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	<title>Interview &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<description>Filmemacherin, Journalistin, Hebamme</description>
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	<title>Interview &#8211; Katja Baumgarten</title>
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		<title>&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Aug 2017 22:00:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Frédérick Leboyer]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[&#160; Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/fuer-mich-war-er-ein-meister/"><span class="screen-reader-text">"&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p>&nbsp;</p>



<p><strong><em>Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn auch privat gut gekannt.</em> </strong></p>



<p><strong><em>Katja Baumgarten: Sie kannten den Geburtshelfer Frédérick Leboyer über viele Jahre sehr persönlich. Wie haben Sie ihn kennen gelernt </em></strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim: </strong>1985 habe ich Frédérick Leboyer in Freiburg bei seinem ersten Seminar in Deutschland „Atmen und Singen“ kennen gelernt. Gehört hatte ich von ihm lange vorher: 1975, als ich 16 Jahre alt war, wurde sein Film „Geburt ohne Gewalt“,„Naissance“ wie er auf französisch heißt, im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Kurz zuvor hatte ich noch vor meiner Hebammenausbildung meine erste Geburt ganz „klassisch“ miterlebt. Seine Gedanken waren damals etwas völlig Neues. Ich habe dann seine Bücher gelesen. Schon zu Anfang meiner Hebammenschulzeit, die ich 1981 begann, waren seine Ideen für mich sehr wichtig. 1985 hatte ich mich gerade als Hebamme selbstständig gemacht. In dem Seminar habe ich seinen Film „Das Fest der Geburt“ gesehen und war sehr beeindruckt. Wir sind dann näher in Kontakt gekommen, weil ich Französisch spreche. Kurz darauf habe ich ihn in Deutschland als Übersetzerin bei Kongressen und Seminaren begleitet.</p>



<p><strong><em>Ich habe Frédérick Leb</em></strong><strong><em>oyer nur einmal gesehen, 1980 als Hebammenschülerin: Er zeigte seine Filme „Naissance“ und „Shantala“ und sprach in einem vollbesetzten Veranstaltungssaal vor 2.000 Menschen. Jedes seiner Worte traf mich ins Herz, insbesondere weil ich in der Hebammenschule damals sehr unglücklich war, wie wir die Neugeborenen behandeln mussten. Von MedizinerInnen soll er aber angegriffen und verlacht worden sein. </em></strong></p>



<p>Sein Film „Naissance“ löste in medizinischen Kreisen immer große Aufregung und Widerstand aus. Manchmal gab es heftige Diskussionen. Zum Beispiel kritisierten die Kinderärzte, wie man ein Kind nach der Geburt so röcheln lassen könne, ohne abzusaugen.</p>



<p>Wenn er damals nach Deutschland kam, haben wir uns getroffen. Kurze Zeit später bin ich in den Südosten von Frankreich gezogen. Er wohnte in London und verbrachte viel Zeit in Indien bei einem indischen Lehrmeister.</p>



<p>In Frankreich hatte er nicht mehr viele Kontakte zu Medizinern. Nach seinem ersten Buch und seinem Film, die in Frankreich abgelehnt wurden, hatte er damals sein Arzt-Diplom niedergelegt und war nach England gegangen. Seitdem nannte er sich nicht mehr Arzt, sondern Schriftsteller.</p>



<p>Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, habe ich ihn bei einem Kongress wiedergetroffen. Er hat gleich begonnen mit mir zu singen, also zu tönen. Von da an haben wir uns regelmäßig gesehen. Er kam oft zu uns nach Hause und ich habe dann mit ihm Seminare zum „Atmen und Singen“ organisiert.</p>



<p><strong><em>Hat er dan</em></strong><strong><em>n auch bei Ihnen gewohnt?</em></strong></p>



<p>Ja. Von 1992 bis 2012 war er regelmäßig ein- oder zweimal im Jahr bei uns in Frankreich zu Besuch und hat Seminare abgehalten. Danach habe ich ihn ab und zu besucht. Ich war auch vergangenes Jahr am 1. November zu seinem 98. Geburtstag noch bei ihm. Körperlich nahmen die Einschränkungen irgendwann zu. Bis er 90 war, sogar bis 94, war er noch sehr fit. Nach einem leichten Infarkt hat er kein Tai Chi mehr gemacht und hatte etwas Gleichgewichtsstörungen. Nach einer Krankheit ist er dann im Mai gestorben.</p>



<p>Sein Tod wurde hier in Frankreich nicht besonders gewürdigt. Es gab keinen großen Nachruf in den Tageszeitungen – bis auf eine kleine Würdigung in <em>Le Monde</em> ((kursiv)). Freunde aus Deutschland haben mich angerufen, die die Todesanzeigen in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung ((kursiv)) </em>und in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> ((kursiv)) gesehen hatten.</p>



<p><strong><em>Sie erfuhren von seinem Tod durch</em></strong><strong><em> die Anrufe? </em></strong></p>



<p>Nein. Ich bin mit Mieko, seiner Frau, in Kontakt. Sie hatte mich am Tag vorher darauf vorbereitet, dass es zu Ende geht. Ich hatte ihn dann noch kurz am Telefon. Nach seinem Abschied hat sie mich direkt angerufen.</p>



<p><strong><em>Welche Bedeutung hatte Leboyer für Sie?</em></strong></p>



<p>Für mich war er eine Art Meister. Ich war damals, als wir uns kennen lernten, eine junge Hebamme und hatte mich gerade selbstständig gemacht. Ich war selbst in dieser Zeit mehrere Male in Indien gewesen und habe ihn gefragt: „Können Sie nicht mein Meister sein?“ Das wollte er nicht. Trotzdem habe ich ihn immer als meinen Meister empfunden.</p>



<p>Was ich von ihm gelernt habe, hat genau in diese Phase gepasst. Ich musste nicht mehr die Bedingungen in einem Kreißsaal erfüllen, sondern konnte eine Geburt anders begleiten und die neugeborenen Kinder in den Familien begrüßen.</p>



<p>Frédérick Leboyer war eine Vaterfigur für mich. Wir haben viel über Geburt und Tod gesprochen. Und wie weit die Frauen bei der Geburt gehen können – sich trauen oder eben nicht. Er sagte zwar immer: „Ich als Mann dürfte eigentlich nicht dabei sein“, gleichzeitig konnte er trotzdem nicht loslassen. Er war für mich eine wichtige Figur, obwohl er ein Mann war. Das war schon immer ein Zwiespalt.</p>



<p><strong><em>Ein Zwiespalt – für ihn oder für die anderen?</em></strong></p>



<p>Für ihn vielleicht auch. In Seminaren hat er gesagt: „Eigentlich sollte ich hier nicht sitzen – ich bin ein Mann und habe gar keine Ahnung vom Kinderkriegen.“ Aber trotzdem hat er dann immer gelehrt. Als Meister stand er da und hat den Frauen gesagt, was sie zu tun haben. Zwar mit einer gewissen Sanftheit, aber gleichzeitig auch immer sehr bestimmend.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie das empfunden? Sie sind ja eher eine „frauenbewegte“ Frau &#8230;</em></strong></p>



<p>Da ich ihn als meinen Meister akzeptiert habe, konnte ich das von ihm gut annehmen, obwohl eine Geburt Frauensache ist.</p>



<p><strong><em>Warum haben Sie sich Frédérick Leboyer als Meister ausgesucht?</em></strong></p>



<p>Es war die spirituelle Seite der Geburt, nicht die medizinische – die ist nicht so wichtig. Seine Aussage, dass die Frauen ihren eigenen Weg gehen sollten, dass sie bei sich sein sollen, sich finden sollen, und dass man sie lassen sollte. Und dass wir GeburtshelferInnen, wir Hebammen und die Partner nur im Umfeld um sie herum da sein und sie beschützen sollten auf ihrem eigenen Weg. Durch diesen Sturm hindurchgehen, „traverser la tempête“, hat er immer gesagt – dass die Gebärende eigentlich die Kapitänin ist. Er war der Auffassung, dass man eine Gebärende am besten ganz alleine lässt und nur da ist, wenn sie etwas braucht. So ist es ja heute in der Realität nicht. Die Frauen brauchen relativ viel – sie meinen es zumindest.</p>



