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	<title>Frédérick Leboyer &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<description>Filmemacherin, Journalistin, Hebamme</description>
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		<title>&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Aug 2017 22:00:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Frédérick Leboyer]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[&#160; Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/fuer-mich-war-er-ein-meister/"><span class="screen-reader-text">"&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p>&nbsp;</p>



<p><strong><em>Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn auch privat gut gekannt.</em> </strong></p>



<p><strong><em>Katja Baumgarten: Sie kannten den Geburtshelfer Frédérick Leboyer über viele Jahre sehr persönlich. Wie haben Sie ihn kennen gelernt </em></strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim: </strong>1985 habe ich Frédérick Leboyer in Freiburg bei seinem ersten Seminar in Deutschland „Atmen und Singen“ kennen gelernt. Gehört hatte ich von ihm lange vorher: 1975, als ich 16 Jahre alt war, wurde sein Film „Geburt ohne Gewalt“,„Naissance“ wie er auf französisch heißt, im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Kurz zuvor hatte ich noch vor meiner Hebammenausbildung meine erste Geburt ganz „klassisch“ miterlebt. Seine Gedanken waren damals etwas völlig Neues. Ich habe dann seine Bücher gelesen. Schon zu Anfang meiner Hebammenschulzeit, die ich 1981 begann, waren seine Ideen für mich sehr wichtig. 1985 hatte ich mich gerade als Hebamme selbstständig gemacht. In dem Seminar habe ich seinen Film „Das Fest der Geburt“ gesehen und war sehr beeindruckt. Wir sind dann näher in Kontakt gekommen, weil ich Französisch spreche. Kurz darauf habe ich ihn in Deutschland als Übersetzerin bei Kongressen und Seminaren begleitet.</p>



<p><strong><em>Ich habe Frédérick Leb</em></strong><strong><em>oyer nur einmal gesehen, 1980 als Hebammenschülerin: Er zeigte seine Filme „Naissance“ und „Shantala“ und sprach in einem vollbesetzten Veranstaltungssaal vor 2.000 Menschen. Jedes seiner Worte traf mich ins Herz, insbesondere weil ich in der Hebammenschule damals sehr unglücklich war, wie wir die Neugeborenen behandeln mussten. Von MedizinerInnen soll er aber angegriffen und verlacht worden sein. </em></strong></p>



<p>Sein Film „Naissance“ löste in medizinischen Kreisen immer große Aufregung und Widerstand aus. Manchmal gab es heftige Diskussionen. Zum Beispiel kritisierten die Kinderärzte, wie man ein Kind nach der Geburt so röcheln lassen könne, ohne abzusaugen.</p>



<p>Wenn er damals nach Deutschland kam, haben wir uns getroffen. Kurze Zeit später bin ich in den Südosten von Frankreich gezogen. Er wohnte in London und verbrachte viel Zeit in Indien bei einem indischen Lehrmeister.</p>



<p>In Frankreich hatte er nicht mehr viele Kontakte zu Medizinern. Nach seinem ersten Buch und seinem Film, die in Frankreich abgelehnt wurden, hatte er damals sein Arzt-Diplom niedergelegt und war nach England gegangen. Seitdem nannte er sich nicht mehr Arzt, sondern Schriftsteller.</p>



<p>Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, habe ich ihn bei einem Kongress wiedergetroffen. Er hat gleich begonnen mit mir zu singen, also zu tönen. Von da an haben wir uns regelmäßig gesehen. Er kam oft zu uns nach Hause und ich habe dann mit ihm Seminare zum „Atmen und Singen“ organisiert.</p>



<p><strong><em>Hat er dan</em></strong><strong><em>n auch bei Ihnen gewohnt?</em></strong></p>



<p>Ja. Von 1992 bis 2012 war er regelmäßig ein- oder zweimal im Jahr bei uns in Frankreich zu Besuch und hat Seminare abgehalten. Danach habe ich ihn ab und zu besucht. Ich war auch vergangenes Jahr am 1. November zu seinem 98. Geburtstag noch bei ihm. Körperlich nahmen die Einschränkungen irgendwann zu. Bis er 90 war, sogar bis 94, war er noch sehr fit. Nach einem leichten Infarkt hat er kein Tai Chi mehr gemacht und hatte etwas Gleichgewichtsstörungen. Nach einer Krankheit ist er dann im Mai gestorben.</p>



