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	<title>Barbara Duden &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<description>Filmemacherin, Journalistin, Hebamme</description>
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		<title>Teil der Lösung sein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 May 2013 06:38:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Unkategorisiert]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Duden]]></category>
		<category><![CDATA[Kongresse und Tagungen]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Mannheimer Kongress „Geburtshilfe im Dialog“ am 1. und 2. März nahm sein Motto ernst: Nach den hochkarätigen Vorträgen von Hebammen und ÄrztInnen war Zeit für Diskussionen. Während der wenigen sonnigen Vorfrühlingstage, in denen sich der lichtärmste Winter Anfang März vor seinem extrakalten Nachklang kurz verabschiedet hatte, trafen sich Hebammen, ÄrztInnen und VertreterInnen anderer Berufsgruppen<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/teil-der-loesung-sein/"><span class="screen-reader-text">"Teil der Lösung sein"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Der Mannheimer Kongress „Geburtshilfe im Dialog“ am 1. und 2. März nahm sein Motto ernst: Nach den hochkarätigen Vorträgen von Hebammen und ÄrztInnen war Zeit für Diskussionen.</strong></p>



<p>Während der wenigen sonnigen Vorfrühlingstage, in denen sich der lichtärmste Winter Anfang März vor seinem extrakalten Nachklang kurz verabschiedet hatte, trafen sich Hebammen, ÄrztInnen und VertreterInnen anderer Berufsgruppen aus sieben Nationen in Mannheim. Die 1.950 TeilnehmerInnen aus 7 europäischen Ländern waren der Einladung von <strong>Dr. Ansgar Römer</strong> zu „Geburtshilfe im Dialog“ und „TCM im Dialog“ in das Congress Centrum Rosengarten gefolgt. Die beiden internationalen Kongresse liefen parallel: Für jeweils 159 Euro (Frühbucher) beziehungsweise 185 Euro (Normalpreis) bekam man hochkarätiges, abwechslungsreiches Programm an zwei Tagen geboten, Kaffeepause und Mittagessen inklusive. Mit dem Kombiticket (219 Euro Frühbu­cherpreis / 245 Euro normal) konnte man beide Veranstaltungen besuchen. In einer umfangreichen Ausstellung auf zwei Ebenen zeigten 100 Firmen und Sponsoren ihre Produkte und Neuigkeiten. Zur Begrüßung holte Römer das große Organisationsteam aus Kursleiterinnen von Pro Medico und den Schülerinnen der Hebammenschule Speyer auf die Bühne und bedankte sich für das außerordentliche Engagement, diesen riesigen Doppelkongress auf die Beine zu stellen.</p>



<p>Die Vorträge der 50 ReferentInnen beider Kongresse waren auf vier Säle verteilt. So hatte man die Qual der Wahl und zwischen den Vorträgen gab es unruhige Wanderungsbewegungen. Dafür waren die Säle großzügig bestuhlt, mit Tischen – zum Mitschreiben sehr bequem. Die Vorträge wurden auch aufgezeichnet und als DVDs angeboten. Das Schema war klar strukturiert: 35 Minuten Vortrag und 20 Minuten Dialog mit dem Publikum. Auf diese Weise kamen viele Stimmen aus der alltäglichen Praxis zu Gehör.</p>



<p>Zur Begrüßung zitierte der gut gelaunte Gastgeber Dr. Römer die Mail einer Hebamme, die sich zurzeit in den USA aufhält und die dortige Geburtshilfe kennengelernt hat: „Wir klagen auf hohem Niveau – die Geburtshilfe ist in Deutschland gar nicht so schlecht!“ <strong>Prof. Dr. Marc Sütterlin</strong>, Direktor der Universitätsfrauenklinik Mannheim, die als Mitveranstalter firmierte, warnte in seinem Grußwort, ein gestörter Dialog erhöhe das Risiko in der Geburtshilfe und beeinträchtige das Wohlbefinden der Gebärenden. Stattdessen sollten Mut und Vertrauen von Schwangeren und Gebärenden in ihre eigenen Kräfte gefördert werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wahrscheinlichkeit oder Wirklichkeit</h2>