<p><strong><em>Die Frauen sind von der Geburtshilfe auf diesen Weg gebracht worden, dass sie ihr Handwerkszeug v</em></strong><strong><em>erloren haben oder sich dessen nicht mehr bewusst sind.</em></strong></p>



<p>Genau. Leboyer hat immer darauf bestanden, dass die Frauen die Werkzeuge für die Geburt ihres Kindes in sich trügen. Dafür wurde er oft angegriffen. Ich bin völlig seiner Meinung. Manche Frauen trauen sich, aber nicht alle. Das muss man erkennen, um den Weg mit ihnen zu gehen. Das zeigte damals schon sein Film „Le sacre de la naissance“, „Atmen und Singen“, der 1982 herausgekommen war. Da hat er die Gebärende über das Singen zu ihrem Urvertrauen gebracht und dann zum Gebären in Ruhe gelassen. Diesen Film fand ich schon immer sehr intensiv. Diese Wellen, die dich überrollen – selbst nach x-maligem Ansehen bekomme ich immer noch Gänsehaut.</p>



<p>Es war diese Botschaft, die mir die Augen geöffnet hat, wodurch ich dann auf meinen Weg als Hebamme gekommen bin. Später – etwa 1992 – hatte ich ein Erlebnis, dass eine Frau, die ich bei ihrer Geburt fragte: „Kann ich etwas für dich tun?“, mir antwortete: „Was willst<em> du</em> ((kursiv)) denn tun,<em> ich</em> ((kursiv)) gebäre doch das Kind.“ Dann ist sie weggegangen auf die Toilette. Ihr Partner und ich, wir standen herum und haben uns gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Sie hat uns dann gerufen, als der Kopf geboren wurde. Für mich war das ein Aha-Erlebnis, was ich als Hebamme bin.</p>



<p><strong><em>Hat die Beschäftigung mit seinen Gedanken, Ihre Begegnungen und Ihre Freundschaft auch Einfluss auf Ihre eigenen Geburten gehabt?</em></strong></p>



<p>Auf die zweite Geburt auf jeden Fall. Vor allen Dingen, weil ich ihn im letzten Drittel der Schwangerschaft noch einmal getroffen hatte. Danach habe ich jeden Tag getönt. Er hatte das in Gang gebracht und es hat mir sehr gut getan.</p>



<p><strong><em>Was ist das Besondere am Tönen?</em></strong></p>



<p>Man beginnt zunächst kurz mit Tai Chi-Übungen. Dann setzt man sich auf einem Stuhl so auf die Sitzbeinhöcker, dass man sie bei jedem Ton spürt. Dabei macht man eine Bewegung vor und zurück. Das Tönen kommt aus Indien. Es wird dort von einer Tampura begleitet, einem Saiteninstrument mit einer typischen Tonalität. Leboyer sagte, wenn jemand auf einer Tampura in der Nähe einer Frau mit Wehen spielt, dann könne ihr das etwas von den Schmerzen nehmen. Auch wenn sie sehr intensive Schmerzen habe, das Tönen würde ihr helfen, nicht ins Leiden zu gehen. Wenn die Gebärmutter auf die Schmerzen mit einem Krampf reagiert, dann wird es schwierig. Aber wenn die Frau da hindurchgehen kann mit Tönen oder auf ihre Art, dann kann sie den Schmerz zum Weitergehen nutzen.</p>



<p>Bei den Seminaren hat Leboyer mit einer klassischen Musikerin aus Südindien gearbeitet. Sie spielte Tampura und gab Gesangsunterricht mit einer speziellen Tonleiter in verschiedenen Tonalitäten und Sanskritwörtern. Das löste bei den Teilnehmerinnen viel aus. Die Frauen waren manchmal ganz aufgelöst, weil bei bestimmten Tönen auch eine bestimmte Stimmung angeregt wird. Es gibt viele verschiedene Tonfolgen, Ragas genannt, beispielsweise eine für den Morgen, eine für den Abend, jeweils eine für verschiedene Stimmungen. Je nachdem trifft dich das dann auch sehr persönlich.</p>



<p>Nach ein paar Jahren hat Frédérick Leboyer mir die Erlaubnis gegeben, seine Arbeit mit dem Atmen und Tönen weiterzuführen.</p>



<p><strong><em>Waren das Kurse für schwangere Frauen?</em></strong></p>



<p>Für Hebammen und Schwangere und auch für Paare. Die Männer hat Leboyer provokativ gefragt: „Was machen Sie denn hier?“ Er war trotzdem froh, dass sie da waren. Einmal war eine Frau dabei, die nicht schwanger war, aber sie interessiert sich. „Sie haben hier nichts zu suchen!“, sagte er da. Er war ziemlich provokativ.</p>



<p>Jetzt biete ich die Kurse zum Atmen und Tönen alle zwei Wochen in meiner Praxis an: Eine halbe Stunde Übungen und eine halbe Stunde Singen, so wie er es gemacht hat. Meistens kommen Schwangere, die ich begleite, die bei meinen Kollegen oder Kolleginnen aus der Region in Betreuung sind. Zu einer Geburt zu gehen, wenn die Frau sich so vorbereitet hat, das ist immer wunderbar.</p>



<p>Wir machen sehr viel mit dem Tönen – alle meine Kolleginnen. Es ist immer so ein tiefes O oder A. Die Frauen lieben das: Sie haben das Gefühl, sie zentrieren sich besser – sie bleiben da. Wenn es einmal schwierig wird, kommt keine Panik hoch.</p>



<p><strong><em>Die Begrüßung des Kindes war ein Ritual, dass damals sehr stark von Leboyer ausging. Ich habe 1981/82 im Kreiskrankenhaus Dachau gearbeitet. Dort wurden die Gedanken von Frédérick Leboyer und Michel Odent sehr früh in die Geburtshilfe einbezogen. Sehr konsequent wurde damals bei jeder Geburt das Baderitual vollzogen: Der Vater badete nach der Geburt sein Kind zusammen mit der Mutter im Dämmerlicht.</em></strong></p>



<p>Ich habe ihn hier einmal mitgenommen nach einer Hausgeburt. Leboyer hat den Eltern erklärt, wie sie ihr Kind halten und wie das Bad am besten durchführen sollten. Ich persönlich mache das nicht mit dem Baden: Die Kinder, die zu Hause kommen, lassen wir in Ruhe. Die Eltern baden ihre Kinder nach den Hausgeburten erst eine Woche später. Aber damals war das Ritual in den Kliniken sicher sehr angebracht.</p>



<p><strong><em>Im Krankenhaus hat es bei allen eine andere Haltung zur Geburt entstehen lassen. Wir haben auch andere seiner Anregungen beachtet, wie die Vorhänge zu schließen, um ein Dämmerlicht zu haben, das Kind nach der Geburt unbedingt erstmal bei seiner Mutter auf dem Bauch zu lassen, erst abzunabeln, wenn die Nabelschnur auspulsiert ist, und uns insgesamt leise zu verhalten. Alles, was zum Glück heute in mehr Kliniken verbreitet ist.</em></strong></p>



<p>Die Bedeutung des Haut-zu-Haut-Kontakts, das Bonding kam erst durch Leboyer ins Bewusstsein. Bei den ersten Geburten, die ich gesehen habe, wurde das Kind an den Füßen genommen und so weggetragen. 1981, als ich meine Hebammenausbildung begonnen habe, da haben wir vielleicht das Kind in ein OP-Tuch gewickelt und der Mutter kurz gegeben – eine Minute lang und das hieß schon die „Methode-Leboyer“. Dann wurde das Kind weggebracht zum Absaugen.</p>