<p>Sein Tod wurde hier in Frankreich nicht besonders gewürdigt. Es gab keinen großen Nachruf in den Tageszeitungen – bis auf eine kleine Würdigung in <em>Le Monde</em> ((kursiv)). Freunde aus Deutschland haben mich angerufen, die die Todesanzeigen in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung ((kursiv)) </em>und in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> ((kursiv)) gesehen hatten.</p>



<p><strong><em>Sie erfuhren von seinem Tod durch</em></strong><strong><em> die Anrufe? </em></strong></p>



<p>Nein. Ich bin mit Mieko, seiner Frau, in Kontakt. Sie hatte mich am Tag vorher darauf vorbereitet, dass es zu Ende geht. Ich hatte ihn dann noch kurz am Telefon. Nach seinem Abschied hat sie mich direkt angerufen.</p>



<p><strong><em>Welche Bedeutung hatte Leboyer für Sie?</em></strong></p>



<p>Für mich war er eine Art Meister. Ich war damals, als wir uns kennen lernten, eine junge Hebamme und hatte mich gerade selbstständig gemacht. Ich war selbst in dieser Zeit mehrere Male in Indien gewesen und habe ihn gefragt: „Können Sie nicht mein Meister sein?“ Das wollte er nicht. Trotzdem habe ich ihn immer als meinen Meister empfunden.</p>



<p>Was ich von ihm gelernt habe, hat genau in diese Phase gepasst. Ich musste nicht mehr die Bedingungen in einem Kreißsaal erfüllen, sondern konnte eine Geburt anders begleiten und die neugeborenen Kinder in den Familien begrüßen.</p>



<p>Frédérick Leboyer war eine Vaterfigur für mich. Wir haben viel über Geburt und Tod gesprochen. Und wie weit die Frauen bei der Geburt gehen können – sich trauen oder eben nicht. Er sagte zwar immer: „Ich als Mann dürfte eigentlich nicht dabei sein“, gleichzeitig konnte er trotzdem nicht loslassen. Er war für mich eine wichtige Figur, obwohl er ein Mann war. Das war schon immer ein Zwiespalt.</p>



<p><strong><em>Ein Zwiespalt – für ihn oder für die anderen?</em></strong></p>



<p>Für ihn vielleicht auch. In Seminaren hat er gesagt: „Eigentlich sollte ich hier nicht sitzen – ich bin ein Mann und habe gar keine Ahnung vom Kinderkriegen.“ Aber trotzdem hat er dann immer gelehrt. Als Meister stand er da und hat den Frauen gesagt, was sie zu tun haben. Zwar mit einer gewissen Sanftheit, aber gleichzeitig auch immer sehr bestimmend.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie das empfunden? Sie sind ja eher eine „frauenbewegte“ Frau &#8230;</em></strong></p>



<p>Da ich ihn als meinen Meister akzeptiert habe, konnte ich das von ihm gut annehmen, obwohl eine Geburt Frauensache ist.</p>



<p><strong><em>Warum haben Sie sich Frédérick Leboyer als Meister ausgesucht?</em></strong></p>



<p>Es war die spirituelle Seite der Geburt, nicht die medizinische – die ist nicht so wichtig. Seine Aussage, dass die Frauen ihren eigenen Weg gehen sollten, dass sie bei sich sein sollen, sich finden sollen, und dass man sie lassen sollte. Und dass wir GeburtshelferInnen, wir Hebammen und die Partner nur im Umfeld um sie herum da sein und sie beschützen sollten auf ihrem eigenen Weg. Durch diesen Sturm hindurchgehen, „traverser la tempête“, hat er immer gesagt – dass die Gebärende eigentlich die Kapitänin ist. Er war der Auffassung, dass man eine Gebärende am besten ganz alleine lässt und nur da ist, wenn sie etwas braucht. So ist es ja heute in der Realität nicht. Die Frauen brauchen relativ viel – sie meinen es zumindest.</p>



