statischen des Yoga. Wir hatten immer wieder Diskussionen mit sehr viel Humor.</p>



<p>Es gab zwischen uns eine Art Einverständnis, ein paar Themen lassen wir aus, weil sie zu ewigen Diskussionen führen würden.</p>



<p>Was er mir gegeben hat, war viel wichtiger als diese Meinungsverschiedenheiten. Zum Schluss wurde unsere Beziehung eine Freundschaft, anfangs war es ein Meister-Schülerin-Verhältnis.</p>



<p><strong><em>Haben Sie durch seine Seminare von ihm gelernt, die Sie organisiert hatten? Oder hat er Sie auch direkt unterwiesen? </em></strong></p>



<p>Beides. Bei den Seminaren habe ich stundenlang praktiziert und getönt. Und zu Hause ging es weiter. Vieles von ihm hat mein Hebammenleben beeinflusst und auch mein privates Leben.</p>



<p>Er sagte, man solle jeden Tag bestimmte Gewohnheiten beibehalten, wie Zähneputzen oder Frühstücken. Wir machen morgens immer Yoga und haben seine Tai Chi Übungen hinzugenommen. Jeden Morgen ein kurzer Gedanke an ihn und an das, was er mir gegeben hat.</p>



<p><strong><em>Welcher Art sind seine Übungen?</em></strong></p>



<p>Er hat viel Tai Chi gemacht und Übungen daraus für schwangere Frauen angepasst. Einige hat er aussortiert – Übungen, die ihm wichtig waren, hat er vereinfacht. Er sagte, es sei wichtig, eine lebendige Wirbelsäule zu haben und dem Hohlkreuz entgegen zu wirken.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie seinen Abschied erlebt? </em></strong></p>



<p>Frédérick Leboyer ist zu Hause gestorben, seine Frau war bei ihm.</p>



<p>Die Abschiedsfeier fand in einem Schweizer Ort im Wallis statt, wo er zuletzt gelebt hatte. Die Zeremonie nach seinem Tod war sehr intensiv und ergreifend. Es war eine laizistische, keine religiöse Zeremonie. Viele Menschen waren gekommen, von denen ich seit 32 Jahren gehört, die ich in dem Film „Le sacre de la naissance“ gesehen und nie getroffen hatte. Es war alles so herzlich. Er geht weg und führt uns zusammen. Sechs oder sieben Menschen, die ihn besonders gut gekannt hatten, saßen noch lange zusammen. Wir hatten alle das gleiche Bild von ihm und die gleiche Erfahrung. Auch seine Beharrlichkeit kam zur Sprache, aber mit Humor. Denn trotz seiner dogmatischen Haltung war er vor allem ein Philosoph. Ein Mensch, der auch sehr offen war.</p>



<p>Ein Teil seiner Asche kommt nach Indien – an den Ort, der ihm viel bedeutet hat. Ein Grab wird es nicht geben.</p>



<p><strong><em>Danke Sybille Berresheim, für das persönliche Gespräch über diesen außerordentlichen Geburtshelfer, der so viel bewirkt hat.</em></strong><br><br><br></p>



<p><strong>Der Geburtshelfer </strong></p>



<p><strong>Dr. Frédérick Leboyer </strong>wurde am 1. November 1918 in Paris geboren und starb am 25. Mai 2017 in Vens, im Kanton Wallis in der Schweiz. Er war Frauenarzt, Schriftsteller und Filmemacher.</p>



<p>In seinen ersten Buch „Pour une naissance sans violance“ (1974), auf Deutsch „Geburt ohne Gewalt“ (1975), zeigte Leboyer mit ergreifenden Schwarz-weiß-Fotografien und poetischen Texten, wie wichtig ein respektvoller, behutsamer Empfang bei der Geburt eines Neugeborenen ist und wie offen seine ersten Blicke sein können, wenn es in Geborgenheit geboren wurde.</p>



<p>Seine drei Filme „Naissance“ von 1975 (Geburt), „Shantala“ (Sanfte Hände) und „Le sacre de la naissance“ von 1982 („Wellen des Lebens“) folgten. In Deutschland als VHS-Kassetten erschienen, sind sie heute vergriffen. Auch die 2008 in Frankreich erschienene DVD</p>



<p>„Naître Autrement“, die alle drei Filme enthält, ist im Handel nicht mehr erhältlich. Weitere Bücher: „Shantala (1976)/„Sanfte Hände“ (1979), ein Buch über traditionelle indische Babymassage, „Cette lumière d’où vient l’enfant“ (1978)/„Weg des Lichts“ (1980) über eine indische Schwangere, die sich mit Yoga auf ihre Geburt vorbereitet, „Das Fest der Geburt“ (1982), „Die Kunst zu atmen“ (1983), „Atmen, singen, gebären“ (deutsch 2006) und „Das Geheimnis der Geburt“ (2000), französisch „Si l’enfantement m’était conté“ (1996).</p>



<p><p>Frédérick Leboyer hat den landläufigen Begriff der „sanften Geburt“ geprägt und beeinflusste damit entscheidend einen Teil der Frauenbewegung und die Sicht auf die Geburtshilfe der 1970er und 80er Jahre in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland und Großbritannien.</p>
<hr></p>



<p><strong>Die Interviewte</strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim, </strong>1959 in Deutschland geboren, legte 1983 ihr Hebammenexamen in Wuppertal ab. Seit 1985 ist sie als freiberufliche Hebamme niedergelassen, bis 1989 in Hessen, anschließend in der Drôme (Frankreich). Sie betreut dort unter anderem Hausgeburten.</p>
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