<p><strong><em>Erstaunlich, wie viele Jahre es nach seinem ersten Buch dauerte, bis die Gedanken von Leboyer zaghaft umgesetzt worden sind. Und frappierend, wie lange sich die Unterschiede zwischen den Kliniken immer noch halten – obwohl man die Bedeutung unt</em></strong><strong><em>erdessen genau kennt.</em></strong></p>



<p>Damals ging es noch gar nicht um die Frauen. Er hat sich erst für die Kinder eingesetzt: Warum müssen die Kinder bei der Geburt leiden? Müssen sie leiden oder können sie das auch alles anders erleben? Etwas später hat er sich die gleiche Frage in Bezug auf die Frauen gestellt: Wie kann eine Frau durch die Intensität des Gebärens gehen, aber nicht darunter leiden?</p>



<p><strong><em>Eine befreundete Kollegin hatte ihn vor langer Zeit zu einer Team-Fortbildung eingeladen – in die Klinik, in der sie damals gearbeitet hatte. Sie war enttäuscht und entsetzt, weil er ein Kind seiner Mutter nach der Geburt weggenommen hatte, um es in einem anderen Zimmer ohne d</em></strong><strong><em>ie Eltern zu baden. Haben Sie so etwas auch erlebt? </em></strong></p>



<p>Nein, als ich ihn kennen gelernt habe, hat er das schon nicht mehr gemacht. Wir sollten immer daran denken, dass er in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geburtshelfer war. Ja, er war sehr dominant. Das kam nicht überall gut an. Ich sehe halt, aus welcher Zeit er kam. Seine aktive Klinikzeit hatte er bis Anfang der 70er Jahre. Er war ein sehr anerkannter Geburtshelfer und als Chefarzt einer Pariser Privatklinik verantwortlich für viele tausend Geburten gewesen. Er hatte damals die Chloroform-Methode angewandt, damit die Frauen nicht leiden. Und hat später von sich selbst gesagt: „Ich habe allen Frauen ihre Geburt geraubt.“</p>



<p><strong><em>Sie sind mit seiner Dominanz zurechtgekommen?</em></strong></p>



<p>Ich hätte ihn niemals zu einer Geburt mitnehmen wollen. Dabei hätte mich seine Dominanz gestört. Er hatte einen sehr bestimmenden Charakter, er hatte immer Recht. Wenn du etwas anderes machtest oder anders dachtest, dann hattest du unrecht. Wir haben oft diskutiert. Mein Mann ist Yoga-Lehrer. Leboyer war selbst vom Yoga zum Tai Chi gewechselt. Er bevorzugte die Bewegung des Tai Chi gegenüber dem Statischen des Yoga. Wir hatten immer wieder Diskussionen mit sehr viel Humor.</p>



<p>Es gab zwischen uns eine Art Einverständnis, ein paar Themen lassen wir aus, weil sie zu ewigen Diskussionen führen würden.</p>



<p>Was er mir gegeben hat, war viel wichtiger als diese Meinungsverschiedenheiten. Zum Schluss wurde unsere Beziehung eine Freundschaft, anfangs war es ein Meister-Schülerin-Verhältnis.</p>



<p><strong><em>Haben Sie durch seine Seminare von ihm gelernt, die Sie organisiert hatten? Oder hat er Sie auch direkt unterwiesen? </em></strong></p>



<p>Beides. Bei den Seminaren habe ich stundenlang praktiziert und getönt. Und zu Hause ging es weiter. Vieles von ihm hat mein Hebammenleben beeinflusst und auch mein privates Leben.</p>



<p>Er sagte, man solle jeden Tag bestimmte Gewohnheiten beibehalten, wie Zähneputzen oder Frühstücken. Wir machen morgens immer Yoga und haben seine Tai Chi Übungen hinzugenommen. Jeden Morgen ein kurzer Gedanke an ihn und an das, was er mir gegeben hat.</p>



<p><strong><em>Welcher Art sind seine Übungen?</em></strong></p>



<p>Er hat viel Tai Chi gemacht und Übungen daraus für schwangere Frauen angepasst. Einige hat er aussortiert – Übungen, die ihm wichtig waren, hat er vereinfacht. Er sagte, es sei wichtig, eine lebendige Wirbelsäule zu haben und dem Hohlkreuz entgegen zu wirken.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie seinen Abschied erlebt? </em></strong></p>



<p>Frédérick Leboyer ist zu Hause gestorben, seine Frau war bei ihm.</p>



<p>Die Abschiedsfeier fand in einem Schweizer Ort im Wallis statt, wo er zuletzt gelebt hatte. Die Zeremonie nach seinem Tod war sehr intensiv und ergreifend. Es war eine laizistische, keine religiöse Zeremonie. Viele Menschen waren gekommen, von denen ich seit 32 Jahren gehört, die ich in dem Film „Le sacre de la naissance“ gesehen und nie getroffen hatte. Es war alles so herzlich. Er geht weg und führt uns zusammen. Sechs oder sieben Menschen, die ihn besonders gut gekannt hatten, saßen noch lange zusammen. Wir hatten alle das gleiche Bild von ihm und die gleiche Erfahrung. Auch seine Beharrlichkeit kam zur Sprache, aber mit Humor. Denn trotz seiner dogmatischen Haltung war er vor allem ein Philosoph. Ein Mensch, der auch sehr offen war.</p>



<p>Ein Teil seiner Asche kommt nach Indien – an den Ort, der ihm viel bedeutet hat. Ein Grab wird es nicht geben.</p>



<p><strong><em>Danke Sybille Berresheim, für das persönliche Gespräch über diesen außerordentlichen Geburtshelfer, der so viel bewirkt hat.</em></strong><br><br><br></p>



<p><strong>Der Geburtshelfer </strong></p>



<p><strong>Dr. Frédérick Leboyer </strong>wurde am 1. November 1918 in Paris geboren und starb am 25. Mai 2017 in Vens, im Kanton Wallis in der Schweiz. Er war Frauenarzt, Schriftsteller und Filmemacher.</p>



<p>In seinen ersten Buch „Pour une naissance sans violance“ (1974), auf Deutsch „Geburt ohne Gewalt“ (1975), zeigte Leboyer mit ergreifenden Schwarz-weiß-Fotografien und poetischen Texten, wie wichtig ein respektvoller, behutsamer Empfang bei der Geburt eines Neugeborenen ist und wie offen seine ersten Blicke sein können, wenn es in Geborgenheit geboren wurde.</p>



<p>Seine drei Filme „Naissance“ von 1975 (Geburt), „Shantala“ (Sanfte Hände) und „Le sacre de la naissance“ von 1982 („Wellen des Lebens“) folgten. In Deutschland als VHS-Kassetten erschienen, sind sie heute vergriffen. Auch die 2008 in Frankreich erschienene DVD</p>



<p>„Naître Autrement“, die alle drei Filme enthält, ist im Handel nicht mehr erhältlich. Weitere Bücher: „Shantala (1976)/„Sanfte Hände“ (1979), ein Buch über traditionelle indische Babymassage, „Cette lumière d’où vient l’enfant“ (1978)/„Weg des Lichts“ (1980) über eine indische Schwangere, die sich mit Yoga auf ihre Geburt vorbereitet, „Das Fest der Geburt“ (1982), „Die Kunst zu atmen“ (1983), „Atmen, singen, gebären“ (deutsch 2006) und „Das Geheimnis der Geburt“ (2000), französisch „Si l’enfantement m’était conté“ (1996).</p>



<p><p>Frédérick Leboyer hat den landläufigen Begriff der „sanften Geburt“ geprägt und beeinflusste damit entscheidend einen Teil der Frauenbewegung und die Sicht auf die Geburtshilfe der 1970er und 80er Jahre in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland und Großbritannien.</p>
<hr></p>