<p><strong><em>Die Frauen sind von der Geburtshilfe auf diesen Weg gebracht worden, dass sie ihr Handwerkszeug v</em></strong><strong><em>erloren haben oder sich dessen nicht mehr bewusst sind.</em></strong></p>



<p>Genau. Leboyer hat immer darauf bestanden, dass die Frauen die Werkzeuge für die Geburt ihres Kindes in sich trügen. Dafür wurde er oft angegriffen. Ich bin völlig seiner Meinung. Manche Frauen trauen sich, aber nicht alle. Das muss man erkennen, um den Weg mit ihnen zu gehen. Das zeigte damals schon sein Film „Le sacre de la naissance“, „Atmen und Singen“, der 1982 herausgekommen war. Da hat er die Gebärende über das Singen zu ihrem Urvertrauen gebracht und dann zum Gebären in Ruhe gelassen. Diesen Film fand ich schon immer sehr intensiv. Diese Wellen, die dich überrollen – selbst nach x-maligem Ansehen bekomme ich immer noch Gänsehaut.</p>



<p>Es war diese Botschaft, die mir die Augen geöffnet hat, wodurch ich dann auf meinen Weg als Hebamme gekommen bin. Später – etwa 1992 – hatte ich ein Erlebnis, dass eine Frau, die ich bei ihrer Geburt fragte: „Kann ich etwas für dich tun?“, mir antwortete: „Was willst<em> du</em> ((kursiv)) denn tun,<em> ich</em> ((kursiv)) gebäre doch das Kind.“ Dann ist sie weggegangen auf die Toilette. Ihr Partner und ich, wir standen herum und haben uns gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Sie hat uns dann gerufen, als der Kopf geboren wurde. Für mich war das ein Aha-Erlebnis, was ich als Hebamme bin.</p>



<p><strong><em>Hat die Beschäftigung mit seinen Gedanken, Ihre Begegnungen und Ihre Freundschaft auch Einfluss auf Ihre eigenen Geburten gehabt?</em></strong></p>



<p>Auf die zweite Geburt auf jeden Fall. Vor allen Dingen, weil ich ihn im letzten Drittel der Schwangerschaft noch einmal getroffen hatte. Danach habe ich jeden Tag getönt. Er hatte das in Gang gebracht und es hat mir sehr gut getan.</p>



<p><strong><em>Was ist das Besondere am Tönen?</em></strong></p>



<p>Man beginnt zunächst kurz mit Tai Chi-Übungen. Dann setzt man sich auf einem Stuhl so auf die Sitzbeinhöcker, dass man sie bei jedem Ton spürt. Dabei macht man eine Bewegung vor und zurück. Das Tönen kommt aus Indien. Es wird dort von einer Tampura begleitet, einem Saiteninstrument mit einer typischen Tonalität. Leboyer sagte, wenn jemand auf einer Tampura in der Nähe einer Frau mit Wehen spielt, dann könne ihr das etwas von den Schmerzen nehmen. Auch wenn sie sehr intensive Schmerzen habe, das Tönen würde ihr helfen, nicht ins Leiden zu gehen. Wenn die Gebärmutter auf die Schmerzen mit einem Krampf reagiert, dann wird es schwierig. Aber wenn die Frau da hindurchgehen kann mit Tönen oder auf ihre Art, dann kann sie den Schmerz zum Weitergehen nutzen.</p>



<p>Bei den Seminaren hat Leboyer mit einer klassischen Musikerin aus Südindien gearbeitet. Sie spielte Tampura und gab Gesangsunterricht mit einer speziellen Tonleiter in verschiedenen Tonalitäten und Sanskritwörtern. Das löste bei den Teilnehmerinnen viel aus. Die Frauen waren manchmal ganz aufgelöst, weil bei bestimmten Tönen auch eine bestimmte Stimmung angeregt wird. Es gibt viele verschiedene Tonfolgen, Ragas genannt, beispielsweise eine für den Morgen, eine für den Abend, jeweils eine für verschiedene Stimmungen. Je nachdem trifft dich das dann auch sehr persönlich.</p>



