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	<title>Gerd Eldering &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<description>Filmemacherin, Journalistin, Hebamme</description>
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	<title>Gerd Eldering &#8211; Katja Baumgarten</title>
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		<title>Freigeist mit Reibungsfläche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Nov 2017 23:00:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[ Der Geburtshelfer und Frauenarzt Dr. Gerd Eldering prägte im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg und darüber hinaus seit Anfang der 1980er Jahre neue Wege in der Geburtshilfe. Der Wunsch der Frau und ihrer Familie und das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung standen für ihn im Mittelpunkt bei allen Neuerungen. Ein Nachruf. „Der Moment, in dem Mutter<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/freigeist-mit-reibungsflaeche/"><span class="screen-reader-text">"Freigeist mit Reibungsfläche"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p> <strong>Der Geburtshelfer und Frauenarzt Dr. Gerd Eldering prägte im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg und darüber hinaus seit Anfang der 1980er Jahre neue Wege in der Geburtshilfe. Der Wunsch der Frau und ihrer Familie und das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung standen für ihn im Mittelpunkt bei allen Neuerungen. Ein Nachruf.</strong></p>



<p>„Der Moment, in dem Mutter und Kind sich zum ersten Mal in die Augen sehen, ist ein besonderer, schützenswerter ‚Augenblick’“, schrieb der Frauenarzt und Geburtshelfer Dr. Gerd Eldering 2004 in einem Artikel für die DHZ. „Beide sollten jetzt nach Möglichkeit nicht getrennt werden. Um dem Säugling den Übergang in die Arme seiner Eltern zu erleichtern, tun wir alles, um auf seine empfindlichen Sinne Rücksicht zu nehmen: Wir legen das Kind auf ein angewärmtes dunkelrosa Tuch zwischen die Beine seiner Mutter. Nach der Geburt sind wir Geburtshelfer – Hebammen und Ärzte – nur noch Beobachter. Wir fassen das Kind nicht an. Der erste Berührungskontakt kommt von den Eltern. Das auf dem Tuch liegende Kind kann dann von seiner Mutter, seinem Vater aufgenommen und angenommen werden. So können alle drei nach und nach Kontakt miteinander aufnehmen und ein Familiengefühl entwickeln. Das Licht ist gedämpft, es wird, wenn überhaupt, leise gesprochen. Wir wollen in unserer emphatischen Vorstellung dem Kind ermöglichen, sanft und langsam in diese Welt einzutreten. Damit die Mutter es wirklich annimmt und damit die Verantwortung für ihr Kind übernimmt, warten wir, bis sie es selbst hochhebt und an ihre Brust legt: eine Geste des Beschützens.“ (siehe DHZ 3/2004, Seite 44ff.)</p>



<p>Als Gerd Eldering 1980 als Leiter der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospitals (VPH) nach Bensberg gekommen war, stand seine Abteilung mit 200 Geburten pro Jahr kurz vor der Schließung. Gemeinsam mit den Hebammen und ÄrztInnen reformierte er das bis dahin schulmedizinische Konzept mehr und mehr, indem er Elemente der „alternativen“ Geburtshilfe einfließen ließ. Diese waren inspiriert von Frédérick Leboyer, Michel Odent, Sheila Kitzinger und vielen, die sich aus unterschiedlichen Richtungen dem Gedanken einer humanen Geburtshilfe mit einem glücklichen Start für das Neugeborene und einer gelungenen Eltern-Kind-Bindung verschrieben hatten.</p>



<p>Beeinflusst von den 68ern, hatte er den Erneuerungswillen, persönlich auch das Rückgrat, die Gabe zu Überzeugen und die Durchsetzungskraft, den Zeitgeist der Frauen- und Gesundheitsbewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre aufzunehmen und dem restriktiven Routinebetrieb der konventionellen Kliniken entgegenzusetzen. Bensberg wurde weit über die Region hinaus bekannt als Vorreiter bei vielen Innovationen, darunter auch allerlei technischen Entwicklungen. Im Zentrum stand die menschliche Haltung gegenüber der Frau, dem Kind und der Familie.<br><br></p>



<p><strong>Die Wünsche der Frau als Richtschnur</strong></p>



<p>„Immer auf Augenhöhe mit der gebärenden Frau“, lautete eine der Grundregeln, die Eldering sich mit seinem Team zu Eigen machte. Das war durchaus wörtlich zu nehmen: Wenn eine Frau ihr Kind in der Hocke zur Welt brachte, hatten sich alle im Raum auf ihre Höhe zu begeben – ohne Ausnahme. „Wenn ich reinkomme, klopfe ich. Dann warte ich einen Moment und erst wenn die gebärende Frau ‚herein’ sagt, komme ich rein. Das verstehe ich unter ‚Bewahrung der Privatsphäre‘. Das erhält den Frauen beziehungsweise den Familien die Stärke“, erläutere er einmal seine Haltung. (Baumgarten 2005)</p>



<p>„Wir hielten es für wichtig, dass Frauen ihre eigenen Kräfte unter der Geburt haben und behalten. Wir haben nur da eingegriffen, wo es medizinisch unbedingt notwendig war.“ Das Handwerk zur Entwicklung einer spontanen Beckenendlagengeburt oder die Leitung von Mehrlingsgeburten beherrschten er und die ÄrztInnen in seinem Team. Zum Dogma erhob er die natürliche Geburt nicht: „Wir haben natürlich auch respektiert, dass Frauen Schmerzmittel unter der Geburt wollten, wie zum Beispiel die Leitungsanästhesie. Wir waren eine der ersten Kliniken, die auch den Kaiserschnitt in Leitungsanästhesie durchführten.“ (babyportal.de)</p>



<p>Eldering setzte sich konstruktiv mit ungewöhnlichen Wünschen der Frauen auseinander. So konnten ab 1982 die Frauen auch Wassergeburten wählen, was zu der Zeit unter GeburtshelferInnen hoch umstritten war. „Wir haben Literaturstudium betrieben und sind in andere Zentren gefahren, wo in Europa bereits Wassergeburten üblich waren, beispielsweise nach Moskau“, schilderte er einmal die Anfänge. In Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelte er damals ein wasserdichtes CTG-System, mit dem auch in der Wanne die kindlichen Herztöne und die Wehen abgeleitet und überwacht werden konnten. Er führte die Diskussion in Fachkreisen mit seiner Studie über die ersten 1.000 Wassergeburten in Bensberg mit positivem Outcome: Sie zeigte, dass Wassergeburten unter den dort festgelegten Bedingungen nicht gefährlicher waren als Geburten außerhalb des Wassers, jedoch zu weniger Geburtsverletzungen und Dammschnitten führten. Bis zu seinem Ausscheiden wurden dort 3.500 Kinder im Wasser geboren.</p>



<p>Als erster in Deutschland führte Gerd Eldering 1995 die damals innovative Sectio-Operationstechnik nach Misgav-Ladach ein. Das Team hatte sie beim Besuch in Jerusalem im familienfreundlichen, fortschrittlich eingestellten Misgav-Ladach-Hospital beim dortigen Chefarzt Dr. Michael Stark kennengelernt – als eher zufälligen Nebeneffekt des Besuchs.</p>



<p>In der Wochenstation in Bensberg wurden Familienzimmer eingerichtet: Die Mutter, der Vater, das Neugeborene und gegebenfalls auch Geschwisterkinder blieben so zusammen und es war selbstverständlich, dass alle Familienmitglieder am Morgen- und Abendbuffet mit versorgt wurden.</p>



<p>Für Kinder, die nach der Geburt eine Phototherapie brauchten, konstruierte er ein spezielles Bett, Bilarium genannt, in dem sie an der Brust der Mutter liegen konnten und nicht von ihr getrennt werden mussten.<br><br></p>



<p><strong>Reformen im Umgang mit frühen Verlusten</strong></p>



<p>Frühzeitig reformierte er die Betreuung von Müttern, die ein intrauterin verstorbenes Kind zur Welt brachten. „Man glaubte uns zunächst einfach nicht, dass die Eltern sich das Kind ansehen, es berühren und es selbst anziehen sollten“, beschrieb er einmal den Widerstand betroffener Eltern, als diese Begleitung zum Abschied noch nicht üblich war. In solchen Situationen habe er auf das blinde Vertrauen der Frauen in ihn als Arzt gesetzt: „Glauben Sie mir, es ist so. Ich habe mich schon lange damit auseinandergesetzt. Ich weiß es, dass es gut für Sie ist!“</p>



<p>In seiner Facharztausbildung hatte er in den 1970er Jahren das Gegenteil gelernt: „Wir haben in unserer Ausbildung eigentlich nur die Geburt gelernt als organischen Vorgang und nicht als psychisches Erleben von Eltern“, beschrieb er es einmal: „Das heißt, wir mussten dafür sorgen, medizinisch gesehen, dass der tote Fötus so schnell aus der Mutter herauskam, wie nur eben möglich. Wir meinten, Mütter schonen zu müssen und zu können, dadurch, dass wir sie nicht zu sehr mit dem Tod konfrontierten. Wir haben deswegen Tücher gespannt, damit die arme Mutter nicht ihr totes Kind sehen musste.“ (www.veit.de)</p>



<p>Ein Novum war auch ein kleiner Friedhof im Park des Krankenhauses, wo Eltern ihre kleinen Kinder bestatten konnten, die sie als Fehlgeburt verloren hatten und die zu jener Zeit als „Abortmaterial“ normalerweise noch im Klinikmüll entsorgt wurden. Eldering widersetzte sich der barbarischen Sprache im routinierten Medizinbetrieb: „Abort ist für mich ein WC im Zug“, konnte er sich erregen, ebenso bei Begriffen, wie „Geburtskanal“, „Vaginalrohr“, „Blasensprengung“, „Austreibungsperiode“, „Skalpelektrode“, „Geburtsobjekt“ oder „Milcheinschuss“. Von Ungeborenen sprach er grundsätzlich als Kinder, unabhängig von ihrem Entwicklungsstand und wenn sie auch noch so winzig klein waren.<br><br></p>



<p><strong>Hebammenschule gegründet</strong></p>



<p>Zum besonderen Ruf des familienorientierten „Bensberger Modells“ der Geburtshilfe trug nicht zuletzt die staatliche Hebammenschule bei, die Gerd Eldering 1989 zusammen mit der Hebamme Sabine Friese-Berg gegründet und bis zu seinem Ausscheiden von ärztlicher Seite geleitetet hatte.</p>



<p>Schulnoten zählten für ihn nicht vorrangig bei der Auswahl der Hebammenschülerinnen. Nicht ohne Stolz bekannte er gerne, dass er selbst sein Abitur mit der Durchschnittsnote 4 bestanden hatte: „Das war schwerer, als ein gutes Abi zu schaffen.“ Als Freigeist war er als junger Mensch in ständiger Rebellion gegen die Autorität seiner Lehrer gewesen. Ihren Gegenwind und sein minimalistisches Engagement hatte er als gekonnten Drahtseilakt in seinen Noten ausbalanciert. Bewerberinnen für die Hebammenschule habe er immer gefragt, wofür sie sich besonders interessierten – über ihren Berufswunsch Hebamme hinaus. „Haben Sie Ihr Instrument dabei?“, fragte er einmal eine Anwärterin aus Bayern, die ihm erzählt hatte, sie spiele auf dem Hackbrett, einer besonderen Art der Zither. Die junge Frau habe es aus dem Auto geholt und ihn mit ihrem Spiel beeindruckt – sie bekam eine Zusage.</p>



<p>Als Chefarzt war er zuweilen schwer gelitten, eine Reibungsfläche, an der sich alle im Team auch abarbeiten mussten, gestand er selbstkritisch ein, mit gleichzeitiger Anerkennung für das Hebammenteam: „Ich habe die Hebammen damit stark gemacht. Sie sind es, die die Geburtshilfe in Bensberg unverändert hochhalten.“</p>