<p><strong>Die Interviewte</strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim, </strong>1959 in Deutschland geboren, legte 1983 ihr Hebammenexamen in Wuppertal ab. Seit 1985 ist sie als freiberufliche Hebamme niedergelassen, bis 1989 in Hessen, anschließend in der Drôme (Frankreich). Sie betreut dort unter anderem Hausgeburten.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Als Inselhebamme auf Borkum</title>
		<link>https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Nov 2009 23:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Kosfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Borkum]]></category>
		<category><![CDATA[Geburtshilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Inselhebamme]]></category>
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					<description><![CDATA[Barbara Kosfeld arbeitet auf der Nordseeinsel Borkum. Nachdem die Bewohner 20 Jahre lang ohne Hebamme auskommen mussten, können sie seit drei Jahren wieder umfassende Hebammenhilfe vor Ort nutzen, die Barbara Kosfeld anbietet. In diesem zweiten Teil des Interviews betont sie, wie notwendig kompetente Hebammenbetreuung an der Seite der Frau ist. Katja Baumgarten: Im ersten Teil<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/"><span class="screen-reader-text">"Als Inselhebamme auf Borkum"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p>Barbara Kosfeld arbeitet auf der Nordseeinsel Borkum. Nachdem die Bewohner 20 Jahre lang ohne Hebamme auskommen mussten, können sie seit drei Jahren wieder umfassende Hebammenhilfe vor Ort nutzen, die Barbara Kosfeld anbietet. In diesem zweiten Teil des Interviews betont sie, wie notwendig kompetente Hebammenbetreuung an der Seite der Frau ist.</p>



<p><em><strong>Katja Baumgarten: Im ersten Teil unseres Gesprächs sind Sie für die freie Wahl des Geburtsortes für die Gebärende eingetreten – auch bei außergewöhnlichen Geburten, beispielsweise Mehrlingen. Die Grenze, an der das Selbstbestimmungsrecht von Eltern aufhört, ist manchmal schwer zu ziehen. Gibt es Schwangere, die Sie für unverantwortlich halten? </strong></em></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld: </strong>Mir machen der gravierende Alkohol-, Drogen- und Nikotinmissbrauch der jungen Generation große Sorgen, der rein oberflächliche Konsum – die Abkehr von nachhaltiger Lebensweise und der Verlust von Lebensqualität. Deshalb arbeite ich mit der Selbstverantwortung der werdenden Mutter und lasse mich nicht auf falsche Kompromisse ein. Es ist eine unserer originären Aufgaben, kompetent durch die Schwangerschaft zu begleiten. Dies kann nur gelingen, wenn Hebammen von Anfang an in die Betreuung der Schwangerschaft einbezogen werden. Die Lebensweise der Frau und ihre Anpassung an die Schwangerschaft, ihr Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe und Balance zu unterstützen, ist eine Kernaufgabe der Hebamme. Sie kann Mutter und Ungeborenes in ihrer Wahrnehmung verbinden und so zum Handeln motivieren. Sie bewirkt also etwas. Wenn Mutter und Kind sich aufeinander einlassen, geschieht etwas mit ihnen und in ihnen. Sie erfahren sich in einem neuen Zusammenhang und können dann die Ressourcen ihrer Symbiose zu nutzen. Bestenfalls motiviert das die werdende Mutter, Verantwortung zu übernehmen. Menschliche Wärme, Zuneigung und Aufmerksamkeit kosten nichts und sind doch unbezahlbar. Auf der Skala der Menschlichkeit sind sie jedenfalls wertvoller, besser und exklusiver als alles, was die Gerätemedizin anzubieten hat.</p>



<p><em><strong>Warum nehmen Hebammen diese Kernaufgabe, Frauen von Anfang an durch ihre Schwangerschaft hindurch zu begleiten, nicht häufiger wahr?</strong></em></p>



<p>Die Gynäkologen wollen heute die Betreuung der Schwangeren gerne vollständig übernehmen, ohne die Aufgabe angemessen erfüllen zu können. Sie kämpfen mit Hilfe der Medien – unterstützt von Babynahrungsherstellern und der Pharmaindustrie – um die Aufmerksamkeit der werdenden Eltern. Diese sind dann kaum noch in der Lage zu differenzieren, was ihre Aufmerksamkeit verdient, was sie eigentlich hören, sehen, fühlen und wissen wollen.</p>



<p>Auf Borkum betreue ich Schwangere und junge Mütter, die mehrfach in der Woche kommen. Sie können jederzeit zu mir ins Haus kommen – Tag und Nacht – und sie wissen, dass ihnen immer geholfen wird. Wenn ich beispielsweise eine Frau betreue, die aufhören will zu rauchen, dann kann sie immer kommen, wenn sie meint, sie schafft es doch nicht. Ich koche einen Tee und helfe ihr durch ihren Tiefpunkt hindurch. Häufig kann ich sie dann wieder stabilisieren. Hier auf der Insel kann ich das anbieten, anders als auf dem Festland, weil niemand weite Wege hat. Letzte Woche kam beispielsweise ein Vater mit dem Fahrrad, den Mutterpass in der Hand, und rief, „Kommen Sie schnell, meiner Frau geht es schlecht!“ Die Menschen hier holen die Hebamme dann ab – so wie früher.</p>



<p><em><strong>Für die Schwangeren und die jungen Familien ist es sicher ein Gewinn, dass es seit drei Jahren wieder eine Hebamme auf Borkum gibt. </strong></em></p>



<p>Wieso stellt sich niemand die Frage, warum Borkum 20 Jahre lang <em>nicht</em> mit Hebammenhilfe versorgt war? Warum gibt es immer noch Regionen in Deutschland, die unversorgt sind? Hier gibt es pro Jahr 20 bis 40 Schwangere. Die Schwangeren auf Borkum sind froh, dass ich da bin. Wenn eine Schwangere weiß, dass sie schnell entbinden wird, musste sie, bevor ich hier lebte, 14 Tage vor dem errechneten Termin aufs Festland übersiedeln. Ob sie sich das leisten konnte oder ob sie vielleicht noch größere Kinder hatte, die hier zur Schule gehen, das war ihre Privatsache. Wissen Sie, wie viele Kinder ich hier schon „aufgefangen“ habe? Ich muss „aufgefangen“ sagen – die Mütter haben angerufen, haben drei Wehen bekommen und hatten Pressdrang. Diese Frauen waren ohne mich sich selbst überlassen, zum Festland schafften sie es in keinem Fall.</p>



<p><em><strong>Sind die Borkumer an Hausgeburten interessiert, nachdem diese Option so lange „ausgestorben“ war? </strong></em></p>



<p>Ich würde sagen ja, denn schließlich entbindet inzwischen jedes Jahr schon ein Drittel aller Schwangeren glücklich auf ihrer Insel.</p>



<p>Gerade vor einigen Tagen ist hier ein „echter“ Borkumer geboren. Die Insulanerin hatte an meinem Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen. Ihre beste Freundin war Kinderintensivschwester – zunächst war für sie klar, dass sie auf dem Festland im Krankenhaus entbinden würde. In Oldenburg hatte sie in der Nähe der Klinik bereits eine Wohnung gemietet. Eines Tages bat sie um einen Termin und sagte: „Ich möchte zur Geburt zu Hause bleiben. Der Kurs hat mir klar gemacht: Ich bekomme keinen Patienten, sondern ein ganz normales Kind. Wenn es nötig ist, können wir immer noch ins Krankenhaus gehen.“ Nach der Hausgeburt, alles lief rund, sie hatte keine Geburtsverletzung, überlegte sie: „Frau Kosfeld, zu welchem Zeitpunkt hätte man denn jetzt den Arzt geholt und was hätte der getan?“</p>