<p>Nach ein paar Jahren hat Frédérick Leboyer mir die Erlaubnis gegeben, seine Arbeit mit dem Atmen und Tönen weiterzuführen.</p>



<p><strong><em>Waren das Kurse für schwangere Frauen?</em></strong></p>



<p>Für Hebammen und Schwangere und auch für Paare. Die Männer hat Leboyer provokativ gefragt: „Was machen Sie denn hier?“ Er war trotzdem froh, dass sie da waren. Einmal war eine Frau dabei, die nicht schwanger war, aber sie interessiert sich. „Sie haben hier nichts zu suchen!“, sagte er da. Er war ziemlich provokativ.</p>



<p>Jetzt biete ich die Kurse zum Atmen und Tönen alle zwei Wochen in meiner Praxis an: Eine halbe Stunde Übungen und eine halbe Stunde Singen, so wie er es gemacht hat. Meistens kommen Schwangere, die ich begleite, die bei meinen Kollegen oder Kolleginnen aus der Region in Betreuung sind. Zu einer Geburt zu gehen, wenn die Frau sich so vorbereitet hat, das ist immer wunderbar.</p>



<p>Wir machen sehr viel mit dem Tönen – alle meine Kolleginnen. Es ist immer so ein tiefes O oder A. Die Frauen lieben das: Sie haben das Gefühl, sie zentrieren sich besser – sie bleiben da. Wenn es einmal schwierig wird, kommt keine Panik hoch.</p>



<p><strong><em>Die Begrüßung des Kindes war ein Ritual, dass damals sehr stark von Leboyer ausging. Ich habe 1981/82 im Kreiskrankenhaus Dachau gearbeitet. Dort wurden die Gedanken von Frédérick Leboyer und Michel Odent sehr früh in die Geburtshilfe einbezogen. Sehr konsequent wurde damals bei jeder Geburt das Baderitual vollzogen: Der Vater badete nach der Geburt sein Kind zusammen mit der Mutter im Dämmerlicht.</em></strong></p>



<p>Ich habe ihn hier einmal mitgenommen nach einer Hausgeburt. Leboyer hat den Eltern erklärt, wie sie ihr Kind halten und wie das Bad am besten durchführen sollten. Ich persönlich mache das nicht mit dem Baden: Die Kinder, die zu Hause kommen, lassen wir in Ruhe. Die Eltern baden ihre Kinder nach den Hausgeburten erst eine Woche später. Aber damals war das Ritual in den Kliniken sicher sehr angebracht.</p>



<p><strong><em>Im Krankenhaus hat es bei allen eine andere Haltung zur Geburt entstehen lassen. Wir haben auch andere seiner Anregungen beachtet, wie die Vorhänge zu schließen, um ein Dämmerlicht zu haben, das Kind nach der Geburt unbedingt erstmal bei seiner Mutter auf dem Bauch zu lassen, erst abzunabeln, wenn die Nabelschnur auspulsiert ist, und uns insgesamt leise zu verhalten. Alles, was zum Glück heute in mehr Kliniken verbreitet ist.</em></strong></p>



<p>Die Bedeutung des Haut-zu-Haut-Kontakts, das Bonding kam erst durch Leboyer ins Bewusstsein. Bei den ersten Geburten, die ich gesehen habe, wurde das Kind an den Füßen genommen und so weggetragen. 1981, als ich meine Hebammenausbildung begonnen habe, da haben wir vielleicht das Kind in ein OP-Tuch gewickelt und der Mutter kurz gegeben – eine Minute lang und das hieß schon die „Methode-Leboyer“. Dann wurde das Kind weggebracht zum Absaugen.</p>