<p>Als Gerd Eldering 2003 seine Tätigkeit als Chefarzt niederlegte, war er 23 Jahre lang Leiter der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospitals (VPH) in Bensberg gewesen mit der Zusatzqualifikation „Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin“, viele Jahre als Mitglied der Betriebsleitung sowie als Ärztlicher Direktor des VPH. Mehr als 1.500 Kinder kamen am Ende seiner Zeit jährlich zur Welt. Insgesamt wurden dort an die 30.000 Kinder unter seiner Verantwortung geboren. <br><br></p>



<p><strong>Geburtshilflicher Neuanfang?</strong></p>



<p>„Wir haben in unserer geburtshilflichen Abteilung mit dem, was wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, das erreicht, was man erreichen konnte“, erklärte er damals sein Ausscheiden. Die fünf Jahre bis zu seiner Pensionierung einfach so weiterzumachen, sei ihm nicht genug gewesen: „Ich hatte die Vision, gegebenenfalls noch einmal die Geburtshilfe im Krankenhaus komplett umzustrukturieren und ein neues System in das Krankenhauswesen zu implementieren.“ Seine Idee sei gewesen: Frauen ohne Risiko für ihre Geburt sollten nicht unbedingt in der Klinik, „sondern entweder zu Hause oder in einem Geburtshaus gebären – das idealerweise in oder an der Klinik angesiedelt wäre, um Transportwege zu vermeiden und um sofortige medizinische Hilfe zur Verfügung zu haben. Durch eine gemeinsame Untersuchung durch Hebamme und ÄrztIn und der gemeinsamen Beurteilung nach medizinischen Gesichtspunkten sollte darüber zusammen mit der Frau entschieden werden. Mit diesem Konzept könnten Kosten gespart werden und für Frauen, die eine High-Risk-Geburt erwarteten, wäre dadurch eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch die Hebammen und Ärzte zu finanzieren.“</p>



<p>Ein geburtshilflicher Neuanfang ließ sich damals nicht realisieren, weil er keine Partner fand, die sein Konzept als Modell-Projekt umsetzen wollten. In der Zeit seien die Geschäftsführungen und die Verwaltungen der Krankenhäuser stattdessen mit der Einführung von Qualitätsmanagement und Fallpauschalen absorbiert gewesen. (Baumgarten DHZ 5/2005, Seite 16ff.)</p>



<p>Seine andere Begründung für den Abschied war vorausschauend: „Der Konkurrenzkampf in der Medizin wird immer größer – Stellen werden abgebaut, weil sie nicht mehr zu finanzieren sind. Der Zwang zur Kostensenkung bescheidet immer mehr die freie Tätigkeit im Krankenhaus. Die Verwaltungstätigkeit nimmt enorm zu und geht bei der Betreuung verloren. Es gibt kein Polster mehr, dass man jemandem einmal etwas Gutes tut. Wir werden bald einen eklatanten Hebammen- und Ärztemangel haben – das macht bald keiner mehr mit. Hebammen werden immer mehr von dem Eigentlichen, von der Geburtshilfe abgezogen. Und wenn sie da abgezogen werden, ist das sicher nicht der Gesundheit der Geburtshilfe dienlich.“ (Baumgarten DHZ 3/2004, Seite 2</p>



<p>Natürlich arbeitete er weiter: Im Fortbildungszentrum Bensberg, das er 1993 mit Sabine Friese-Berg und der Physiotherapeutin Annemie Hoppe gegründet hatte, engagierte er sich weiterhin. Auch in der Hebammenschule unterrichtete er noch lange. Bis zu seinem Lebensende führte er auch das von ihm gegründete Zytologische Institut und beriet in seiner Dysplasie-Sprechstunde Frauen mit auffälligen Befunden.</p>



<p>Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Projekten und Initiativen. Beispielsweise setze er sich gemeinsam mit Donum Vitae, wo er zehn Jahre lang im Vorstand tätig war, für die Verbesserung von Müttern im Gefängnis ein. Die Frauen mussten dort teilweise unter unwürdigen Bedingungen in Handschellen ihre Kinder zur Welt bringen und wurden gleich von ihnen getrennt. <br><br></p>



<p><strong>Geburt mitten im Krieg</strong></p>



<p>Gerd Eldering war selbst mitten im Krieg geboren worden, am 6. Juni 1943 in der Privatklinik seiner Eltern in Köln. Sein Vater hatte dort als Frauenarzt und Geburtshelfer, seine Mutter als Kinderärztin gearbeitet. Die Familie wohnte auch dort. Kurze Zeit später wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff zerstört. Nicht nur sein Großvater kam dabei ums Leben – auch alle Neugeborenen und ihre Mütter starben im Luftschutzkeller der Klinik. Er überlebte, weil seine Mutter sich am Tag zuvor mit ihrem Neugeborenen zu Verwandten ins Bergische Land in Sicherheit gebracht hatte. Ihn beschäftigte das sein Leben lang.</p>



<p>Vielleicht war es dieser Lebensanfang in einer traumatischen, maximal gefährdeten Zeit, der ihn mit der lebenslangen unerschöpflichen Energie versehen hatte, die Geburtshilfe menschlicher zu machen und die Bindung zwischen dem Kind und seiner Familie in den Mittelpunkt zu rücken. Im Vinzenz-Pallotti Hospital fand Jahr für Jahr eine viel beachtete Tagung unter dem Motto der Geburtshilfe in Bensberg statt: „Gebären in Sicherheit und Geborgenheit“. Dorthin lud er namhafte Experten zum Austausch ein, die dazu neue Gedanken beizusteuern hatten.</p>



<p>In den vergangenen zwei Jahren hatte sich Gerd Eldering erneut mit einer schweren Erkrankung auseinanderzusetzen. Bei allen Herausforderungen, die ihm das abverlangte, verlor er bis zum Schluss nicht die Schaffenskraft für neue Projekte, seinen Unternehmungsgeist und seinen Ideenreichtum. Fast schien es manchmal, als spornte ihn die bewusst gespürte Endlichkeit der eigenen Existenz in seinem Tatendrang umso mehr an, seine Anliegen umzusetzen, neue Fäden zu spinnen oder Strippen zu ziehen, etwas zu hinterlassen und auch Beziehungen zu klären.</p>



<p>Sein lebenslanges Motto als Geburtshelfer erfüllte sich für ihn selbst an seinem Lebensende. Gerd Eldering starb am 13. Oktober zu Hause im Kreis seiner Familie – in Sicherheit und Geborgenheit. „Ich habe keine Angst“, hatte er noch kurz vor seinem Tod gesagt. In seinem ganzen Leben hatte er bestimmt und organisiert – und auch darüber hinaus. Wie er es gewünscht hatte, wurde er in seinem Haus aufgebart. Viele Menschen nutzten die Gelegenheit, sich dort in den Tagen nach seinem Tod von ihm zu verabschieden. <strong><br></strong></p>



<p>Es war bewegend zu hören, wie viele BesucherInnen außer ihrer Hochachtung und den inspirierenden, verbindenden und stärkenden Erlebnissen mit ihm auch von seinen unbequemen Seiten, von Grenzüberschreitungen, Enttäuschungen und Verletzungen erzählten. Es sprach für ihn und zeigte den Geist seiner Beziehungen, dass dies unter seinem Dach so ausgesprochen werden konnte. Die Verbundenheit ist geblieben.<br><br></p>



<p><strong>Quellen</strong></p>



<p>Baumgarten, K.: Editorial, DHZ 03/2004 S.3</p>



<p>Baumgarten, K.: Nur Zuwendung hat Zukunft, DHZ 05, 2005</p>



<p>Effing, I. und Mai, A.<strong>:</strong> Stille Geburt im Kreißsaal, DHZ 07/2003 S.7 ff.</p>



<p>Eldering, G.: Sicher und geborgen, DHZ 03/2004</p>



<p>Eldering, G.: Geburtshaus im Krankenhaus, DHZ, 11/2004</p>



<p>Eldering, G. et al. in Schneider Husslein Schneider: Die Geburtshilfe, Springer, Wassergeburt S. 998 ff.</p>



<p>www.babyportal.de http://www.babyportal.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=8&amp;Itemid=124 (letzter Zugriff 6.11.17)</p>



<p>www.veid.de (letzter Zugriff 6.11.17)<br><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Philosophie trifft Handwerk</title>
		<link>https://viktoria11.de/philosophie-trifft-handwerk/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 May 2016 07:38:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
		<category><![CDATA[Kongresse und Tagungen]]></category>
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					<description><![CDATA[Die dritte Hebammenfachtagung, ein Initiative der Kreißsaalhebammen der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg, widmete sich dem Geburtsschmerz. Die Vorträge und Workshops verbanden Philosophisches und Handwerkliches auf inspirierende Art und schärften den Blick für den eigenen Umgang mit dem (Geburts-)Schmerz. Unter dem vielversprechenden Titel „Philosophie trifft Handwerk – Umgang mit Geburtsschmerz“ hatte am 20.<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/philosophie-trifft-handwerk/"><span class="screen-reader-text">"Philosophie trifft Handwerk"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Die dritte Hebammenfachtagung, ein Initiative der Kreißsaalhebammen der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg, widmete sich dem Geburtsschmerz. Die Vorträge und Workshops verbanden Philosophisches und Handwerkliches auf inspirierende Art und schärften den Blick für den eigenen Umgang mit dem (Geburts-)Schmerz.</strong></p>



<p>Unter dem vielversprechenden Titel „Philosophie trifft Handwerk – Umgang mit Geburtsschmerz“ hatte am 20. Februar die Kreißsaalleitung am Vinzenz Pallotti Hospital, <strong>Diana Wagner</strong>, Kolleginnen aus ganz Deutschland nach Bensberg eingeladen. <strong>Beate Schröter</strong>, selbst Hebamme und Leiterin des Bildungsinstituts für Gesundheit am Vinzenz Pallotti Hospital, führte durch diese 3. Hebammenfachtagung. 123 Hebammen, Studentinnen und Schülerinnen folgten den Präsentationen der elf ReferentInnen, um sich in einer bislang unüblichen Weise mit dem Geburtsschmerz auseinanderzusetzen – dem Klassiker unter den geburtshilflichen Fortbildungsthemen. Die Philosophie mit ins Boot zu holen, war tatsächlich inspirierend, um sich dem Phänomen Schmerz einmal anders anzunähern als mit der bekannten naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Dazu gab es sechs Vorträge und fünf Workshops.</p>



<p><strong>Kathrina Pahl</strong>, die vor nicht allzu langer Zeit mit 43 Jahren ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte, eröffnete die Tagung mit ihrer Sicht auf den Geburtsschmerz als Mutter. Ihr beruflicher Hintergrund aus der Businesswelt, in der sie das Ziel von Projekten professionell ansteuert, hatte sie auch bei ihrer späten Schwangerschaft und Geburt geleitet. Pahl schilderte die Erfolgsstory der glücklichen Geburt ihres Kindes gemäß ihrer Haltung: „Wir sind, was wir denken“ und „Der Körper folgt dem Geist“. Sie habe gehört, dass 20 Prozent aller Geburten schmerzfrei seien und das habe sie auch für sich gewollt, trotz unterschiedlichster Unkenrufe von Hebammen und FrauenärztInnen. So habe sie schließlich die geeignete Betreuung für sich gefunden. Eine Aussage der US-amerikanischen Hypnotherapeutin Marie F. Mongan, die das Konzept von HypnoBirthing entwickelt hat, habe Pahl zu denken gegeben: „Der Glaube an Schmerz bei der Geburt ist so stark, dass, anstatt die Gültigkeit des Konzeptes in Frage zu stellen, es viele Anstrengungen gegeben hat, seine Bedeutung zu erklären und ihm einen Grund und höheren Zweck anzuheften.“</p>



<p>Seit Mitte der 1960er Jahre, als sich die Geburtsmedizin etabliert habe, werde die Geburt als der „gefährlichste Moment im Leben“ definiert und biete seitdem nicht Hilfe an, sondern Oberaufsicht. Dagegen habe Katharina Pahl bereits ihre Schwangerschaft positiv zelebriert und sich von negativen Geschichten abgeschirmt. Ihre Geburt sei dann ohne Schmerzen und unkompliziert verlaufen, so wie sie es sich vorgenommen hatte. Sie betonte die Bedeutung der Hebamme für die Chance auf eine schmerzfreie Geburt: „Aus Hebammenhandwerk muss Hebammenkunst werden.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht gemessen, sondern angemessen</h2>