<p><em><strong>Wie betreuen Sie die Familien im Wochenbett?</strong></em></p>



<p>Im Wochenbett besuche ich die Mütter in den ersten Tagen zweimal täglich – wegen der kurzen Wege hier auf der Insel ist das möglich. Interessanterweise hat genau dies auch die Hebamme früher getan: Sie ist morgens gekommen, hat die Betten aufgeschüttelt und nach allem geschaut. Abends hat sie die Frauen „zur Ruhe gebettet“ und „das Gemüt beruhigt“. Das mache ich hier auch – es ist eine sehr wirkungsvolle Prävention bei Stillproblemen. Abends kommen die Zweifel und Verunsicherungen auf – es hilft den Eltern, wenn ich dann komme. Ab dem fünften Tag setze ich die Wochenbesuche einmal täglich fort. Die Eltern kommen zu Hause sehr gut zurecht. „Bonding“ bereitet unter diesen Bedingungen keinerlei Schwierigkeiten.</p>



<p><em><strong>Sie haben sich intensiv mit traditioneller Hebammenkunst auseinandergesetzt. Ist sie auf die heutige Zeit und auf eine moderne Sicht von Geburtshilfe übertragbar? </strong><br></em><br>Es gibt klare und Jahrhunderte alte Informationen darüber, was geburtshilflich gut zu bewältigen ist und welche geburtshilflichen Verläufe Schwierigkeiten erwarten lassen. In meinen Fortbildungen stelle ich seit vielen Jahren evidenzbasiertes Hebammenwissen, aus 400 Jahren aufgearbeitet, zur Verfügung. <br>&nbsp;<br><em><strong>Ist dieses alte Hebammenwissen wirklich evidenzbasiert?</strong><br>&nbsp;<br></em>Ja, evidenzbasiert auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit, nicht im Sinne randomisierter, sprich auf medizinische Forschung bezogene Evidenz. Die Evidenz zeigt sich im praktischen Erfahrungswissen, welches in mehreren Jahrhunderten der geburtshilflichen Literatur immer wieder als zielführend und wirksam beschrieben ist, zum Beispiel in der Anwendung von Handgriffen bei der Geburt. Die Hebammen, die sich mit diesem Wissen fortgebildet haben, kennen klare Entscheidungswege und haben dadurch weniger Stress in ihrem Beruf. <br>Die Unterscheidung zwischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin ist ein wichtiger Punkt: Geburtsleitung im traditionellen Verständnis von Geburtshilfe greift weder instrumentell noch medikamentös in den physiologischen Geburtsprozess ein. Ihr Fokus liegt darauf, die jeweils <em>individuelle</em> mütterliche und kindliche Gesundheit bestmöglich zu erhalten. Geburtsmedizin hingegen ist von Leitlinien bestimmt und diese sind eng mit wirtschaftlichen und gesundheitsökonomischen Aspekten verzahnt. Die Geburtsmedizin lässt nicht nur ärztlich-wissenschaftliche Ansichten – also Ergebnisse von kontrollierten klinischen Studien und Wissen von Medizinern in den Geburtsprozess einfließen. Sie muss auch mit einer Vielzahl von Interessenvertretungen und Institutionen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Die Interessen der Mütter und Kinder werden beim Erstellen der Leitlinien nicht vertreten. Hier kann also nicht streng genug unterschieden werden. Die Hebammenkunst ist daher auch nur bedingt auf die Klinik und die Geburtsmedizin übertragbar und das ist ja meist die moderne Sicht von Geburtshilfe. Und ganz offensichtlich müssen wir inzwischen auch die Krankenhaushebamme von der autonomen Hebamme in ihrer Arbeitsauffassung abgrenzen.</p>



<p><em><strong>Sind Sie auf ernste Komplikationen ausreichend vorbereitet?</strong></em></p>



<p>Geburten verlaufen nicht immer problemlos. Plazentalösungsstörungen und verstärkte Blutungen wünscht sich keine Hebamme in ihrer Geburtsbetreuung. Beispielsweise ist die Verbrauchskoagulopathie seit 400 Jahren bekannt und auch, dass man daran sterben kann. Das ist kein neues Wissen – wir haben heute aber bessere Möglichkeiten, damit umzugehen.</p>



<p><em><strong>Haben Sie auf der Insel Borkum keine Angst vor Komplikationen – beispielsweise vor einer Verbrauchskoagulopathie?</strong></em></p>



<p>Nein. Der Verbrauchskoagulopathie geht ja ganz viel voraus, sie passiert nicht einfach so! Damit muss man in einer intensiven Eins-zu-eins-Betreuung und bei fundierten Handlungsfolgen nicht rechnen. Gerade am vergangenen Wochenende hatte ich eine Atonie zu bewältigen. In so einer Situation muss ich konzentriert arbeiten. Dafür bin ich Hebamme! Ich habe keine Angst. Angst ist für jede Profession ein Signal, weiter zu lernen. Vor der Übernahme einer Entbindung muss immer die Selbstreflexion stehen. Hierbei kann dann auch herauskommen: Dies ist meine persönliche Grenze.</p>



<p>Eine gesunde Schwangere, das heißt eine Frau mit gesundem Herz-Kreislauf-System und gesundem Metabolismus, kann ein atonisches Geschehen verkraften. Wenn sie ein einwandfreies Blutbild hat und ihr Gefäßsystem nicht medikamentös beeinflusst ist, kann man davon ausgehen, dass sie einen gewissen Blutverlust verträgt. Als Hebamme bekommt man eine Atonie in den Griff, sie darf nicht schrecken. Herausfordernder ist immer eine vaginale Blutung, bei der man nicht direkt weiß, woher sie kommt. Aber wenn der Uterus atonisch ist, dann stellt man den Tonus – möglichst ohne Medikamente – eben wieder her und hilft so dem Körper aus einer Krise.</p>



<p><em><strong>Wie machen Sie das?</strong></em></p>



<p>Wenn es sprudelnd blutet, ist erprobte Vorgehensweise: „Kompression gleichzeitig von unten und von oben“. Eine Binde vaginal einführen, fest gegen den Muttermund drücken – mit der Faust dagegen, die Binde muss nicht steril sein – und von oben hinter den Fundus, so dass man gleichzeitig auch noch eine Aortenkompression durchführen kann. Wenn man den Uterus zwischen beiden Händen hält, spürt man unmittelbar, wie er reagiert. Wenn er seinen Tonus wieder gefunden hat, hat man die Blutung im Griff. Die Doppelkompression ist das Entscheidende. Wenn man sich vergewissert hat, dass die Plazenta vollständig ist, sollte man sofort komprimieren und so dem Uterus die nötige Unterstützung geben. Vorausgesetzt die Mutter ist gesund, reicht diese Hilfe in der Regel aus.</p>



<p><em><strong>Wird die Hebammenhilfe bei Hausgeburten angesichts der großen Verantwortung angemessen honoriert? Kommen Sie damit aus?</strong></em></p>



<p>Abseits der klinischen Geburtshilfe ist das Verhältnis der Hebammenleistungen zur finanziellen Vergütung indiskutabel und lässt eine eigenständige bürgerliche Existenz der Hausgeburtshebamme nicht mehr zu. Das heißt, man nimmt ihr die Freiheit, ein eigenes Leben zu führen, wenn sie von Geburtshilfe leben will. Übt man den Beruf der Hausgeburtshebamme konsequent und mit Empathie aus, so lebt man in jedem Fall sehr ungewöhnlich, genährt von idealistischen Träumen und der Treue zur tätigen Nächstenliebe. Womit wir auch heutzutage noch den Glaubenssätzen des Mittelalters dienen: Wir tun Gutes und können daher durch unsere Arbeit unsere Seligkeit befördern. Unser Anspruch auf Vergütung allerdings läuft ins Leere. Wo bleibt da die Willens- und Entscheidungsfreiheit? Wo bleibt die Autonomie des Berufsstandes? Noch nicht einmal 600 Euro brutto Aufwandsentschädigung für eine Hausentbindung – dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Geburtshilfe ist für mich reiner Luxus geworden, und dabei geht es um Elementares: Zeit, Aufmerksamkeit, Raum, Ruhe, Umwelt und Sicherheit. Alle das ist knapp, selten, teuer und begehrenswert. Die Konzentration auf das Wesentliche und den Reichtum der Sinne – das ist es, worauf es ankommt und wohin wir zurück müssen.</p>