<p>Nach dem letztjährigen Kongress hatte sich das Publikum in den Evaluationsbögen <strong>Prof. Dr. Barbara Duden</strong> gewünscht. „Sie wird heute hier sein!“, kündigte Römer die erste Vortragende unter großen Applaus an. Mit ihrem Einführungsvortrag „Kann die Hebammenkunst Risikomedizin und Rationalisierung in der Geburtshilfe überleben?“ setzte die emeritierte Professorin am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Leibniz Universität Hannover einen kräftigen Akzent. Dass die Kategorie „Risiko” in die Vernunft des Tuns aufgenommen worden sei, stehe einem abwartenden Handeln diametral entgegen, das beobachtend die körperliche Arbeit der Gebärenden unterstütze. Einem Handeln, das Vertrauen in die Natur der Frau habe und sich auf das diagnostische Können der Hebamme verlasse – das auf ihrer Einsichtsfähigkeit vor Ort beruhe. „Mich treibt die Sorge um, dass das Risiko das geburtshilfliche Können von Hebammen von innen her zerstört.“ Da das Risiko nichts Wirkliches, sondern bloß Mögliches aussage, lasse es sich in der Physis der Gebärenden nicht vorfinden. Damit werde die Diagnose, die früher eine begründete jeweils aktuelle Kenntnis über den Zustand der Gebärenden und ihres Kindes gewesen sei, heute durch eine Spekulation ersetzt. Sie sei umso bedeutsamer, wenn gar nichts vorliege, also keine reale Gefahr das Handeln der Hebamme wirklich fordere und orientiere. Eine „fiktionale Zukunft “ werde in die Gegenwart projiziert und sei bestimmend für das Handeln. Die kritischen Überlegungen der Körperhistorikerin wurde zum Referenzpunkt für die weiteren Vorträge – die den Aspekt des geburtshilflichen Risikos häufig zum Thema hatten.</p>



<p>Mit ihrem Vortrag „Geburtshilfe als Risikomanagement? – Hebammen und Ärzte zwischen persönlicher Zuwendung, statistischer Prädiktion, Angst vor Fehlern und Entscheidungszwängen“ schloss die Biologin und Philosophin <strong>Dr. Silja Samerski</strong> von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg direkt daran an. Die Mutter von zwei Kindern bekannte: „Ich habe Hebammen viel zu verdanken!“ Sie beklagte in ihrem Vortrag einen „Verlust der Wirklichkeit durch eine Vorherrschaft der Statistik“. Heute strebe man ein „Shared decision making“ an: Basierend auf der geburtshilflichen Evidenz solle die schwangere Frau eine informierte Entscheidung treffen. Damit würde die persönliche Urteilsfähigkeit der GeburtshelferInnen, der Hebammen untergraben. Darüber, ob sie nach einem vorzeitigen Blasenspruch noch mehrere Tage abwarten wolle oder nicht, könne eine Schwangere keine informierte Entscheidung treffen. Sie habe ohnehin nur die Wahl zwischen vorgefertigten Optionen. Samerski stellte auch die Informationsgrundlagen in Frage: In der Wissenschaft würden viele Interessenkonflikte der Akteure über Studien ausgetragen. „Nur wenige Institute haben überhaupt genug Geld, um notwendige Studien durchzuführen!“ Meist würden in Studien nur bestimmte Kohorten einbezogen, die nicht repräsentativ seien. In jedem Fall könnten statistische Aussagen nur über Gruppen gemacht werden – das Individuum gehe darin unter und werde zum statistischen Konstrukt. Die Evidenzbasierte Medizin könne keine Einzelfallentscheidung begründen. Im Begriff „Entscheidung“ liege das Trennende – zwischen dem Normalen und dem Pathologischen. Früher wurde fachlich geurteilt – heute haben die Frau zu wählen. So wie sich der Entscheidungsprozess und die Entscheidungslogik seit den 1970er Jahre bis heute geändert habe, fürchte sie eine „Vergleichgültigung“ in der Geburtshilfe – die ExpertInnen seien nicht mehr verantwortlich für die Wahl der Frau. In der anschließenden Diskussion sagte sie offen: „Ich wäre nicht zu einer Hebamme gegangen, bei der ich zwischen Zahlen und Optionen zu wählen gehabt hätte – als Mutter kriege ich ein Kind!“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Praxisnahe Vorträge von Hebammen</h2>