<p><strong>Dr. Sabine Dörpinghaus</strong>, Professorin für Hebammenkunde an der Katholischen Hochschule NRW in Köln, die selbst am Vinzenz Pallotti Hospital gelernt und dort viele Jahre als Hebamme gearbeitet hatte, widersprach in ihrem bemerkenswerten Vortrag „Der Geburtsschmerz aus leibphänomenologischer Sicht“ vehement dem Leitsatz ihrer Vorrednerin: „Wir sind, was wir denken.“ „Wir sind, was wir spüren!“, setze sie dem entgegen: „Wir sind leiblich.“ Das Leben sei ein „Angewiesensein“, keineswegs seien wir selbstbestimmt. Auch sei die Arbeit der Hebamme nicht Kunst – denn Kunst sei im Unterschied zur Tätigkeit der Hebamme nicht begründungspflichtig. „Der Schmerz ist eine Angelegenheit, die uns alle betrifft“, „eine Tatsache – aber was für eine Tatsache?“ fragte sie. Kein neutrales Vorkommnis sei er, sondern eine besonders eindringliche Form subjektiver Tatsächlichkeit. Man müsse die Hebammenarbeit unter dem Gesichtspunkt der Leibphänomenologie aus der sentimentalen Schmuddelecke holen. Hebammen arbeiteten weder mit dem Bauch, noch als Expertinnen für Esoterik oder Mystik. Sie setzten sich vielmehr mit ihrer leiblichen Seinsweise ein und seien imstande, Stimmungslagen, Atmosphären und Befindlichkeiten zu registrieren. Für die Begegnung mit dem Geburtsschmerz sei dies unerlässlich – denn er lasse sich als subjektive Tatsache nicht gut versprachlichen. Unsere Denkgewohnheiten seien pathophysiologisch geprägt. Erklärungsmuster – im Gesundheitswesen immer im Zentrum jeder Betrachtung – überdeckten das eigentliche Erleben. Der Schmerz würde aus naturwissenschaftlicher Perspektive dem Leitbild des neuronalen Menschen untergeordnet, beispielsweise als neuronale Gewitter oder als Balanceakt der Psyche zwischen Cortisol und Serotonin.</p>



<p>Hebammen, die ebenso wie MedizinerInnen naturwissenschaftlich ausgebildet sind, registrierten schnell, dass die ausschließlich natur- und technikwissenschaftliche Perspektive in der Geburtshilfe nicht trage. Mit ihren gewählten Zugängen gerieten sie dann allerdings häufig in eine unattraktive Lage: Ihre Vorgehensweisen würden als un- oder pseudowissenschaftlich, sentimental und großmütig in die „Duzi-Duzi-Ecke“ verbannt.</p>



<p>Die Leibphänomenologie rehabilitiere das leibliche Erleben. Dies sei für die Geburtshilfe äußerst bedeutsam, denn für eine Hebamme gehe es in der Begleitung der Gebärenden nicht um das Gemessene, sondern vielmehr um das Angemessene. Das Angemessene orientiere sich an der Gebärenden als Person – an ihren leiblichen Empfindungen. Gerade das, was vormals als „bloß subjektiv“ abgewertet worden sei, erhalte Bedeutung in einer leibphänomenologischen Begleitung: Die Faktizität des Seins zeige sich während der Geburt im Angewiesensein der Gebärenden und darin, dass die Hebamme sie verstehe. Und dabei sei nicht sprachliches Verstehen gemeint, sondern ein leibliches Verstehen – denn leibliches Spüren stelle eine Erkenntnisquelle dar. Für die Geburtshilfe gelte es, diese Unbestimmtheit auszuhalten. „Wir kommen angewiesen auf die Welt und wir gehen angewiesen“, schloss Dörpinghaus, deren Vortrag in Kürze in der DHZ zu lesen sein wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Lachgas oder PDA?</h2>



<p>Der Anästhesist <strong>Dr. Thorsten Löhr</strong> sprach in seinem Vortag „der Anästhesist, ein Eindringling im Kreißsaal“ humorvoll und fachlich über seine Erfahrung: Als Arzt am Vinzenz Pallotti Hospital arbeite er im Spannungsfeld, eine natürliche Geburt zu ermöglichen und gleichzeitig der Mutter ein leidvolles Erleben zu ersparen. „Ich werde sie vermehren, die Mühsal deiner Schwangerschaft, mit Schmerzen sollst du gebären“, zitierte er die berühmte alttestamentarische Drohung aus dem ersten Buch Mose, die einen großen Teil der Menschheit seit Tausenden von Jahren begleitet. Die englische Königin Viktoria habe die Anästhesie zur Geburt gesellschaftsfähig gemacht, als sie 1853 zur Geburt Chloroform erhalten habe.</p>



<p>Löhr stellte die heute verwendeten Analgesieverfahren aus Sicht des Facharztes vor. Die ideale Schmerztherapie biete adäquate Analgesie, keine Einschränkung der Mobilität, keine Beeinträchtigung des Neugeborenen sowie eine geringe Rate an Nebenwirkungen und Komplikationen für die Mutter. Auch das früher häufig verwendete Lachgas (N2O), das seit einigen Jahren wieder im Kommen sei, stellte er näher vor: In einigen Ländern sei es das am häufigsten verwendete Mittel zur Therapie des Wehenschmerzes, beispielsweise in Großbritannien bei 50 bis 75 Prozent der Geburten oder in Finnland bei 60 Prozent. Gebärende Frauen könnten es sich über eine Maske selbst zuführen. Allerdings sei das Timing schwierig, denn es müsse 30 Sekunden vor der nächsten Wehe inhaliert werden. In der im Kreißsaal üblichen Mischung eins-zu-eins mit Sauerstoff, wirke es eher sedierend und angstlösend als analgetisch, die Nebenwirkungen seien dabei gering. Keine Metaanalyse habe bislang einen signifikanten analgetischen Effekt wissenschaftlich nachgewiesen, Studien dazu seien meist von minderer wissenschaftlichen Qualität. Im Kreißsaal sei das Problem der Umweltkontamination zumeist ungelöst, der Grenzwert von 100 ppm für Lachgas am Arbeitsplatz werde häufig nicht eingehalten.</p>



<p>Die PDA sei heutzutage nach wie vor der Goldstandard: Sie sei die effektivste Schmerzlinderung bei der Geburt und könne auch bei einer eventuell notwendigen Sectio weiter eingesetzt werden. Sie berge jedoch auch Nachteile, möglicherweise eine Verzögerung der Geburt, eine erhöhte Rate operativer Entbindungen, allergische Reaktionen, postpartale Kopfschmerzen oder Bondingprobleme, die er jedoch nach Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur überwiegend als gering einstufte.</p>



<p>Für nicht medikamentöse, physikalische und alternative Maßnahmen konnte Löhr keine evidenzbasierte Empfehlung aussprechen. Aus dem Publikum meldete sich der ehemalige Chefarzt der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospital <strong>Dr. Gerd Eldering</strong> zu Wort. Er wies darauf hin, dass mit der PDA zwar die Gebärende Schmerzlinderung erhalte, das ungeborene Kind jedoch dann auf die körpereigenen Endorphine seiner Mutter verzichten müsse und durch die PDA nicht in gleicher Weise vor Schmerzen geschützt sei wie die Mutter.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht Schmerzen, sondern Mühsal</h2>



<p><strong>Dr. Christina Schües</strong>, außerplanmäßige Professorin am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft an der Leuphana Universität in Lüneburg, nannte ihren Vortrag „‚Unter Schmerzen sollst du gebären …?’ – eine ethische Betrachtung“. Auch sie bezog sich auf das erste Buch Mose, interessanterweise auf eine Lutherübersetzung, in der die Geburt statt mit Schmerzen, wie beim Bibelzitat ihres Vorredners, hier mit Mühsal belastet wird: „Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst, unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.“ Zu den Aufgaben einer Ethik zählte Schües die Suche nach dem nötigen Wissen, die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen und die Orientierung. Der Wehenschmerz sei ein Frauenschmerz. Eine ethische Perspektive frage nach den Bedingungen einer Geburt und nach den Bedingungen der Geburtspraxis (siehe auch Seite 48ff.).</p>



<p>Die fünf praxisnahen Workshops machten am Nachmittag mit Methoden vertraut, wie man Geburtsschmerzen wirkungsvoll begegnen kann. Die Bonner Hebamme <strong>Monika Brühl</strong> stellte mit „Atem – Ton – Bewegung „ die Geburtsvorbereitung durch Meditation auf den Körper vor. <strong>Dr. Ansgar Römer</strong>, Frauenarzt und Leiter des Fortbildungsunternehmens Pro Medico aus Mannheim, stellte Aku-Tens vor. Diese Methode gegen Geburtsschmerzen sei in den angelsächsischen Ländern während der Geburt gang und gäbe, hierzulande jedoch relativ unbekannt. <strong>Jantje Möhler</strong>, Hebamme und freie Mitarbeiterin der Firma Weleda, sprach über die Möglichkeiten und Wirkungsweisen der anthroposophischen Medizin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bewusste Kontrolle ist Illusion</h2>



<p>Als sinnvolle Funktion des Körpers zu seinem eigenen Schutz deutete die Hebamme, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnotherapeutin <strong>Beate Switala</strong> den Schmerz. Sie stellte die Hypnose vor, „als Mittel, diese Funktion zu steuern“. Wenn das Bewusstsein im Gehirn mit bestenfalls 70 Bits pro Sekunde aktiv sei, arbeite das Unbewusste gleichzeitig mit 11 Millionen Bits. Das Bewusstsein arbeite hochenergetisch, das Unbewusste – eine Filtermaschine – hochökonomisch. „Die bewusste Kontrolle ist eine Illusion“, postulierte sie. Das erlebe man beispielsweise tagtäglich beim Autofahren, das, einmal bewusst erlernt, später weitgehend unbewusst ablaufe. In unserer Kultur sei eine „Religion des Schmerzes“ üblich, wir glaubten an den Schmerz. Trance durch Hypnose sei eine wirkungsvolle Methode, um selbst starken Schmerzen zu begegnen. So soll beispielsweise Mahatma Gandhi eine Blinddarm-Operation ausschließlich mit Hypnose durchgestanden haben. Für die Geburt sei eine leichte, maximal mittlere Trance bereits ausreichend.</p>



<p>Unvergesslich blieb nach ihrer theoretischen Einführung zur Hypnose der Praxisteil, ihre eindrückliche Präsentation und Kommentierung eines Videos, das eine Operation ihrer Schulter dokumentierte: Die Referentin hatte – als Probe aufs Exempel ihres eigenen Könnens – auf jegliche schulmedizinische Anästhesie verzichtet und sich ausschließlich auf ihre erlernte Hypnose verlassen. Unterstützung hatte sie von einem Kollegen, der neben ihrem Kopf Platz gekommen hatte, um sie mit ermutigender Ansprache durch die 50-minütige Operation zu begleiten. Man sah, wie der Operateur sein Handwerk mit Skalpell und verschiedenen Werkzeugen verrichtete, und spürte im eigenen Körper unbehagliche Empfindungen aufsteigen. Kaum vorstellbar, dass diese Prozedur ohne Schmerzmittel zu überstehen sein könnte. Es sei zwar „anstrengend“ gewesen, schilderte Switala, wie es ihr selbst ergangen sei – aber Schmerzen habe sie zu keiner Zeit gespürt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Innovativ und inspirierend</h2>