<p><em><strong>Was macht eine gute Hausgeburtshebamme aus? </strong></em></p>



<p>Wer das Prinzip, mehrere Dinge möglichst schnell und gleichzeitig zu erledigen, zum Arbeits- und schlimmer noch zum Lebensmotto erhebt, gerät in einen Zeitdruck, der nahezu automatisch Fehler generiert. Die Persönlichkeit, der Anspruch an ein Leben jenseits von Hektik und Stress und nicht zuletzt die Gesundheit bleiben irgendwann auf der Strecke. Um diesem Fluch zu entkommen, muss man sich überlegen, auf was man verzichten könnte. Selbstständig über seine Zeit zu entscheiden, sein Leben zu entschleunigen, ist die einzige Chance. Innehalten und dort nachdenken, wo blinder Aktionismus Scheinlösungen produziert. Die Hebamme ist nur in ihrer freien, autonomen Arbeit in der Lage, die Zeit qualitativ zu gestalten, zu unterbrechen, innezuhalten, nachzudenken und somit Aktivitäten eventuell zu korrigieren. Sie ist die Expertin für Geburtshilfe und sie ist in der Lage, auf Herausforderungen – auch in Stresssituationen – angemessen zu reagieren und sie zu bewältigen. Um diesen Anforderungen standzuhalten, muss sie auf eine fundierte theoretische und praktische Ausbildung zurückgreifen können. Präventives Handeln und ein Bezug zum gesamten Schwangerschaftsverlauf sind ganz wichtige Voraussetzungen für die geburtshilflich arbeitende Hebamme. Ich selbst leite nur dann in eine medizinische Hilfe über, wenn sie wirklich nötig ist. Wobei es uns freiberuflichen Hebammen mittlerweile Angst machen kann, wenn wir Mutter oder Kind tatsächlich verlegen – wie geht es dann weiter? Meine Erfahrung in den letzten Jahren mit den Entscheidungswegen im Krankenhaus lässt mein Vertrauen mehr und mehr schwinden. Ich kann im Krankenhaus nicht immer mit Fachkompetenz und Erfahrung rechnen.</p>



<p><em><strong>Sind Sie schon einmal bei einer Geburt an Ihre Grenzen gekommen?</strong></em></p>



<p>Ich bin im Februar 2007 nach Borkum gekommen und die Geburt, von der ich jetzt berichte, war im darauf folgenden Dezember. An diesem Tag tobte hier ein Unwetter mit der Windstärke elf – das bedeutet, alles wird gesichert, niemand fährt mehr aufs Meer hinaus. Kein Flug ist möglich. Eine Erstgebärende fing zügig mit ihrer Niederkunft an: Blasensprung und direkte heftigste Wehentätigkeit, passend zum Wetter. Die werdenden Eltern hatten zehn Jahre auf ein Kind gewartet. Die Frau wurde in der Schwangerschaft von mir betreut. Es war keine Hausgeburt geplant und der Mann hatte, als es losging, einen Notruf an die Borkumer Hausärztin und an mich losgelassen. Die Ärztin hat dann sofort alles für einen Transport zum Festland veranlasst. Wie es für mich als Hebamme normal ist, erhob ich erst einmal einen Befund: Da war der Muttermund bereits sieben Zentimeter eröffnet – dünn verstrichen, der Kopf des Kindes drückte stark, die Wehen waren heftig. Ich sagte zu der Ärztin: „Wir schaffen es mit diesem Befund nirgendwo mehr hin, wir können nur hier zu Hause bleiben – das Kind kommt sonst auf dem Meer zur Welt!“ Darauf entgegnete sie nur lapidar: „Dann nehmen Sie halt ein Badehandtuch mit!&#8220; Ich hielt das für einen Witz. Die Rettungskette ging jedoch schnell vonstatten, die Frau war in kurzer Zeit an Bord des Seenotrettungskreutzers. Die Ärztin sagte noch zu einem Sanitäter: „Fahr mit, da erlebste was!&#8220; Sie selbst ist nicht mitgekommen, ist in ihren Wagen gestiegen und hat uns alles Gute gewünscht. In dem Moment, als die Gebärende auf See war, war die Ärztin nicht mehr in der Verantwortung. Ich bin natürlich mitgefahren – aber ich würde es nie wieder so tun! Ich hätte mich mit der Entbindenden an den Boden gekettet, wenn ich gewusst hätte, was dieses Wetter zu bedeuten hatte – was ich als „Landei“ damals nicht einschätzen konnte. Windstärke elf bedeutet, dass man gnadenlos durch die Gegend fliegt – wir waren in einem Rettungsboot, das dafür ausgerüstet ist, dass es sich im Wasser drehen kann und sich dann wieder aufrichtet. So war das dann auch. Man fällt mit dem Boot von fünf Meter hohen Wellen runter – das kracht im Kreuz! Ich habe von diesem Erlebnis immer noch Rückenbeschwerden und wir alle haben davon ein Trauma zurückbehalten. Die Gebärende hat auf See eine Dauerkontraktion entwickelt und mir war klar, dass ich da überhaupt nichts machen kann. Das war lebensgefährlich! Irgendwann war Ole dann geboren. Da das Kind auf See geboren wurde, ist sein offizieller Geburtsort nun Berlin: Wer auf dem Wasser zur Welt kommt, wird der Bundeshauptstadt zugeordnet. An Bord wurden der genaue Längen- und Breitengrad seiner Geburt festgestellt und die Mannschaft hat ein Kerzchen angezündet. Die Seenotretter waren sehr bemüht, haben mir sogar heißes Wasser in einer Schüssel gebracht – schwankend – diese Männer können das, sie leben ja auf den Booten. Sie haben mir auch einen Kaffee gebracht, den sie in der Tasse wieder aufgefangen haben, als er bei einer heftigen Welle durch die Luft schwappte. Das war sehr beeindruckend!</p>



<p><em><strong>Wie hat die Gebärende das verkraftet?</strong></em></p>



<p>Ihr Vater ist Seemann, sie kennt die Nordsee. Das hat ihr geholfen, sich zu orientieren. Die Seeleute sind dann nach der Geburt auf Wunsch der jungen Mutter wieder abgedreht und nach Borkum, nach Hause gefahren – als das Kind geboren war, durften wir ja wieder zurückkommen. Aber selbst dann war die Ärztin nicht zur Stelle. Sie hatte nur einen Rettungswagen zum Hafen geschickt. Die Frau wurde aus dem Boot gehievt. Wir sind dann mit dem Krankenwagen in das Haus der Familie gefahren. <br><br>Ich habe sie weiter versorgt und den Kreislauf stabilisiert, der sehr labil war – wie der von uns allen auch.</p>



<p><strong>Die Interviewte</strong></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld</strong> gründete 1994 die erste Aachener Hebammenpraxis, 1997 das erste Aachener Geburtshaus, das im Dezember 2006 aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Perspektive für die Hebammen geschlossen wurde. Sie initiierte 1998 die Fortbildungsakademie Pegasus für Hebammen e.V. Seit 1999 berät sie Hebammen bei Unternehmensgründungen. Außerklinische Geburtshilfe unterrichtet sie europaweit. Seit März 2007 ist sie auf der Insel Borkum zudem als freiberufliche Hebamme tätig. (Stand Dezember 2009)</p>
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		<title>Nach bestem Wissen</title>
		<link>https://viktoria11.de/nach-bestem-wissen-interview-mit-barbara-kosfeld-teil-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 22:00:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Kosfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Borkum]]></category>
		<category><![CDATA[Geburtshilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Inselhebamme]]></category>
		<category><![CDATA[traditionelle Hebammenkunst]]></category>
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					<description><![CDATA[&#160;Die Hebamme Barbara Kosfeld erzählt von ihrer Tätigkeit und Rolle als Geburtshelferin auf der Nordseeinsel Borkum. Traditionelle Geburtshilfe sei erlernbar ist und es gäbe klar erkennbare Grenzen zur Geburtsmedizin, ist eine ihrer grundlegenden Auffassungen. Sie tritt für den Erhalt der Hebammenkultur und das seit vielen Generationen erlernte Wissen rund um Geburt ein. Ein Interview von<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/nach-bestem-wissen-interview-mit-barbara-kosfeld-teil-1/"><span class="screen-reader-text">"Nach bestem Wissen"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p>&nbsp;Die Hebamme Barbara Kosfeld erzählt von ihrer Tätigkeit und Rolle als Geburtshelferin auf der Nordseeinsel Borkum. Traditionelle Geburtshilfe sei erlernbar ist und es gäbe klar erkennbare Grenzen zur Geburtsmedizin, ist eine ihrer grundlegenden Auffassungen. Sie tritt für den Erhalt der Hebammenkultur und das seit vielen Generationen erlernte Wissen rund um Geburt ein.</p>