<p>Die Vorträge von Hebammen waren allesamt sehr praxisnah auf hohem Niveau. Über „Gewalterfahrung und die Auswirkungen auf Schwangerschaft und Geburt“ referierte die freiberufliche Hebamme <strong>Renate Mitterhuber, MSc</strong>, aus Wien. „Risikomanagement in der Geburtshilfe – Lässt sich damit Pathologie vermeiden?“ beantwortete <strong>Cäcilie Fey</strong>, leitende Hebamme an der Universitätsfrauenklinik Freiburg. „Problematik Blasensprung: Hinlegen und Liegendtransport – Evidenzbasierte Vorgehensweisen?“ fragte <strong>Claudia Oblasser, M.A</strong>., aus Krems. Die Berliner Hebamme <strong>Lisa Fehrenbach</strong> erläuterte in ihrem Vortrag „Stillen ist mehr als Muttermilch­ernährung – Aktuelles Wissen über die Eigenschaften der Muttermilch und der Forschung zur Frühförderung.“ „Die Beckenmitte! Mittel- und Drehpunkt im Geburtsgeschehen – Beugung, Drehung und Widerstand, den physiologischen Geburtsmechanismus richtig verstehen“, erklärte <strong>Moenie van der Kleyn</strong>, Leiterin des Studiengangs „Heabmmen“ an der Fachhochschule Graz.</p>



<p><strong>Dr. phil. Elisabeth Kurth</strong>, Hebamme und Pflegewissenschaftlerin am Institut für Hebammen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Zürich, präsentierte eine wissenschaftliche Bedürfnisanalyse bei Eltern nach der Geburt. Ihr Vortrag hieß: „Völlig unerwartet – Der Stress im Wochenbett!“ Heute sei für viele Eltern ihr erstes Kind das allererste Baby, mit dem sie Kontakt hätten. Einer der Stressoren sei für sie, dass Fachpersonen alle etwas anderes sagten – manchmal drei verschiedene Meinungen. Ein weiterer Stressor sei zu wenig Schlaf und eine unzureichende Ernährung durch Überforderung: Die Eltern hätten plötzlich umfassend für ihr Kind zu sorgen, so dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen würden. Ein Segen sei es, wenn Großeltern oder andere befreundete Familien sie in dieser Zeit zwei Wochen oder länger bekochen würden. Die Mutter eines „Schreibabys“ hatte ihr beschrieben, wie hilfreich es gewesen sei, als ihr Vater mehrmals in der Woche einen Rucksack voll gekochten Essens vorbei gebracht habe. Eltern müssten sich manchmal erst eingestehen und nach außen signalisieren, dass Hilfe erwünscht sei. Traditionell sei in vielen Gesellschaften Unterstützung der Wöchnerin vorgesehen. Beispielsweise sei es im Schweizer Emmental auf Bauernhöfen Tradition gewesen, dass in der Wochenbettzeit eine „Anwärterin“, eine Haushaltshilfe, eingestellt worden sei. „Eine faule Wöchnerin ist ein Segen für die Familie“, gelte dort als alte Volksweisheit. Wie die professionelle Betreuung im Wochenbett organisiert werden sollte? Kurth empfiehlt zum einen eine Casemanagerin – eine Vertrauensperson, die die Übersicht hat. Dann seien eine gute interprofessionelle Vernetzung wichtig und eine Schnittstelle, wohin sich Eltern wie Professionelle wenden könnten. Hausbesuche hätten eine hohe Bedeutung: Sie verringerten die Rate der Wochenbettdepressionen. Ideal seien eine täglich 24 Stunden abrufbare Hilfe, vernetzte Angebote – leider würden Hebammen und ÄrztInnen hier nicht ausreichend zusammenarbeiten – und gebündelte Informationen vor der Geburt.</p>



<p>In Basel und Umgebung habe man das Wöchnerinnenprojekt „Family Start“ ins Leben gerufen. Leistungsverträge mit den regionalen Geburtskliniken finanzierten eine 12-Stunden-„Helpline“, auch ein Hebammennetzwerk sei gegründet worden. Der praxisnahe Vortrag zu dem innovativen Projekt entfachte eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Hausgemachte Notfälle?</h2>