<p>Im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg haben Hebammen und ÄrztInnen seit Beginn der 1980er Jahre zusammen mit dem langjährigen Chefarzt der Frauenklinik Dr. Gerd Eldering eine humane, innovative Geburtshilfe aufgebaut und fortwährend weiterentwickelt. Bensberg steht weiterhin für seinen überregional bekannten Ruf – inzwischen seit 13 Jahren in der Leitung von <strong>Dr. Simeon Korth</strong>. Mehr als 30.000 Kinder sind inzwischen in der Frauenklinik unter diesem besonderen Stern geboren. Ungezählte Eltern wie Fachleute, Hebammen wie ÄrztInnen und alle weiteren ExpertInnen, die Geburt und Elternsein begleiten, wurden über Jahrzehnte inspiriert und geprägt im Geiste der Bensberger Geburtshilfe und der angegliederten Einrichtungen wie der Hebammenschule, der Elternschule, des Fortbildungszentrums und des Bildungsinstituts für Gesundheit.</p>



<p>Beim abschließenden gemeinsamen Ausklang im Foyer mit Sekt und einer roten Rose für alle TeilnehmerInnen war auch nach dieser Hebammenfachtagung deutlich spürbar: Der Weg nach Bensberg hatte sich wieder einmal gelohnt.</p>
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		<title>Gegensätzliche Sichtweisen</title>
		<link>https://viktoria11.de/gegensaetzliche-sichtweisen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 May 2013 16:22:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Beckenendlage]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
		<category><![CDATA[Gerichtsreportage]]></category>
		<category><![CDATA[Landgericht Dortmund]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
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					<description><![CDATA[in Verhandlungstag beim Schwurgerichtsprozess am Landgericht Dortmund gegen eine Hebamme und Ärztin – angeklagt wegen Totschlag. Bei seiner außerklinischen Geburt aus Beckenendlage am 30. Juni 2008 war ein Kind leblos zur Welt gekommen. Welche Ursachen haben zum Tod des Kindes geführt? Der 18. Verhandlungstag im Pro­zess gegen die angeklagte Heb­amme und praktische Ärztin beginnt am<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/gegensaetzliche-sichtweisen/"><span class="screen-reader-text">"Gegensätzliche Sichtweisen"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>in Verhandlungstag beim Schwurgerichtsprozess am Landgericht Dortmund gegen eine Hebamme und Ärztin – angeklagt wegen Totschlag. Bei seiner außerklinischen Geburt aus Beckenendlage am 30. Juni 2008 war ein Kind leblos zur Welt gekommen. Welche Ursachen haben zum Tod des Kindes geführt?</strong></p>



<p>Der 18. Verhandlungstag im Pro­zess gegen die angeklagte Heb­amme und praktische Ärztin beginnt am 19. März, indem sich der Vorsitzende Richter als erstes überra­schend an das Publikum wendet: »Es ist bei diesem Prozess anders als in anderen Verfahren, dass in solcher Weise auf das Gericht Einfluss genommen wird.« Was die Zuhörerschaft angehe, erwarte er jegliche Kontaktaufnahme einzustellen, niemand dürfe Reaktionen der Richter provozieren. »Wir haben keine Geheim­justiz«, betont der Vorsitzende: »die Öf­fentlichkeit darf an einem Prozess teil­nehmen. Eine Gleichsetzung mit den Gerichtsmitgliedern ist nicht angezeigt!« Letztere hätten die Akten des Prozesses studiert und könnten Zusammenhänge besser beurteilen. Auch habe die Vorgehensweise manchmal taktische Gründe. Er verbitte sich zukünftig Anmerkun­gen. Anlass für die strenge Vorrede des Richters waren, neben der wiederholt angemahnten Unruhe von den Zuschau­erbänken, Briefe an das Gericht gewesen, die sich kritisch zum Prozessverlauf ge­äußert hatten.</p>



<p>Es geht weiter mit dem üblichen Pro­zedere – zunächst wird die Anwesenheit der geladenen Teilnehmerinnen des heu­tigen Verhandlungstages festgestellt: Die Angeklagte und ihr Pflichtverteidiger, Rechtsanwalt Böhme, sowie ihre Rechts­anwältin Combe, Oberstaatsanwältin Ruland, Rechtsanwalt Kurz und seine Kollegin Rechtsanwältin Dillschneider als Vertreter der Eltern, die ihr Kind verloren haben und auch Nebenkläger sind. Die Eltern des verstorbenen Mädchens verfolgen den Prozess nicht mehr persön­lich. Erschienen ist auch der vom Gericht bestellte sachverständige Gutachter Prof. Dr. Axel Feige, ehemaliger Chefarzt der Frauenklinik am Nürnberger Klinikum Süd. Seine Befragung zum bereits am 18. Januar erstatteten Gutachten soll heute abgeschlossen werden. »Und dann habe ich noch die Zuschauer im Blick«, ergänzt der Vorsitzende Richter Wolfgang Meier, als Leiter der Verhandlung und Sprecher des Teams aus den drei Berufsrichtern vom Landgericht und zwei Schöffen.</p>



<p>Neben dem Gutachter begrüßt der Vorsitzende auch den Geburtshelfer Dr. Gerd Eldering, ehemaliger Chefarzt der Frauenklinik am Vinzenz-Palotti-Hospi­tal Bensberg, Gründer und damaliger Lei­ter der dort angeschlossenen Hebammen­schule. Er wurde von der Verteidigung eingeladen und sitzt auf der Seite der Angeklagten und ihrer Rechtsbeistände: Seine Vernehmung als »präsentes Beweis­mittel« soll beantragt werden. Anwältin Combe verliest den Beweisantrag mit zahlreichen Unterpunkten. »Das Ganze ist natürlich vor allem deshalb unglück­lich, weil der Antrag erst jetzt gestellt wird und auch nicht vorab Prof. Feige zur Vorbereitung vorgelegen hat«, merkt der Vorsitzende an: »Auch wir benötigen Vorbereitungszeit – deshalb ist jetzt eine Stunde Pause.«</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zweifel am Todeszeitpunkt</h2>



<p>Bis auf einen Tageszeitungsjournalis­ten finden sich nach der Pause alle wie­ der ein. Der Vorsitzende erkundigt sich bei den Prozessbeteiligten, ob es Einwän­de dagegen gäbe, Dr. Eldering als Sachver­ständigen zuzulassen. »Es wird wohl kei­ne Möglichkeit geben, das abzulehnen«, erwidert Oberstaatsanwältin Ruland. Der Vorsitzende gibt zu Protokoll, dass nach Kammerbeschluss dessen Zulassung als Sachverständiger angeordnet wird. Dr. Eldering wird belehrt, dass ihm bei ab­sichtlicher Unwahrheit Bestrafung drohe, und seine Angaben zur Person werden aufgenommen. Er sei Gynäkologe mit Schwerpunkt Geburtshilfe und dem Zu­satz »spezielle Perinatalmedizin«.</p>



<p>»Ich habe eine völlig andere Betrach­tungsweise dieses Geburtsvorgangs«, be­ginnt Eldering und setzt an, zu erläutern, was ihm beim Studium der Unterlagen aufgefallen sei – beispielsweise fehlende Untersuchungen in den pathologischen Protokollen. Der Vorsitzende bittet ihn, sich auf seine Rolle als präsentes Beweis­mittel zum vorliegenden Beweisantrag zu beschränken und sich nur zu den dort aufgeführten Tatsachen zu äußern.</p>



<p>Rechtsanwältin Combe kündigt sofort einen ergänzenden Antrag an, damit der Sachverständige sich umfassender äußern könne als nur zu den vorgegebe­nen Punkten, vielleicht könne man das Verfahren vereinfachen. »Wir werden das hinnehmen, aber nicht unbegrenzt«, lässt nun der Vorsitzende Elderings Aus­führungen zu.</p>



<p>Ihm sei aufgefallen, dass das Kind nicht reanimierbar gewesen sei, fährt dieser fort. Der Vorsitzende ermahnt: »Bitte orientieren Sie sich an dem Gerüst, das im Antrag vorgegeben ist.« Rechtsan­walt Böhme wirft ein, der Vorsitzende sei nicht ermächtigt, den Sachverständigen festzulegen. »Ich muss Sie bitten, den Buchstaben zu nennen, damit wir uns orientieren können.«, erklärt der Vorsit­zende. Eldering erbittet seinerseits Hilfe – er habe den Beweisantrag der Verteidi­gung erst heute früh in die Hand bekom­men und sei damit leider nicht vertraut. Man einigt sich, dass Eldering seine Aus­führungen fortsetzt und die Juristen die angesprochenen Punkte den Buchstaben im Antrag zuordnen.</p>



<p>Die Belüftung der Lungen mit Mund- zu-Mund-Beatmung und dann mit Mas­kenbeatmung sei kaum möglich gewe­sen, habe er gelesen, die Angeklagte habe schließlich sogar mit stärkerem Druck reanimiert. Die Schwimmprobe des Lungengewebes – ein Zeichen, dass es Luft enthalte – sei großenteils nega­tiv gewesen. Nur marginale Teile seien belüftet gewesen, vor allem in den Ma­gen und Dünndarm sei die Beatmungs­luft gegangen. Eldering bezieht sich auf das Obduktionsprotokoll, das der Sach­verständige Dr. Ralf Zweihoff, Leiter des Dortmunder Instituts für Rechtsmedizin am 25. September bei der Erstattung sei­nes Gutachtens vorgetragen hatte.</p>



<p>Das verstorbene Kind war zwei Tage nach der Geburt von Dr. Zweihoff sekti­oniert worden. Zur Frage des Todeszeit­punktes hatte Zweihoff bei seiner Ver­nehmung ausgesagt, dass er nicht mit Sicherheit sagen könne, ob das Kind ge­atmet habe oder in der Agonie zur Welt gekommen sei. Nach seiner Einschät­zung sei dies keine Totgeburtgewesen. Aus seinem Sektionsprotokoll hatte er vorgetragen: »Der Belüftungszustand von Magen und oberen Abschnitten des Dünndarms kann nicht ausschließbar durch die durchgeführte Beatmung er­klärt werden, dieser Befund beweist so­ mit nicht hinreichend sicher, dass das Neugeborene nach der Geburt geatmet hat.« Organfehlbildungen, die den Tod erklären könnten, hätte er keine festgestellt. Er hatte bei der Obduktion »blutrei­che Bauchorgane«, eine »akute Blutfülle des Gehirns« und ein »Hirnödem« pro­tokolliert. Nach der Vorgeschichte und aufgrund der Obduktionsbefunde zähle zu den möglichen Todesursachen auch eine Hypoxie unter der Geburt, hatte Zweihoff erklärt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Letzte Impulse des Herzens?</h2>



<p>»Offenbar ist die Stimmritze verschlos­sen und unbeweglich gewesen«, vermu­tet Dr. Eldering. Er wisse aus Erfahrung, dass Kinder, die nicht lange vor der Ge­burt verstorben seien, sehr gut beatmet werden könnten . Man habe – mit Einver­ständnis ihrer Eltern – an solchen Kin­dern das Reanimieren in der Ausbildung von Ärzten und Hebammen gelehrt. Er vermute, dass bereits eine Totenstarre eingesetzt habe und nur durch den Be­atmungsdruck Luft in Lunge, Magen und Darm gelangt sei. Dass der Notarzt Dr. Tervooren im EKG, das er bei seinem Eintreffen dem Kind noch angelegt habe, Ableitungen habe erkennen können, die noch letzte Impulse des Herzens doku­mentierten, stellte er in Frage. Diese seien Folge der effizienten Herzdruckmassage gewesen. »Ich glaube nicht, dass er ein sterbendes Herz gesehen hat«, zweifelt Eldering, zumal Tervooren nach eigenen Angaben erst fünfmal ein Neugeborenes reanimiert habe.</p>