<p><strong><em>Erstaunlich, wie viele Jahre es nach seinem ersten Buch dauerte, bis die Gedanken von Leboyer zaghaft umgesetzt worden sind. Und frappierend, wie lange sich die Unterschiede zwischen den Kliniken immer noch halten – obwohl man die Bedeutung unt</em></strong><strong><em>erdessen genau kennt.</em></strong></p>



<p>Damals ging es noch gar nicht um die Frauen. Er hat sich erst für die Kinder eingesetzt: Warum müssen die Kinder bei der Geburt leiden? Müssen sie leiden oder können sie das auch alles anders erleben? Etwas später hat er sich die gleiche Frage in Bezug auf die Frauen gestellt: Wie kann eine Frau durch die Intensität des Gebärens gehen, aber nicht darunter leiden?</p>



<p><strong><em>Eine befreundete Kollegin hatte ihn vor langer Zeit zu einer Team-Fortbildung eingeladen – in die Klinik, in der sie damals gearbeitet hatte. Sie war enttäuscht und entsetzt, weil er ein Kind seiner Mutter nach der Geburt weggenommen hatte, um es in einem anderen Zimmer ohne d</em></strong><strong><em>ie Eltern zu baden. Haben Sie so etwas auch erlebt? </em></strong></p>



<p>Nein, als ich ihn kennen gelernt habe, hat er das schon nicht mehr gemacht. Wir sollten immer daran denken, dass er in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geburtshelfer war. Ja, er war sehr dominant. Das kam nicht überall gut an. Ich sehe halt, aus welcher Zeit er kam. Seine aktive Klinikzeit hatte er bis Anfang der 70er Jahre. Er war ein sehr anerkannter Geburtshelfer und als Chefarzt einer Pariser Privatklinik verantwortlich für viele tausend Geburten gewesen. Er hatte damals die Chloroform-Methode angewandt, damit die Frauen nicht leiden. Und hat später von sich selbst gesagt: „Ich habe allen Frauen ihre Geburt geraubt.“</p>



<p><strong><em>Sie sind mit seiner Dominanz zurechtgekommen?</em></strong></p>



<p>Ich hätte ihn niemals zu einer Geburt mitnehmen wollen. Dabei hätte mich seine Dominanz gestört. Er hatte einen sehr bestimmenden Charakter, er hatte immer Recht. Wenn du etwas anderes machtest oder anders dachtest, dann hattest du unrecht. Wir haben oft diskutiert. Mein Mann ist Yoga-Lehrer. Leboyer war selbst vom Yoga zum Tai Chi gewechselt. Er bevorzugte die Bewegung des Tai Chi gegenüber dem Statischen des Yoga. Wir hatten immer wieder Diskussionen mit sehr viel Humor.</p>



<p>Es gab zwischen uns eine Art Einverständnis, ein paar Themen lassen wir aus, weil sie zu ewigen Diskussionen führen würden.</p>



<p>Was er mir gegeben hat, war viel wichtiger als diese Meinungsverschiedenheiten. Zum Schluss wurde unsere Beziehung eine Freundschaft, anfangs war es ein Meister-Schülerin-Verhältnis.</p>



<p><strong><em>Haben Sie durch seine Seminare von ihm gelernt, die Sie organisiert hatten? Oder hat er Sie auch direkt unterwiesen? </em></strong></p>



<p>Beides. Bei den Seminaren habe ich stundenlang praktiziert und getönt. Und zu Hause ging es weiter. Vieles von ihm hat mein Hebammenleben beeinflusst und auch mein privates Leben.</p>



<p>Er sagte, man solle jeden Tag bestimmte Gewohnheiten beibehalten, wie Zähneputzen oder Frühstücken. Wir machen morgens immer Yoga und haben seine Tai Chi Übungen hinzugenommen. Jeden Morgen ein kurzer Gedanke an ihn und an das, was er mir gegeben hat.</p>



<p><strong><em>Welcher Art sind seine Übungen?</em></strong></p>



<p>Er hat viel Tai Chi gemacht und Übungen daraus für schwangere Frauen angepasst. Einige hat er aussortiert – Übungen, die ihm wichtig waren, hat er vereinfacht. Er sagte, es sei wichtig, eine lebendige Wirbelsäule zu haben und dem Hohlkreuz entgegen zu wirken.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie seinen Abschied erlebt? </em></strong></p>