<p>Den acht Vorträgen von Hebammen standen 14 ärztliche Vorträge gegenüber – allesamt spannend zu wichtigen aktuellen geburtshilflichen Fragen, dennoch ein massives Ungleichgewicht für einen ausgewogenen Dialog der Professionen, zumal das Gros der Teilnehmenden (75 Prozent) beim Kongress zur Berufsgruppe der Hebammen gehörte – darunter auch 20 Prozent Hebammenschülerinnen beziehungsweise -studentinnen.</p>



<p><strong>Dr. Sven Hildebrandt</strong> vom Dresdner Geburtshaus, der Frauenarzt- und Hebammenpraxis Bühlau und Präsident der Internationalen Gesellschaft für prä- und perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM), freute sich, dass er an seinem ersten Arbeitstag an der Hochschule Fulda zum Antritt der Vertretungsprofessur am Studiengang Hebammenkunde einen Vortrag vor diesem großen engagierten Publikum halten durfte. „Der geburtshilfliche Notfall zwischen schicksalhaft und hausgemacht. – Unser Platz in einer neuen Geburtskultur“ war sein Thema. Die Rate der wirklich ungestörten Geburten sei verschwindend gering. Viele Interventionen würden Geburtshelfer gar nicht wahrnehmen: Beispielsweise sei die Braunüle im Arm der Gebärenden ein Signal einer vorweggenommenen Pathologie. „Wir müssen uns den Zahlen stellen“, kommentierte er differenziert aufgeschlüsselte Sectioraten: Gegenüber 30 Prozent in Deutschland stünden 15 Prozent in den Niederlanden. Sachsen habe mit 23,2 Prozent die niedrigste Rate unter den deutschen Bundesländern – Dresden liege noch niedriger – das Saarland habe mit 38,2 Prozent die höchste Rate. Die hohe Kaiserschnittrate sei auch Ausdruck eines restriktiven Schutzverhaltens der Geburtshelfer. Als Gutachter für Hebammen wisse er, wie schnell der Vorwurf der fahrlässigen Tötung im Raum stehe.</p>



<p>Hildebrandt forderte, dass die Geburtshilfe von wirtschaftlichen Zwängen befreit werden müsse. Wenn Kinder im umfassenden Sinne „heil“ geboren würden, wirke das ein Leben lang. Schon mit geburtshilflichen Begriffen müsse man achtsamer umgehen: Statt Austreibungsperiode sei Durchtrittsperiode angemessener, Schwangerenbetreuung passender als Schwangerenvorsorge. Ein regelmäßiges Training von Szenarien geburtshilflicher Standardsituationen im gesamten Team sei ebenso notwendig, wie gemeinsame einrichtungsinterne Handlungsleitlinien oder auch ein effizientes Fehlermanagement. „Jeder Eingriff in den naturgegebenen Geburtsvorgang bedarf einer Entscheidung nach evidenzbasierten Grundlagen“, schloss Hildebrandt.</p>



<p>Zu „Karzinomerkrankung in der Schwangerschaft – Schwangerschaft nach einer Tumorerkrankung. Was sollten Hebammen und FrauenärzteInnen dazu wissen?“ referierte sehr bewegend und fachlich informativ <strong>Prof. Dr. Klaus Friese</strong>, Direktor der Kliniken und Polikliniken für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Manches Karzinom würde erst in der Frühschwangerschaft entdeckt, dann stünde häufig ein Schwangerschaftsabbruch im Raum aus Angst, dass das Ungeborene die lebensnotwendige Therapie der Mutter nicht unbeschadet überstehe. Man könne jedoch in den meisten Fällen eine geeignete Krebsbehandlung finden, mit der sie ein gesundes Kind austragen könne, ohne sich selbst zu gefährden.</p>