<p>Dr. Tervooren, ein Anästhesist aus dem nächstliegenden Krankenhaus in Unna ohne geburtshilfliche Abteilung, war am zweiten Verhandlungstag im vergangenen Sommer, am 28. August als Zeuge zu seinem Notarzteinsatz im Hotel vernommen worden. Dort waren die wer­denden Eltern von den plötzlich starken Wehen nach Geburtsbeginn überrascht worden, eigentlich hatten sie die Geburt in der Hebammenpraxis der Angeklagten geplant. Nachdem das Kind am 30. Juni 2008 um 22.14 Uhr leblos geboren worden war und die Hebamme und Ärztin sofort die Reanimation mit Mund-zu-Mund-Be­atmung und Herzdruckmassage begon­nen hatte – ohne Erfolg –, war er zehn Minuten später gerufen worden und um 22.30 Uhr im Hotelzimmer eingetroffen. Der Dortmunder Babynotarztwagen habe nicht zu Verfügung gestanden. Er sei von der Geburtshelferin mit den Worten be­grüßt worden: »Guten Tag, Herr Kollege, ich habe Sie gerufen, damit Sie den To­tenschein ausstellen. Ich glaube, Sie kön­nen bestätigen, dass das Kind tot ist.« Das Kind sei nach ihren Angaben mit einem Apgar von 0 geboren worden. Er habe den­noch die Beatmung und die Herzdruckmassage fortgesetzt. »Das Kind ließ sich problemlos beatmen«, hatte er erinnert, allerdings sei der gesamte Rachenraum mit zähem, dunklem Sekret verlegt gewesen. Um 22.40 Uhr habe er seine Wiederbelebungsmaßnahmen eingestellt. Im EKG habe er keine elektrische Aktivität des Herzmuskels festgestellt, »keine Pumpfunktion – ein sterbendes Herz«, habe er anhand der Ge­räte erkannt. EKGs würden im Notarzteinsatz routinemäßig auf einem Chip aufgezeichnet, leider seien die Daten in diesem Fall verloren gegangen. Er habe im Totenschein »unklare Todesur­sache« angekreuzt und die Polizei verständigt, womit die Ange­klagte nicht ohne Weiteres einverstanden gewesen sei: »Das Kind ist doch nicht umgebracht worden«,habe sie gesagt.</p>



<p>Im Obduktionsprotokoll ist von Mekonium im Mundraum und den Atemwegen nicht die Rede – »in der einsehbaren Mund­höhle kein ortsfremder Inhalt«, hatte Dr. Zweihoff am fünften Verhandlungstag aus seinem Gutachten vom 2. Juli 2008 vor­getragen und »keine tiefe Aspiration von Mekonium«. Auch die Eihäute seien unauffällig gewesen und »der Dickdarm reich­lich mit schwarz-grünem Kindspech gefüllt«, »After frei von Kindspech«.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Untersuchungen versäumt?</h2>



<p>Der Notarzt hätte die Nabelschnur punktieren sollen, um nachträglich noch Untersuchungen vornehmen zu lassen, wie beispielsweise den Base Excess oder den ph-Wert, bemängelt El­dering. Überhaupt sei ihm in den Unterlagen der Rechtsmedizin aufgefallen, dass wichtige Standarduntersuchungen fehlten: Das Kind sei nicht geröntgt worden, obwohl das zu jeder Neugebo­renensektion gehöre. Die Trachea sei nicht näher untersucht worden. Weder ein CI noch ein MRT sei durchgeführt worden. Auch Untersuchungen auf Stoffwechsel-oder Chromosomenstö­rungen seien unterlassen worden.</p>



<p>Woher er seine genauen Kenntnisse darüber habe, fragt der Vorsitzende. Anwalt Böhme zählt die Gutachten und alle anderen Dokumente auf, die er Eldering zugänglich gemacht hatte. Der fährt fort: Die Gyri, die Hirnwindungen, seien abgeflacht gewe­sen, woraus er schließe, dass kein frischer Hirntod des Kindes vorgelegen habe, sondern dass er schon einige Zeit vor der Geburt eingetreten sei. Die kindlichen Herztöne hätten seit 16 Uhr bis wenige Minuten vor der Geburt immer unverändert zwischen 120 und 130 Schläge pro Minute gelegen. Normalerweise reagiere ein Kind bei einer intrapartalen Asphyxie mit Akzellerationen und Dezellerationen, um den Sauerstoffmangel auszugleichen. Eldering tritt an den Richtertisch und legt CTG-Aufzeichnungen einer Geburt vor, bei der das Kind nachweislich bereits länger verstorben war, eine versehentliche dauerhafte Aufzeichnung der mütterlichen Herzfrequenz aber unauffällige Herztöne sug­geriert hätten. So ein Irrtum passiere zwar außerordentlich sel­ten, könne aber auch erfahrenen Geburtshelfern unterlaufen. Er vermutet, dies sei hier der Fall gewesen, anders sei die vollkom­men unauffällige Herzfrequenz des totgeborenen Kindes und dass es nicht zu reanimieren war, nicht zu erklären.<br>Eldering stellt auch eine Diskrepanz zwischen der doku­mentierten klaren Farbe des Fruchtwassers und dem Mekoni­umabgang fest. Auch seien die Eihäute nicht grünlich verfärbt gewesen. Darüber hinaus sei es die Frage, ob Mekoniumabgang überhaupt mit einer Asphyxie vergesellschaftet sei – nach dem Standardlehrbuch »Die Geburtshilfe« von Schneider/Husslein/ Schneider nicht. »Warum ist Mekonium abgegangen?«, frag­te er: »Falls das Kind zum Zeitpunkt des ersten Mekoniumab­gangs womöglich bereits tot gewesen ist, könnte der dadurch erschlaffte Sphinkter die Ursache gewesen sein, dass Kindspech aus dem Enddarm ausgetreten ist, insbesondere durch den mechanischen Druck auf den Darm beim Tiefertreten ins mütterli­che Becken.« Dies sei eine zweite realistische Denkmöglichkeit, neben der von den Gutachtern angenommenen intrapartalen Asphyxie mit einem Vagusreiz als Ursache. »Wenn man davon ausgeht, dass das Kind um 16 Uhr nicht mehr lebte, hat wohl die Hebamme durch versehentliche Auskultation der mütterli­chen Herztöne den Trugschluss gezogen, dass das Kind gesund gewesen ist&#8220;, vermutet der Geburtshelfer.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fragen zum Geburtsbeginn und -verlauf</h2>



<p>Hinsichtlich der geburtshilflichen Überwachung widerspricht Dr. Eldering dem Gutachter Prof. Dr. Feige. Dieser hatte in sei­ nem Gutachten vom 12. Oktober 2009, das der Anklage zugrun­de liegt, gefordert, dass bei einer Beckenendlage zwingend eine kontinuierliche Herztonüberwachung notwendig sei, was außer­klinisch nicht möglich sei. Die Risiken einer Beckenendlagenge­burt seien in der Eröffnungsperiode keine anderen als bei einer Geburt aus Schädellage, erklärt Eldering. Das spezielle Problem der Beckenendlage, das insbesondere unerfahrene Geburtshelfer fürchteten, seien Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Kindes. Er verwies auf das zuvor genannte geburtshilfliche Standard­lehrbuch, wonach intermittierende Auskultation ausreichend sei und keinen Unterschied im fetalen Outcome bringe gegenüber kontinuierlichem CTG.</p>



<p>Nach seiner Beurteilung der Terminüberschreitung gefragt, antwortet Eldering dem Vorsitzenden, in seiner Abteilung habe man Schwangere nach Überschreitung des errechneten Ter­mins nicht stationär aufgenommen, sondern zunächst bis zum zehnten Tag alle zwei Tage den Zustand des Kindes kontrolliert. Eine Standardisierung sei nicht sinnvoll: »Entscheidend ist die Fruchtwassermenge, sie sagt etwas über den Zustand des Kindes aus.« Zum Geburtsbeginn befragt, erläutert er, der sei generell zeitlich schwer einzugrenzen: »Die Geburt beginnt sechs bis acht Stunden, bevor die Frau erste Anzeichen bemerkt.« Die geburtshilfliche Definition des Geburtsbeginns sei: »der Beginn muttermundswirksamer Wehen«. Dies könne die Hebamme bei der Untersuchung beurteilen und könne nicht apodiktisch festgelegt werden.</p>



<p>Ob nicht der Abgang von Fruchtwasser den Geburtsbeginn si­gnalisiere, wollte der Vorsitzende Richter Meier wissen. »Nein. Es gibt beispielsweise hohe Fruchtblasensprünge, manchmal schon in der 32. oder 33. Woche, die noch nicht Geburtsbeginn sind«, erklärt Eldering. Und zur normalen Dauer der Austreibungspe­riode befragt, antwortete der Geburtshelfer: »Sie beginnt nach vollständiger Eröffnung des Muttermundes. Wir haben in der Klinik vermehrt prolongierte Geburten in der Austreibungspe­riode gehabt.« Bei unauffälligen Herztönen sei dies für das Kind schonender als eine forcierte Geburtshilfe, womöglich noch mit Kristellerhilfe.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Erfahrene Hebamme und Ärztin</h2>



<p>Zum Anklagepunkt, dass die Angeklagte nicht befugt gewe­sen sei, diese Beckengendlagengeburt zu übernehmen, erinnert Eldering, sie sei ja nicht nur Hebamme, sondern auch Ärztin. Und früher sei es normal gewesen, dass »praktische Ärzte und Geburtshelfer« Hausgeburtshilfe geleistet hätten. Die Angeklag­te habe mehr Erfahrung mit der Entwicklung von Beckenendla­gen als die meisten Gynäkologen, die für ihre Facharztprüfung keinerlei geburtshilfliche Praxis mit Beckenendlagen vorwei­sen müssten. In diesem Fall sei die Entwicklung des Kindes aus Beckenendlage ja auch problemlos verlaufen. »Wir werden uns nochmal mit dem Wortlaut der Hebammenberufsordnung be­schäftigen«, kündigt der Vorsitzende Richter dazu an.</p>



<p>Wie er den Geburtsstillstand um 20.20 Uhr einschätze, als es nicht vorwärts ge­gangen sei? »Geburten verlaufen nicht immer so glatt«, erläutert Eldering: »Es gibt Phasen der Erholung, wo es mal nicht weiter geht. Das sind notwendige Pausen, in denen auch in der Klinik kein Druck gemacht würde. Die Kinder brauchen das. Die Pausen bei dieser Geburt waren inner­halb des physiologischen Bereichs.«</p>



<p>Auch die Rechtsanwälte und die ange­klagte Geburtshelferin stellen verschie­dene Fragen an den Sachverständigen – beispielsweise ob sie davon habe ausgehen können, dass ein Nabelschnurvorfall nicht zu befürchten sei, wenn sie am Vorabend der Geburt festgestellt hätte, dass der Steiß fest im Becken sitze. Das Risiko eines möglichen Nabelschnurvor­falls war an früheren Verhandlungstagen ein paarmal zur Sprache gekommen. »Ja, richtig!«, antwortet Eldering. Er übergibt dem Vorsitzenden Richter ein Buch von Prof. Dr. Fritz Beller und Prof. Dr. Hen­ning Schneider, zwei in der Schulmedi­zin hoch renommierte Geburtshelfer, die sich Mitte der 1990er Jahre mit kindli­cher Asphyxie während der Geburt und den Folgeschäden auseinandergesetzt hatten. Beller sei ein »scharfer« Gutach­ter gewesen und habe seine Überzeugungen aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse revidiert. Viel weniger Schadensfälle würden durch geburtshilf­liche Fehler verursacht, als man immer angenommen habe. Das CTG sei in seiner Aussagekraft überschätzt worden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verweis auf Leitlinien</h2>



<p>Prof. Feige, der an etlichen Prozess­tagen teilgenommen hatte und am 19. Januar sein geburtshilfliches Gutachten erstattet hatte, ist davon überzeugt, dass die Angeklagte den Tod des Kindes durch ihr Fehlverhalten verursacht hat. Nach der Mittagspause erhält der 71-jährige, seit 2006 emeritierte Professor, der wei­terhin als Frauenarzt in einer Praxis tä­tig ist, wie geplant das Wort. Feige blickt nach eigenen Angaben nach seiner be­ruflichen Laufbahn an verschiedenen Kliniken auf 1.600 Beckenendlagenge­burten zurück, an denen er oder Mitarbeiter seines Teams beteiligt waren. »Mei­ne Auffassung ist keine Einzelmeinung«, betont er, »sondern ich berufe mich auf Leitlinien, in denen ich gemeinsam mit Kollegen festgelegt habe, wie es in der Ge­burtshilfe laufen soll.«</p>