<p>Frédérick Leboyer ist zu Hause gestorben, seine Frau war bei ihm.</p>



<p>Die Abschiedsfeier fand in einem Schweizer Ort im Wallis statt, wo er zuletzt gelebt hatte. Die Zeremonie nach seinem Tod war sehr intensiv und ergreifend. Es war eine laizistische, keine religiöse Zeremonie. Viele Menschen waren gekommen, von denen ich seit 32 Jahren gehört, die ich in dem Film „Le sacre de la naissance“ gesehen und nie getroffen hatte. Es war alles so herzlich. Er geht weg und führt uns zusammen. Sechs oder sieben Menschen, die ihn besonders gut gekannt hatten, saßen noch lange zusammen. Wir hatten alle das gleiche Bild von ihm und die gleiche Erfahrung. Auch seine Beharrlichkeit kam zur Sprache, aber mit Humor. Denn trotz seiner dogmatischen Haltung war er vor allem ein Philosoph. Ein Mensch, der auch sehr offen war.</p>



<p>Ein Teil seiner Asche kommt nach Indien – an den Ort, der ihm viel bedeutet hat. Ein Grab wird es nicht geben.</p>



<p><strong><em>Danke Sybille Berresheim, für das persönliche Gespräch über diesen außerordentlichen Geburtshelfer, der so viel bewirkt hat.</em></strong><br><br><br></p>



<p><strong>Der Geburtshelfer </strong></p>



<p><strong>Dr. Frédérick Leboyer </strong>wurde am 1. November 1918 in Paris geboren und starb am 25. Mai 2017 in Vens, im Kanton Wallis in der Schweiz. Er war Frauenarzt, Schriftsteller und Filmemacher.</p>



<p>In seinen ersten Buch „Pour une naissance sans violance“ (1974), auf Deutsch „Geburt ohne Gewalt“ (1975), zeigte Leboyer mit ergreifenden Schwarz-weiß-Fotografien und poetischen Texten, wie wichtig ein respektvoller, behutsamer Empfang bei der Geburt eines Neugeborenen ist und wie offen seine ersten Blicke sein können, wenn es in Geborgenheit geboren wurde.</p>



<p>Seine drei Filme „Naissance“ von 1975 (Geburt), „Shantala“ (Sanfte Hände) und „Le sacre de la naissance“ von 1982 („Wellen des Lebens“) folgten. In Deutschland als VHS-Kassetten erschienen, sind sie heute vergriffen. Auch die 2008 in Frankreich erschienene DVD</p>



<p>„Naître Autrement“, die alle drei Filme enthält, ist im Handel nicht mehr erhältlich. Weitere Bücher: „Shantala (1976)/„Sanfte Hände“ (1979), ein Buch über traditionelle indische Babymassage, „Cette lumière d’où vient l’enfant“ (1978)/„Weg des Lichts“ (1980) über eine indische Schwangere, die sich mit Yoga auf ihre Geburt vorbereitet, „Das Fest der Geburt“ (1982), „Die Kunst zu atmen“ (1983), „Atmen, singen, gebären“ (deutsch 2006) und „Das Geheimnis der Geburt“ (2000), französisch „Si l’enfantement m’était conté“ (1996).</p>



<p><p>Frédérick Leboyer hat den landläufigen Begriff der „sanften Geburt“ geprägt und beeinflusste damit entscheidend einen Teil der Frauenbewegung und die Sicht auf die Geburtshilfe der 1970er und 80er Jahre in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland und Großbritannien.</p>
<hr></p>



<p><strong>Die Interviewte</strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim, </strong>1959 in Deutschland geboren, legte 1983 ihr Hebammenexamen in Wuppertal ab. Seit 1985 ist sie als freiberufliche Hebamme niedergelassen, bis 1989 in Hessen, anschließend in der Drôme (Frankreich). Sie betreut dort unter anderem Hausgeburten.</p>
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