<p>„Maternale Adipositas – Ein zunehmendes Problem in der Geburtshilfe. Konsequenzen für Mutter und Kind“, betrachtete <strong>Prof. Dr. Frank Louwen</strong>, Leiter des Schwerpunkts Geburtshilfe und Perinatalmedizin an der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der J.W. Goethe Universität Frankfurt. Für das ungeborene Kind sei die bedrohliche Zunahme des Diabetes Mellitus Typ II eine Gefahr. Es erwerbe sich intrauterin lebenslange Gesundheitsprobleme durch eine fetale Programmierung. Noch vor zwölf Jahren habe der Typ II als Altersdiabetes gegolten, in den USA überhole er heute bereits Typ I. Gerade bei dieser Problematik habe man durch intensive Betreuung in der Schwangerschaft mit fundierter Ernährungsberatung eine große Chance, die Gesundheit des Ungeborenen langfristig zu schützen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wärme für Frühgeborene</h2>



<p>Zweifellos der Höhepunkt des Kongresses war der Vortrag der ehemaligen Neonatologin am Mautner Markhofschen Kinderspital in Wien, <strong>Dr. Marina Marcovich</strong>. Heute ist sie als niedergelassene Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in eigener Praxis tätig. Zum Thema ihres Vortrags „Das Problem Frühgeburten! Das Konzept der sanften Behandlung Frühgeborener“ ergänzte Marina Marcovich das Motto: „Don’t be part of the problem – be part of the solution“. Anders als viele Vortragende, verzichtete die Kinderärztin auf aufwändige Präsentation und Rhetorik. In einem schlichten Vortrag erzählte sie bewegend von ihrer Zeit als Neonatologin und der Entwicklung einer neuen Art und Weise, Frühgeborene und deren Eltern zu unterstützen. Sie beschrieb, dass Menschen schon in früheren Zeiten erfinderisch waren, um Frühgeborenen gute Bedingungen zum Überleben zu schaffen. Beispielsweise sei aus dem 14. Jahrhundert überliefert, wie ein 1.600 Gramm leichtes Frühgeborenes überlebte, das in den Körper eines Schafes gelegt worden sei und so habe warm gehalten werden können. Jeden Tag sei erneut ein Schaf als Wärmequelle für das kleine Kind geschlachtet worden, das auf diese Weise gerettet worden sei. Auch gebe es Berichte, wie Frühgeborene in Schuhschachteln am Ofen überlebt hätten.</p>



<p>Sie habe Ende der 1970er Jahre die Eltern auf ihrer neonatologischen Station nicht länger aussperren wollen, sondern sie zu ihren Kindern gelassen und in die Pflege einbezogen. Durch die sanfte Pflege sei beispielsweise der Sauerstoffbedarf der Frühgeborenen gesenkt worden, was zu einer Verminderung von Komplikationen und damit auch der gesundheitlichen Schäden und der Sterblichkeit geführt habe. Dennoch sei sie von ihren etablierten Kollegen bei einem Vortrag über den neuen Weg an ihrer Klinik ausgepfiffen waren. „Aufhören, aufhören!“, hätten sie gerufen. Gerichtliche Auseinandersetzungen folgten, in denen sie der 16-fachen Tötung von Kindern beschuldigt worden sei. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt. „Der Tod eines Kindes ist heute nicht mehr zu verantworten – wir leben in einer Vollkaskogesellschaft“, analysierte Marcovich. Ein Schuldiger müsse gefunden werden. Dabei gehe es immer um eine Unterlassungsschuld – nie um eine „Aktionsschuld“. Ihre Neuerungen würden heute flächendeckend in Kliniken umgesetzt.</p>



<p>Sie selbst habe mit den Frühgeborenen abgeschlossen, bekennt Marcovich: „Ich studiere jetzt Philosophie.“ Sie setze sich darin mit Problemen der Menschwerdung auseinander, wie heute ein Mensch entsteht. In ihrer Bachelorarbeit mit dem Arbeitstitel „Displaced Bodies – ortlose Geschöpfe“ arbeite sie zum Thema Fortpflanzungsmedizin. Beim nächsten Kongress in Mannheim wolle sie darüber berichten. Diese Ankündigung ließ Dr. Ansgar Römer sich nicht zweimal sagen und engagierte die Referentin gleich auf der Bühne. Anhaltende Standing Ovations für Marina Marcovich. Das nächste Mal findet „Geburtshilfe im Dialog“ am 21. und 22. März 2014 statt.</p>
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