<p>In seinem Gutachten von 2009, auf das er sich bei seinen Ausführungen stützt, oder wenn er nach seiner Einschätzung gefragt wird, spricht er von der Angeklagten fast ausnahmslos nur als Hebamme, nicht als Ärztin. Sie habe bei der Über­nahme der Beckenendlagengeburt gegen die Hebammenberufsordnung verstoßen, die Risikoselektion vorschreibe. Danach sei einer Hebamme nur die »Durchfüh­rung von Normalgeburten bei Schädella­ge« gestattet, »sowie im Dringlichkeitsfall die Durchführung von Beckenendlagen­geburten«. Ein Dringlichkeitsfall habe hier nicht vorgelegen. Ferner liege in der Verantwortung einer Hebamme das »Er­kennen der Anzeichen von Anomalien und Risikofaktoren bei der Mutter oder beim Kind, die ärztliches Eingreifen erforderlich machen«. Auch die Mutter­schaftsrichtlinien für Kassenärzte legt der Gutachter zugrunde, wenngleich die Angeklagte nicht als Kassenärztin, son­dern in Privatpraxis praktiziert hat. Auch beide deutsche Hebammenverbände hät­ten 2002 in ihren Empfehlungen zur au­ßerklinischen Geburtshilfe gemeinsam festgelegt, dass eine freie Wahl des Ge­burtsorts bei Beckenendlage nicht mög­lich sei, mahnt Feige an – die Angeklagte sei selbst als eine der sieben Autorinnen aufgeführt. Bei seinen Ausführungen kommt im Publikum die vom Richter ge­rügte Unruhe auf, denn die Angeklagte ist auch Ärztin.</p>



<p>Die Angeklagte habe bei ihrer Betreu­ung dieser Geburt darüber hinaus gegen verschiedene geburtshilfliche Standards und gängiges Lehrbuchwissen verstoßen, setzt Feige fort: zunächst die außerklini­sche Betreuung trotz Terminüberschrei­tung von 13 Tagen, wenn man den er­rechneten Termin vom 17. Juni nach der Naegelschen Regel zugrundelege – die letzte Regel war am 10. September 2007. Nach der Korrektur per Ultraschall sei der Termin am 22. Juni um acht Tage überschritten gewesen. 2008 sei eine Terminüberschreitung länger als zehn Tage nicht empfohlen gewesen, heute to­leriere man nicht mehr als eine Woche. Außerklinisch sei eine solche Geburt nicht sicher zu überwachen, man müsse mit dem Alterungsprozess der Plazenta rechnen. Durch Blutflussmessungen per Ultraschall in der Schwangerschaft und bei einer Klinikgeburt durch nur dort mögliche Untersuchungen, wie Fetalblutgasanalyse, könnten Gefährdungen des Kindes rechtzeitig erkannt werden. In der Klinik wäre auch eine sehr viel kürzere EE-Zeit von zehn Minuten mög­lich, der Zeitraum vom Entschluss zum Notfallkaiserschnitt bis zur Entwicklung des Kindes.</p>



<p>Die zulässige Geburtsdauer für eine Erstgebärende sei außerdem erheblich überschritten worden: Morgens um 5 Uhr habe die Angeklagte zu der Schwan­geren gesagt: »Es geht los«, als sie telefo­nisch vom Fruchtwasserabgang gehört habe, also sei sie selbst vom Geburtsbe­ginn überzeugt gewesen. Von 5 Uhr bis 20 Uhr, als der Muttermund vollständig gewesen sein, habe die Eröffnungsperio­ de mindestens 13 bis 14 Stunden gedau­ert und damit den maximalen Grenzwert von 12 Stunden für eine Erstgebärende überschritten. Dann käme noch die Austreibungsperiode von mehr als zwei Stunden bis zur Geburt des Kindes dazu.</p>



<p>Auch die Dokumentation bemängelt der Gutachter: Die Geburtshelferin habe während der Geburt unzureichende Aufzeichnungen in einem Notizbuch ge­macht, erst danach habe sie ein ausführ­liches Gedächtnisprotokoll angefertigt. Die Herztöne des Kindes seien in der Er­öffnungsperiode nicht alle 15 Minuten, in der Austreibungsperiode nicht alle 5 Minuten dokumentiert worden. Spätes­tens gegen 16.30 Uhr, nachdem Mekoni­um abgegangen sei, hätte die Hebamme die Gebärende in die Klinik einweisen müssen, weil sie dies als Zeichen einer möglichen Azidose hätte deuten müssen. Als um 20 Uhr kein Geburtsfortschritt zu erkennen war, hätte man allerspätes­tens einen Kaiserschnitt machen müssen. »Hätte die Angeklagte die geburtshilfli­chen Empfehlungen und das gültige Lehrbuchwissen beachtet, wäre das Kind mit an Sicherheit grenzender Wahr­scheinlichkeit gesund geboren worden«, urteilt Feige. Der letzte Satz aus seinem Gutachten lautet: »Über die Umstände, unter denen das Kind (…) am 30.6.2008 zu Tode kam, kann der Fachmann nur fassungslos den Kopf schütteln.«</p>



<p>Am Ende des nächsten Verhandlungs­tages, am 9. April, wird Anwalt Böhme ei­nen Befangenheitsantrag gegen den Sach­verständigen Prof. Dr. Feige stellen, neben anderen Punkten aufgrund dieses Satzes, den Böhme darin zitiert. Ihm fehle bei diesem »deplatzierten«,»emotionalen Aufruf« die gebotene Sachlichkeit. Ent­schieden wurde darüber noch nicht.</p>



<p><a href="https://viktoria11.de/verteidigung-verstaerkt/" data-type="post" data-id="2891"><strong>Weiter zu Teil 3: Verteidigung verstärkt</strong></a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Nur Zuwendung hat Zukunft</title>
		<link>https://viktoria11.de/nur-zuwendung-hat-zukunft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 May 2005 15:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
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					<description><![CDATA[Katja Baumgarten hat mit Dr. Gerd Eldering über die Veränderungen im Gesundheitswesen gesprochen. Der innovativ denkende Frauenarzt sieht gute Chancen für eine Geburtshilfe, die die Familie in den Mittelpunkt stellt und dennoch die künftigen ökonomischen Herausforderungen besteht Katja Baumgarten: Warum haben Sie im Juni 2003 Ihre Tätigkeit als Chefarzt im Vinzenz-Palotti-Hospital Bensberg niedergelegt? Dr. Gerd<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/nur-zuwendung-hat-zukunft/"><span class="screen-reader-text">"Nur Zuwendung hat Zukunft"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Katja Baumgarten hat mit Dr. Gerd Eldering über die Veränderungen im Gesundheitswesen gesprochen. Der innovativ denkende Frauenarzt sieht gute Chancen für eine Geburtshilfe, die die Familie in den Mittelpunkt stellt und dennoch die künftigen ökonomischen Herausforderungen besteht</p>



<p><strong>Katja Baumgarten: Warum haben Sie im Juni 2003 Ihre Tätigkeit als Chefarzt im Vinzenz-Palotti-Hospital Bensberg niedergelegt?</strong></p>



<p><strong>Dr. Gerd Eldering: </strong>Die Gründe, die Klinik zu verlassen, obwohl mein Vertrag noch längst nicht erfüllt war, sind mehrschichtig. Erstens haben wir in unserer geburtshilflichen Abteilung mit dem, was wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, das erreicht, was man erreichen konnte. Wir standen am Ende dieser Entwicklung. Das bedeutete für mich gleichzeitig wieder einen Aufbruch. Ich hatte die Vision, gegebenenfalls noch einmal die Geburtshilfe im Krankenhaus komplett umzustrukturieren und ein neues System in das Krankenhauswesen zu implementieren. Ich stand also vor der Entscheidung, ob ich jetzt ein neues Konzept initiieren sollte oder ob ich das vorhandene Konzept einfach weiterführe und die finanziellen und sonstigen Früchte daraus in den nächsten fünf Jahren bis zum Beginn meiner Pensionierung ernten sollte. Letzteres war mir zu wenig. Ersteres, ein geburtshilflicher Neuanfang, wäre zwar interessant gewesen, ließ sich aber nicht realisieren. Ich fand nicht die entsprechenden kompetenten Partner, die bereit gewesen wären, mein Konzept, beispielsweise als Modell-Projekt, zu realisieren. Die Geschäftsführungen und die Verwaltungen der Krankenhäuser waren mit der Einführung der DRGs anderweitig absorbiert &#8211; Qualitätsmanagement-Zentren einzuführen, Brustzentren aufzubauen und so weiter. Es gab zu wenig freie Kapazitäten, um meine Idee zu realisieren.</p>



<p><strong>Worin besteht Ihr Konzept für eine Umstrukturierung?</strong></p>



<p>Es macht keinen Sinn, wenn eine Frau, die keine medizinische Hilfe benötigt, in einem hoch technisierten Krei§saal mit einem Stab an Hebammen und Ärzten entbindet. Während eine andere Frau, die sich gleichzeitig im Kreißsaal nebenan befindet, nicht die medizinische Versorgung bekommt, die sie bekommen müsste, weil eine Hebamme und die Ärzte gleichzeitig zwei bis drei, manchmal sogar vier Frauen auf einmal betreuen müssen. Das ist auch ökonomisch gesehen absolut sinnlos. 60 Prozent aller Frauen, die ohne Risiko zur Geburt kommen, müssen in solche &#8211; zum Teil auch abstoßende Kreißsäle gehen, wo sie sich innerlich nicht verbunden fühlen, um den Akt des Gebärens zu vollbringen. Sie fühlen sich dabei durch die medizinische Präsenz gestört. Sie könnten eigentlich wunderbar in Geborgenheit ihr Kind bekommen und diesen schöpferischen produktiven Akt ungestört vollziehen. Das können Krankenhäuser zurzeit mit der üblichen Ausstattung &#8211; personell und räumlich nicht bieten.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="200" height="150" src="https://viktoria11.de/wp-content/uploads/2024/06/Eldering4_200.jpg" alt="" class="wp-image-3293"/></figure>



<p><strong>Was wäre die Alternative?</strong></p>



<p>Meine Idee ist folgende: Jede Frau, die sich für den Geburtsort ihres Kindes entscheidet, sollte diese Entscheidung auch nach medizinischen Gesichtspunkten treffen. Eine Frau ohne Risiko für die Geburt sollte nicht in der Klinik entbinden, sondern entweder zu Hause oder in einem Geburtshaus &#8211; das idealerweise in oder an der Klinik angesiedelt wäre, um Transportwege zu vermeiden und um sofortige medizinische Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Ob eine Frau eine &#8222;No-risk-Geburt&#8220;, eine &#8222;Low-risk&#8220;- oder &#8222;High-risk-Geburt&#8220; zu erwarten hat, wird durch eine gemeinsame Untersuchung und Beurteilung nach ausschlie§lich medizinischen Gesichtspunkten mit der Hebamme und einem Arzt entschieden. Für Frauen ohne Risiko sind die Krankenhäuser momentan einfach nicht speziell gerüstet. Frauen mit hohem Geburtsrisiko entbinden selbstverständlich in der Klinik &#8211; mit der Betreuungsperson Hebamme, aber auch mit der medizinischen Kompetenz der Ärzte. Frauen mit einer &#8222;Low-risk-Geburt&#8220; können beispielsweise in einem Geburtshaus im Krankenhaus nur mit einer Hebamme ohne ärztliche Betreuung entbinden. Falls sich aus einer Low-risk-Geburt eine High-risk-Geburt entwickelt, wird die Frau in den Kreißsaal transferiert, wo sie mit entsprechend hoher medizinischer Kompetenz versorgt werden kann. Genauso muss eine Frau, deren Geburt zunächst als High-risk eingestuft worden ist, die Möglichkeit haben, in die Low-risk- oder No-risk-Gruppe zu wechseln. Die Einschätzungen müssen transparent bleiben und dürfen nicht starr sein. Dieses zu realisieren, erfordert ein hohes Ma§ an fachlicher Kompetenz und gegenseitigem Respekt aller begleitenden Geburtshelfer: Hebammen und Ärzte. Mit diesem Konzept können Kosten gespart werden. Und so könnten die Frauen, die eine High-risk-Geburt vor sich haben, eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch die Hebammen und Ärzte erhalten.</p>