<p><strong>Ein Interview von Katja Baumgarten</strong></p>



<p><strong>Katja Baumgarten: Sie sind in Hebammenkreisen sehr umstritten – für viele „ein rotes Tuch“, für manche eine der kompetentesten Vertreterinnen originärer Hebammenarbeit. Warum polarisieren Sie so?</strong></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld: </strong>Existiert Leben nicht immer in Polarität? Durch mein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft vor der Hebammenausbildung bin ich es gewohnt, Dinge kritisch zu betrachten. Ich weiß, wie wichtig freies Denken ist und dass es sein Potenzial in Forschung und Lehre nur ausschöpfen kann, wenn ein Höchstmaß an Autonomie gegeben ist. So war es für mich sehr schnell klar, dass das, was in Deutschland in der klinischen eindimensionalen Hebammenausbildung gelehrt wurde, auf einer einseitigen, lückenhaften und oft nur flüchtig gewonnenen Kenntnis der Quellen beruht. Äußert man das, wird man schell unbequem und bleibt von Spötteleien über sein praktisches Tun nicht verschont. Die Geburt meiner Tochter vor 30 Jahren war der Ausgangspunkt, um mich näher mit dem Thema Hebammenarbeit zu befassen.</p>



<p><strong><em>War die Geburt Ihrer Tochter für Sie ein Schlüsselerlebnis, Hebamme zu werden?</em></strong></p>



<p>Ja, auf jeden Fall! Ich bin aus dieser Erfahrung mit der Arbeitshypothese herausgegangen: Wenn der Mensch so entbinden muss, wie ich es erlebt hatte, dann muss ich mich damit aussöhnen – aber wenn dem nicht so ist, dann muss ich mich darum kümmern, dass sich Ähnliches nicht mehr für andere werdende Mütter abspielt.</p>



<p><strong><em>Hatten Sie keine glückliche Geburt erlebt?</em></strong></p>



<p>Aus klinischer Sicht hatte ich sicherlich eine unauffällige Niederkunft – aber wie ich behandelt worden bin, das war für mich sehr traumatisierend! Seitdem schaue ich anders auf Geburt und Mutterschaft. Ich habe dann mit älteren erfahrenen Hebammen, die im zweiten Weltkrieg gearbeitet haben, Kontakt aufgenommen – primär um mein eigenes Erleben zu bewältigen. Unter den Umständen, unter denen sie notgedrungen arbeiten mussten, hätten nach moderner Ansicht weder Frauen noch Kinder überleben dürfen. Dass diese Hebammen in einem hohen Maße kompetent waren, wird niemand leugnen wollen.</p>



<p><em><strong>Ein Grund für die Ablehnung vieler Kolleginnen ist Ihre Bereitschaft, auch Geburten bei Zustand nach Sectio, Beckenendlagen-, Zwillings- oder Drillingsgeburten zu Hause zu betreuen, die als Risikogeburten gelten. Warum stellen Sie sich gegen den Konsens der Hebammenverbände, was die Auswahlkriterien für eine Hausgeburt betrifft?</strong></em></p>



<p>Die dort verfassten Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten kann ich nicht wider besseren Wissens übernehmen. Der Blick in die Quellen unseres Handwerks ergibt nämlich ein anderes Bild. Ich habe die historische geburtshilfliche Literatur ausgiebig studiert; hier stellen sich die Anzeichen von sogenannten Gefahren anders dar Sie werden überdies genauestens beschrieben und es werden Lösungswege aufgezeigt, welche sich immer am Erhalt der mütterlichen und, wenn möglich, kindlichen Gesundheit orientiert haben. Das was unseren Beruf auf Jahrhunderte hinaus geprägt und in seiner Ausrichtung bis heute bestimmt, ist nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Es kann letztlich immer nur um die Formen der Wissensvermittlung, um die Methoden wissenschaftlichen und praktischen Arbeitens und um die Wege zur Weitergabe und Umsetzung des geburtshilflichen Wissens gehen. Auf keinen Fall kann es darum gehen, einfach einem Konsens der Hebammenverbände zu folgen, welche im Bemühen, Sichtweisen einer anderen Berufsgruppe zu tradieren, die Vertretung ihrer Mitglieder und der werdenden Mütter aus den Augen zu verlieren scheinen. Und so hoffe ich sehr auf den neu gegründeten Berufsverband, den Deutschen Fachverband für Hausgeburtshilfe (DFH), der sich diesem Konsens übrigens nicht angeschlossen hat. Ihm kann es gelingen, die Emanzipation der Hebammenwissenschaft von der Gynäkologie als der bisherigen Leitdisziplin zu vollziehen. Damit müsste sich die Hausgeburtshilfe nicht länger im isolierten Raum abspielen. Im Erhalt der physiologischen Geburtshilfe und im Schutz der Hebammenarbeit könnten endlich wieder zukunftsweisende Tendenzen sichtbar werden.</p>



<p><em><strong>Wie sollte die Hebamme entscheiden, welche besonderen Geburten sie annimmt?</strong></em></p>



<p>Es ist meine Überzeugung, dass man sich als Hebamme, in erster Linie mit „Gefahren“ befassen muss und nicht mit „Risiken“. Mir kommt es ungerecht vor, Frauen mit sogenannter Risikogeburt per se auszugrenzen und nicht zu Hause zu entbinden. Ich werde also nicht sagen, besondere Geburten, wie Beckenendlagengeburten oder Mehrlingsentbindungen sind grundsätzlich außerklinisch nicht möglich. Bei dieser sehr persönlichen Entscheidung der Frauen, nicht in der Klinik zu entbinden, ist Hebammenunterstützung wirklich nötig. Eine Hebamme muss wissen, nach welchen Kriterien eine Beckenendlage spontan entbunden werden kann oder was darauf hinweist, dass es eine schwierige Entwicklung wird. Dann kann sie in Ruhe entscheiden, ob sie persönlich diese Frau bei ihrer Niederkunft betreuen kann oder nicht. Die Geburt von Mehrlingen war – nach Aussagen von alten Hebammen – meist kein Problem – da kam eben noch ein weiteres Kind hinterher und das oft unerwartet. Sind denn die heute beschrittenen Pfade die einzig möglichen und richtigen?</p>



<p><em><strong>Woher nehmen Sie das fachliche Selbstvertrauen und die geburtshilfliche Kompetenz, auch schwierige Ausgangssituationen für eine Hausgeburt anzunehmen?</strong></em></p>



<p>Persönlich habe ich sehr viel von den erfahrenen Hebammen der älteren Generation und durch ausgiebige Literaturstudien gelernt sowie durch meine zahleichen Auslandsaufenthalte. Ich war praktisch in Indien tätig, habe sieben Jahre im Rahmen eines EU-Projektes immer wieder Theorie und Praxis ursprünglicher Hebammenkunst in Prag unterrichtet und dabei viel sehen dürfen: Die Prager Krankenhäuser haben allein 6.000 bis 8.000 Geburten pro Jahr, da lernt man einiges. Ich habe in Kanada, den USA, in nahezu allen europäischen Ländern und in der Schweiz die Arbeit der Hebammen vor Ort kennengelernt Wirklich interessante Fachrichtungen wie die Zellbiologie, die Soziologie und anderer wissenschaftlicher Disziplinen haben mich in meinem Wissen erheblich beeinflusst&nbsp; und ebenfalls fachlich sehr sicher werden lassen. Und sagte nicht schon Goethe „sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“?</p>