<p><strong>Gerade Frauen mit Risikogeburten brauchen besonders viel Zeit, Zuwendung und menschlichen Rückhalt. Können Hebammen das in einem normalen Kreißsaal dann noch leisten &#8211; wird das bezahlbar bleiben?</strong></p>



<p>Auf lange Sicht ist das sicher bezahlbar. Gerade deswegen muss das System dringend umstrukturiert werden. Die Hebammen im Kreißsaal müssen andere Aufgaben bekommen. Es ist ja Unsinn, dass Hebammen Dinge tun müssen, wie beispielsweise die Vorräte im Kreißsaal aufzufüllen. Das können andere machen. In der High-risk-Gruppe ist eine Eins-zu-Eins-Betreuung erforderlich. Die wird gegenwärtig nicht geboten. Durch eine mangelhafte Betreuung kann der Gesundheitszustand von Mutter oder Kind Schaden nehmen. Wenn man das einkalkuliert, ist der andere Weg sicher bezahlbar. Man spart ja auf der anderen Seite das medizinische Angebot für die Frauen ein, die keine medizinische Hilfe brauchen. Die außerklinisch tätige Hebamme bekommt ihre Gebühr für die Geburtshilfe und die Fallpauschale wird nicht abgerechnet. Möglicherweise müsste &#8211; fernab von den üblichen Mischkalkulationen &#8211; die Fallpauschale der Krankenhäuser für die Risikogeburten dann erhöht werden und für die Geburten im Geburtshaus ohne ärztliche Hilfe gesenkt werden.</p>



<p><strong>Können Hebammen die Frauen überhaupt noch mit der geburtshilflich nötigen Ruhe begleiten?</strong></p>



<p>In der Hausgeburtshilfe oder Geburtshausbetreuung gibt es das natürlich oder auch in den von Hebammen geleiteten Kreißsälen. Die sind vom routinemäßigen medizinischen System abgekoppelt. Ein von Hebammen geleiteter Kreißsaal kommt ohne Ärzte &#8211; und damit auch ohne den Konflikt &#8222;Arzt &#8211; Hebamme&#8220; aus. Im herkömmlichen System gibt es immer einen Konflikt, weil die Machtposition der Ärzte zu ihren Gunsten ausfällt. Ein von Hebammen geleiteter Kreißsaal hat die Chance, mit Zuwendung, aber dennoch mit fachlicher Kompetenz, den Frauen das zu geben, was sie in sich tragen, nämlich eine &#8222;Nicht-Risikogeburt&#8220; zu erleben &#8211; jedenfalls ist dies das Ziel. Diese Geburtshilfe ist vom üblichen Medizinbetrieb entkoppelt. Jeder stellt das zur Verfügung, was er kann. Entscheidend ist natürlich, dass die Hebammen auch die Größe haben müssen, sich zu entkoppeln und die Verantwortung zu übernehmen. Auf der anderen Seite müssen Hebammen auch die notwendige Fachkompetenz haben und sie müssen ihre Grenzen kennen. Leider überschreiten manche Hebammen ihre Möglichkeiten, weil sie die Frauen vor den Ärzten schützen wollen. Das ist gefährlich. Umgekehrt sollte es für Ärzte selbstverständlich sein, den Hebammen &#8211; natürlich auch den Frauen &#8211; zu helfen, ein geburtshilfliches Problem zu bewältigen. Die Ausbildungsgänge und das Selbstverständnis der beiden Berufsgruppen sind unterschiedlich. Es darf kein Konkurrenzdenken entstehen, wie man es häufig sieht: Die Hebammen denken, sie kommen ohne Ärzte aus und die Ärzte betrachten die Hebammen als Fußvolk. Hier ist eine gemeinsame Supervision angesagt!</p>



<p><strong>Der Wert der Hebammenarbeit wird noch immer nicht überall als selbstständige Qualität in der Geburtshilfe respektiert.</strong></p>



<p>Deswegen können sich heute auch noch manche Krankenhäuser und Ärzte erlauben, &#8222;Schwester&#8220; zu einer Hebamme zu sagen, wie in einer Klinik, die ich kürzlich besucht habe: Dort werden alle Hebammen mit &#8222;Schwester&#8220; angesprochen. Das bedeutet etwas: Entsprechend wird die Geburtshilfe dort sein. Aber sie haben wunderbare neue Krei§säle &#8211; mit Sternenhimmel und so weiter. Frauen, die entbinden, brauchen keinen Sternenhimmel und kein Design des 30. Jahrhunderts. Sie brauchen eine Ecke, eine Höhle, Geborgenheit &#8211; nicht so einen offenen Kreißsaal, wo jeden Moment die Tür aufgehen kann und die Frau in ihrer Produktivität gestört wird. Die Marketing-Mentalität vieler Kliniken besagt: &#8222;Wir haben ein breites Bett, eine Badewanne, ein Seil von oben, einen Gebärhocker &#8211; bei uns kriegen Sie alles &#8211; suchen Sie es sich aus!&#8220; Aber selten findet man dazu ein Betreuungskonzept, wo die Hebammen sagen: &#8222;Wir zwei probieren einmal, was Ihnen gut tut. Hier haben wir einen Gebärhocker. Setzen Sie sich mal drauf! Versuchen Sie das doch mal.&#8220; Oder: &#8222;Legen Sie sich doch mal ins Bett. Wenn Ihr Mann müde ist, kann er sich ruhig mit reinlegen. Wie Sie es zu Hause auch tun. Wenn ich reinkomme, klopfe ich. Dann warte ich einen Moment und erst wenn Sie &#8218;herein&#8216; sagen, komme ich rein.&#8220; Das verstehe ich unter &#8222;Bewahrung der Privatsphäre&#8220;. Das erhält den Frauen beziehungsweise den Familien die Stärke.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="200" height="150" src="https://viktoria11.de/wp-content/uploads/2024/06/Eldering5_200.jpg" alt="" class="wp-image-3296"/></figure>



<p><strong>Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung in der Geburtshilfe?</strong></p>



<p>Die Krankenhäuser sind durch die Einführung der DRGs und durch die Gesundheitsreform in einen zunehmenden Konkurrenzkampf gekommen, der nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden muss &#8211; entweder man überlebt oder man fällt hinten runter. Wir haben in Deutschland einen erheblichen Geburtenrückgang: Früher wurden über 900.000 Kinder im Jahr geboren. Jetzt liegen wir bei jährlich 750.000 bis 780.000 Geburten. Das sind etwa fünf Prozent weniger pro Jahr. Man rechnet damit, dass sich ausgehend vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2030 die Zahl der Kinder halbieren wird. Zurzeit haben wir in Deutschland eine Überkapazität an geburtshilflichen Betten bei sinkenden Geburtenzahlen und sich verkürzender Verweildauer in den Krankenhäusern. Man muss davon ausgehen, dass bis zum Jahre 2030 die Hälfte aller geburtshilflichen Abteilungen geschlossen wird. Erst Recht, wenn man bedenkt, dass sich weniger als 700 Geburten im Jahr für eine Klinik nicht rechnen &#8211; und dass die medizinische Versorgung durch Hebammen und Ärzte immer teurer wird. Die Zahl der Entbindungsabteilungen wird sich erheblich reduzieren: Die kleinen Abteilungen mit weniger als 700 Geburten werden nicht bestehen können. In fünf bis zehn Jahren werden kaum noch Frauen im Krankenhaus bleiben, um sich auszuruhen &#8211; wenn sie denn überhaupt im Krankenhaus entbunden haben. Das wird zu teuer. Sie werden bald nach der Geburt nach Hause gehen. Die Zahl der ambulanten Geburten wird also für Frauen ohne medizinisches Risiko erheblich zunehmen. Deswegen werden sich auch die Kliniken ändern: Sie werden medizinische Kompetenzzentren sein, mehr nicht. Die Betreuung des größten Teils der Frauen liegt dann in der Hand der Hebammen. Dieses Konzept vernünftig umzusetzen, bedeutet sehr viel Input.</p>



<p><strong>Durch Ihre Beratungstätigkeit haben Sie Einblick in viele Kreißsäle und Entbindungsstationen. Hat sich die Geburtshilfe durch die Gesundheitsreform geändert?</strong></p>



<p>Die Geburtshilfe kann sich nicht dadurch ändern, sie ändert sich nur mit den Menschen, die mit ihr umgehen. Es gibt positive Entwicklungen in Deutschland, wo sich eine weitere Unterstützung lohnt. Es gibt Kreißsäle und Entbindungseinheiten, die mit sehr hoher menschlicher Kompetenz und Emotionalität in scheußlicher Umgebung zurecht kommen und dabei einen wichtigen Stellenwert haben. Auf der anderen Seite gibt es wunderbar ausgestattete Kreißsäle, ohne dass dort wirklich eine fürsorgliche Betreuung gelebt wird, weder von den Hebammen noch von den Ärzten. Die DRGs spielen da nicht die entscheidende Rolle. Es ist Vieles Fassade, weil die Konkurrenz der Krankenhäuser untereinander so groß geworden ist. Viele Krankenhäuser sind vom Marketinggedanken beseelt und meinen, damit etwas retten zu können. Aber man steht nicht richtig mit Haut und Haar dahinter. Sie ändern das äußere Ambiente, indem sie Gebärbadewannen aufstellen, denn es wird ja auch immer danach gefragt. Aber wie viele Frauen entbinden dort letztlich in einer Gebärbadewanne? Die Geburtshilfe hat sich nicht verändert, sie ist weniger transparent geworden. Da fehlt häufig eine Ehrlichkeit. Geburt muss heutzutage verkauft werden. Geburtshilfe ist ein Markt &#8211; das ist nicht &#8222;Werdung von Familie&#8220;. Der Markt steht in den Krankenhäusern im Vordergrund. So müssen sie auch denken &#8211; sie werden ja auch entsprechend kontrolliert und honoriert.</p>



<p><strong>Kann eine menschliche Geburtshilfe auf so einem Markt überhaupt bestehen?</strong></p>



<p>Ich habe das Glück gehabt, in einer Zeit eine Klinik hochzubringen, in der die Frauen kritisch gewesen sind. Wenn man eine ehrliche Medizin macht, wo man das, was man sagt, auch wirklich lebt, dann hat diese Art der Geburtshilfe eine Chance. Nicht umsonst sind einige Kliniken beliebter als andere. Ein vordergründiges Marketing wird sich auf die Dauer nicht halten lassen, sondern nur eine zuwendungsreiche Geburtshilfe. Wenn Betten abgebaut und viele Kliniken geschlossen werden, dann bleiben möglicherweise nur noch vordergründig gut funktionierende Medizineinrichtungen übrig. Diese Medizineinheiten müssen dann auch für solche Frauen zur Verfügung stehen, die sie brauchen. Der Rest geht dann nicht mehr in die Klinik.</p>



<p><strong>Kann es auch positiven Einfluss auf die Geburtshilfe haben, selbst wenn die Veränderungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorangetrieben werden?</strong></p>



<p>Ja, das denke ich schon. Es ist vielleicht auch eine Chance für die Frauen, eine andere Geburtshilfe zu verlangen und zu bekommen. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob das in unserer &#8222;Lifestyle-Gesellschaft&#8220; überhaupt gewollt ist: siehe gewünschter Kaiserschnitt ohne Indikation. Es ist die Frage, ob es die Frauen sind, die sich das nehmen oder ob sie wissen, was sie überhaupt wünschen. Ein Großteil der Frauen wird immer konformistischer und hat mehr den Gedanken des Wohlergehens im Kopf. Viele Frauen scheinen zu vergessen, dass die Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern das Hauptwohlergehen sein sollte.</p>



<p><strong>Der Wunschkaiserschnitt ist ein Angebot auf einem expandierenden &#8222;Geburtshilfe-Markt&#8220;. Wird den Frauen nicht ein falsches Bild vom Geschehen verkauft?</strong></p>



<p>Das haben wir doch überall im Marketing, dass falsche Bilder verkauft werden. Deswegen ist es wichtig, Frauen und Familien darüber aufzuklären, was sie wirklich mit ihrer Entscheidung bewirken. Sei es die Pränataldiagnostik, die Geburtshilfe oder die Zeit nach der Geburt: Die Eltern müssen sich damit auseinander setzen. Aber wenn sie noch nicht einmal wissen, was sie wollen, dann müssen sie das nehmen, wo sie theoretisch denken, dass es ihnen gut tut. Die Zeit ist vorbei, wo die Frauen sagten, &#8222;Mein Bauch gehört mir&#8220;. Der Bauch der Frau gehört heute zum größten Teil anderen, den Kliniken und den DRGs.</p>



<p><strong>Gegenwärtig wird immer schneller die Entscheidung zu operativen Eingriffen getroffen. Ist das neue Abrechnungssystem die Ursache?</strong></p>



<p>Das hat verschiedene Gründe: Erstens ist man ein möglicherweise aufkommendes Problem los und zweitens kann man seine Zeit besser einteilen. Es ist sehr aufwändig, nachts neben einer Geburt zu sitzen, zu warten und nichts zu tun &#8211; um der natürlichen Geburt eine Chance zu geben.</p>



<p><strong>Wird so etwas bald der Vergangenheit angehören?</strong></p>



<p>Nein, ich möchte ein Beispiel nennen: Durch meine persönliche Erfahrung mit der Wassergeburt überblicke ich bundesweit etwa 20.000 Geburten im Wasser. Mir ist bis heute kein Fall bekannt, in dem ein Kind durch eine Wassergeburt zu einem bleibenden Schaden gekommen ist. Warum? Weil die Wassergeburt die Nähe der Hebamme erfordert &#8211; das Betreuungskonzept ist so angelegt, dass alle Frauen bei einer Wassergeburt eine Eins-zu-Eins-Betreuung haben. Es scheint die intensive Betreuung durch die Hebammen zu sein, die die Risiken abwendet. Da geht es nicht mehr um Machtverhältnisse, sondern um etwas Genuines, was die Hebammen in diesem Bereich leisten und auch leisten müssen. Wenn das so ist, dass durch die Eins-zu-Eins-Betreuung wirklich weniger passiert, dann muss man doch erst Recht für die Risikofälle grundsätzlich eine solche Betreuung verlangen. Ich denke, das ist ein politisches Problem. Es ist ein Problem der Hebammen- und Ärzteverbände, dies auch für andere transparent zu machen. Sie sollten viel mehr aufeinander zu gehen, mehr miteinander statt gegeneinander agieren. Auch die beiden Berufsverbände der Hebammen sollten stärker Einfluss nehmen, indem sie sich auf eine gemeinsame Strategie einigen. Die Ökonomie im Krankenhaus funktioniert offenbar nach Gesichtspunkten, die der Geburtshilfe widerstreben.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="200" height="150" src="https://viktoria11.de/wp-content/uploads/2024/06/Eldering3_200.jpg" alt="" class="wp-image-3299"/></figure>



<p><strong>Gibt es Kräfte, die das wieder zusammen denken?</strong></p>



<p>Es wird wieder anders kommen, es wird einen Rebound-Effekt geben. Die Entwicklung in der Geburtshilfe ist wie ein Ausprobieren. Im Moment wird Hightech und 4D-Ultraschall probiert. Das wird wieder umschlagen. Es wird anders werden, wenn die Frauen wieder merken, dass die Geburt etwas so Außergewöhnliches und Besonderes ist, dass sie gut vorbereitet werden muss. Und zwar nicht nur mit irgendwelcher Atemtechnik, sondern wirklich mit Aufklärung über das, was im Körperlichen und im Seelischen vor sich geht. Im Moment spielt in unserer Lifestyle-Gesellschaft das Körperliche eine große Rolle. Der Widerstand, den Frauen früher hatten, wird heute unterlaufen und kommt nur oberflächlich auf.</p>



<p><strong>Denken Sie, die Frauen können das Selbstvertrauen wieder ergreifen, das ihnen verloren gegangen zu sein scheint?</strong></p>



<p>Ich hoffe es. Ich finde es eigentlich schlimm, dass Frauen da in ihre Rolle zurückfallen, die sie vor Jahrzehnten hatten, dass sie Opfer von irgendwelchen Systemen sind. Sie haben nicht mehr so viel Selbstwertgefühl und Mut, sich dagegen zu stellen, da auf der anderen Seite der Druck der Medizin ganz erheblich ist. Nach dem Motto: &#8222;Wenn Sie das nicht machen, dann ist das aber schlecht für Sie und ihr Kind.&#8220; So wird es immer verpackt. Die Ambivalenz, die auch wir Mediziner haben, kommt ja fast nie zum Ausdruck. Wir sind häufig gar nicht so sicher, wie wir vorgeben. Wenn man sich zum Beispiel mit einer Frau über den Wunschkaiserschnitt unterhält, denkt man manchmal, vielleicht ist eine Sectio wirklich besser für diese Frau, wenn sie diese Ängste hat und wenn sie einen nun bereits auf eine Sectio angesprochen hat. Da darf dann bei der Geburt nichts passieren &#8211; das engt einen ein. Auch dieses Gefühl, wenn man eine Frau doch überzeugt hat, eine Normalgeburt zu versuchen und das Ganze endet nach zehn oder zwölf Stunden in einer Sectio, dann sagt einem die Frau oder Familie: &#8222;Wir wollten ja von vornherein eine Sectio. Ich weiß gar nicht, warum wir uns so lange quälen mussten.&#8220;</p>



<p><strong>Ich bin skeptisch, ob sich das Rad wieder zurück drehen lässt. Die Frauen fühlen sich weniger als Opfer, sondern eher als Kundinnen, die die Wahl haben. Es ist eigentlich ein geburtshilfliches Angebot, das indirekt zu Opfern führt.</strong></p>



<p>Es wird wohl nicht wieder zum Ausgangspunkt zurückgehen. Vielleicht war der Ausgangspunkt ja auch nicht richtig. Ich weiß nicht, ob es zum Beispiel richtig gewesen ist, jede Sectio zu umgehen und eine Sectiorate von unter zehn Prozent anzustreben. Aber es ist sicher auch falsch, heute so viele Kaiserschnitte durchzuführen. Man wird wieder einen Mittelweg finden müssen, vielleicht über die Zwänge der Vergütung. Ich finde es schade, dass es über die monetäre Schiene zu laufen scheint und nicht inhaltlich begründet ist. Die Betreuer, also Hebammen und Ärzte, sollten möglichst nach dem Prinzip der Eigenempfindung handeln. Die erste Frage, die wir uns beantworten müssen, heißt: Ist es medizinisch notwendig? Wenn wir meinen, dass etwas medizinisch nicht notwendig ist, sollten wir es nicht machen. Zweitens: Würde ich diese oder jene Betreuung für mich auch haben wollen? Wenn ich nicht damit einverstanden wäre, dann darf ich das nicht machen. Wenn man nach diesem Motto vorgeht, ist das eine gute Ausgangsposition, sein Fachwissen, seine Kompetenz und seine Emotionalität zur Verfügung zu stellen.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="200" height="150" src="https://viktoria11.de/wp-content/uploads/2024/06/Eldering2_200.jpg" alt="" class="wp-image-3302"/></figure>



<p><br><br><br><br></p>



<p><strong>Der Interviewte</strong></p>



<p>Dr. med. Gerd Eldering war von 1980 bis 2003 Chefarzt der Frauenklinik des Vinzenz-Pallotti-Hospitals Bensberg, wo er mit seinem Team wegweisende Konzepte der familienorientierten Geburtshilfe entwickelte. So führte er beispielsweise die Wassergeburt und den Kaiserschnitt nach Misgav Ladach in Deutschland ein.1989 gründete er zusammen mit der Hebamme Sabine Friese-Berg die Hebammenschule am Krankenhaus Bensberg und leitete sie. Daneben ist er seit 1980 Leiter des Zytologischen Instituts. 1990 gründete er mit Sabine Friese-Berg und der Physiotherapeutin Annemie Hoppe das Fortbildungszentrum Bensberg, dessen Leitung er ebenfalls übernahm. In diesem Zentrum werden Fortbildungen für Hebammen, Krankenschwestern, Kinderkrankenschwestern und Gynäkologen, Arbeitsanalysen sowie ein Coaching von Frauenkliniken, die ihre Geburtshilfe verändern möchten, angeboten.</p>
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			</item>
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		<title>Im Zenit</title>
		<link>https://viktoria11.de/im-zenit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Mar 2004 12:41:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
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<p>Inhaltlich sei er da angekommen, wo er hinkommen wollte. Und im Zenit solle man seine Tätigkeit aufgeben und sich neuen Zielen zuwenden, begründete Dr. Gerd Eldering seine Entscheidung, als er vor einigen Monaten seine Position als Chefarzt der geburtshilflichen Abteilung im Vinzenz-Palotti-Hospital in Bensberg aufgab. In seinem Artikel in dieser Ausgabe stellt er das vorbildliche Konzept der Bensberger Entbindungsstation vor. Anfang der 80er Jahre haben er und sein Team als eine der ersten die Gedanken von Leboyer und Odent aufgriffen und weiter entwickelt. Das letzte Projekt war die Einrichtung eines Geburtshauses im Krankenhaus. „Mein Konzept war, Kosten zu senken, ohne dabei auf gute Qualität bei der Betreuung zu verzichten. Gemeinsam mit einer Hebamme und einem Arzt wird entschieden, wo eine Frau am besten entbindet: Die eine Frau kann in dem „No-Risk“-Bereich ihr Kind zur Welt bringen, wo nicht alle medizinischen Möglichkeiten vorgehalten werden, aber sofort heran gerufen werden können &#8211; eine andere Frau gehört in einen Bereich mit viel Medizin.“ Eldering hält eine politische Entscheidung für dringend notwendig, damit so ein kostengünstiges Konzept auch überregional greifen kann. „Die Berufsverbände der Hebammen und Ärzte müssen sich mit den Krankenkassen an einen Tisch setzen.“<br>Sein anderer Grund für den Abschied stimmt melancholisch, nachdem „Bensberg“ jahrelang für viele als Vorbild und Ermutigung den eigenen geburtshilflichen Aufbruch stärkte: „Der Konkurrenzkampf in der Medizin wird immer größer“, beklagt er: „Stellen werden abgebaut, die Verwaltungstätigkeit nimmt enorm zu. Der Zwang zur Kostensenkung beschneidet immer mehr die freie Tätigkeit im Krankenhaus. Es gibt kein Polster mehr: Hatte früher eine Frau nach einer OP eine Verspannung im Rücken, wurde sie mit Franzbranntwein abgerieben – dafür ist heute keine Zeit mehr. Stattdessen müssen am Computer Daten eingeben werden. Wir werden demnächst einen eklatanten Hebammen- und Ärztemangel haben – das macht bald keiner mehr mit. Die Richtlinie von 118 Geburten im Jahr pro Hebamme wird selten eingehalten. Hebammen werden immer mehr von dem Eigentlichen, von der Geburtshilfe abgezogen. Das ist sicher nicht der Gesundheit in der Geburtshilfe dienlich.“</p>



<p>Der Arbeit im Kreißsaal ist diesmal unser Titelthema gewidmet. Erstklassige Organisation und Risikomanagement ist heute das Gebot der Stunde. Man hofft trotz allem inständig, dass auch unter dem Zwang zur „Wirtschaftlichkeit“ den Frauen, Kindern und Vätern während der Geburt individueller Schutz und unmittelbare Begleitung von Hebammen noch mit der nötigen Fülle, Geduld und Zuneigung geschenkt werden können, ohne dass diese sich selbst verausgaben. Und dass die Potenz für innovative Ideen bei einer liebevolle Geburtshilfe zum Wohl der Familien und der Gesellschaft erhalten bleibt.</p>
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