<p><em><strong>Die Leitung von Drillingsentbindungen beispielsweise ist sowohl für Ärzte und erst recht für Hebammen schwer zu erlernen. Wie können Sie den Frauen sagen, dass Sie bei dieser Herausforderung eine kompetente Hebamme sind?</strong></em></p>



<p>Die Geburtshilfe bei Drillingen ist plausibel in der alten Literatur beschrieben, wohingegen sie in heutigen Werken, beispielsweise in einem neu erschienenen Buch über Mehrlinge von Axel Krause, nicht wirklich nachvollziehbar ist. Der Weg zu einer gelingenden Drillingsgeburt ist sehr speziell, aber erlernbar ist auch das. Die Kriterien für eine Vorauswahl dessen, was außerklinisch in der Betreuung bei Schwangerschaften und Geburten prinzipiell möglich ist, muss man genau kennen – sonst bleibt man in Standards stecken. Diese werdenden Mehrlingsmütter kommen in großer Not zu mir, weil sie sehr unter Druck gesetzt werden, der frühzeitigen OP und der Trennung von ihren Kindern zuzustimmen. Mit den Konsequenzen der frühen Entbindung werden sie dann allein gelassen. Sie haben eine sehr subjektive Wahl getroffen. Dabei hat sie ein Kriterium vor allen anderen geleitet: Ihr berechtigter Wunsch nach einer interventionsfreien Begleitung ihrer Kinder ins Leben, den sie klinisch nicht berücksichtigt sehen. Wenn ich selbst betroffen wäre, hätte ich auf jeden Fall auch gerne eine freie Wahl des Geburtsortes und würde mir immer eine faire Betreuung suchen, welche meine und die Bedürfnisse meiner Ungeborenen gebührend berücksichtigt und mich nicht erpresst und bedrängt, sondern mich mit meinen Kindern verbindet und stärkt.</p>



<p>Drillingsgeburten sind nicht mein „Hobby“ – ich reiße mich nicht darum, solche besonderen Geburten zu betreuen. Aber ich bin vor allem meinem Gewissen verpflichtet und übernehme immer die Verantwortung für mein Handeln und Tun. Mit Freiheiten umzugehen und Regeln als kulturelle Notwendigkeit zu akzeptieren und einzuhalten, ist mir ein Selbstverständnis.</p>



<p><strong><em>Was möchten Sie Hebammen mit auf den Weg geben, wenn sie in ihrem beruflichen Alltag auf besondere Schwangerschaften stoßen?</em></strong></p>



<p>Man kann in unserem Beruf alles lernen, um das zu bewältigen, womit die Natur uns geburtshilflich konfrontiert – da gibt es keine Mythen und Geheimnisse. Aber man darf niemanden so unter Druck und in Angst und Schrecken versetzen, wie es mit Schwangeren und Müttern heute allzu oft geschieht. Schwangere Frauen brauchen Schutz und Hebammen. Will eine Hebamme also in der Schwangerschaft und bei der Geburt mehr als eine Nachbarin tun, dann ist sie aufgefordert, sich um physiologisches Geburtswissen zu kümmern. Sie muss sich fortbilden und dann aber auch als Hebamme handeln und sich nicht verdrängen lassen. Alles Wissen ist schon lange da und braucht nur wieder abgerufen zu werden. Besondere Schwangerschaften sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Uns Hebammen sollte ein hoher fachlicher Anspruch verbinden und wir sollten uns dem Schutz von Müttern und Kindern verpflichtet fühlen. Dem eigenen schwindenden Vertrauen in das Kernstück unseres Berufes, die Geburt, müssen wir dringend entgegenwirken! Wenn man sich die einvernehmlichen Meinungen der Gynäkologenschaft zu Themen der Geburtshilfe anhört, so bezweifele ich, ob sie wirkliche Gesprächspartner sein können bei Fragen zur gesunder Schwangerschaft und Geburt. Jede dritte Schwangere erleidet heutzutage eine Geburtsoperation. Diese Kinder werden nicht geboren. Sie werden in die Welt hinein operiert. Das ist kein möglichst guter Start in ein gelingendes Leben. Besondere Schwangerschaften brauchen besondere Hebammen Unterstützung – noch sind wir da.</p>



<p><strong><em>Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit Sie bereit sind, bei einer Geburt zu helfen? Nehmen Sie jede Frau an, die mit einer „besonderen Geburt“ zu Ihnen kommt?</em></strong></p>



<p>Natürlich unterstütze ich jede Schwangere. Ob ich ihr bei der Entbindung beistehen kann, zeigt dann der Verlauf der Schwangerschaft. Um eine außerklinische Geburtshilfe möglich zu machen, muss in erster Linie die Abwesenheit von Krankheit bei der Mutter feststellbar sein. Das gehört zu meinen Kernkompetenzen. In der alten Literatur wird klar beschrieben: Das Gefährlichste in der Schwangerschaft sind Medikamente jeder Art, Alkohol, Drogen, schlechter Lebenswandel und Stress! Gerade vor Medikamenten muss gewarnt werden. Wir wissen nie, was für ein Langzeitprogramm sie bei dem Ungeborenen neben dem vermeintlich erwünschten „Schutz“ noch initiieren. Das deckt sich mit den Erkenntnissen von Prof. Berthold Huppertz aus seiner Plazentaforschung. Es wird oft vergessen, dass die Plazenta mit allem zurechtkommen muss, was der Frau verabreicht wird. Außerdem weist die Forschung heutzutage nach, dass die Ängste der Mütter das Kind unter maximalen Stress setzen und beim Kind dann eine hormonelle Gegensteuerung auslösen, die sich stark gesundheitsschädigend auswirkt. All das ist schon lange bekannt und gehört in die aufklärende Arbeit der Hebamme! Besondere Situationen müssen grundsätzlich adäquat berücksichtigt und fachlich eingeordnet werden. Das bestimmt den persönlichen Entscheidungsweg der Hebamme, ob sie hier Geburtshilfe leisten kann oder nicht. Es kommen keinerlei Interventionen in der Schwangerschaft in Frage, nur präventive Maßnahmen zur Vermeidung von größeren Problemen bei beginnenden Auffälligkeiten. Primär muss immer erst die Fähigkeit zur Selbstregulation des mütterlichen Körpers unterstützt werden. Manipulationen jeder Art, auch Wendungen bei Beckenendlage, lehne ich persönlich ab. Mir stellt sich stattdessen die Frage, warum liegt das Kind in Beckenendlange? Man kann mit einer erzwungenen Wendung Kind und Mutter aus der Balance bringen und viel Schaden anrichten. Das Kind ist ein Mensch, der klar signalisieren und sehr gut kommunizieren kann. Und als Hebamme kann man die Botschaften deuten. Eine gesunde Reaktionslage des Kindes reicht weit über die Parameter hinaus, die klinisch untersucht werden können.</p>



<p><em><strong>Sie sagen also auch „Nein“, wenn Sie eine Hausgeburt nicht verantworten können?</strong></em></p>



<p>Selbstverständlich gibt es Grenzen für Hausgeburten, also Situationen, in denen ein differenziertes klinisches Management für die Gesundheit von Frau und Kind vorzuziehen ist.</p>



<p><em><strong>Für Sie gilt ine Drillings- oder eine Beckenendlagengeburt nicht grundsätzlich als Risikogeburt?</strong></em></p>



<p>Ganz genau. Es ist eine besondere Schwangerschaft, um zunächst einmal den Gedanken an „Gesundheit“ als dynamischen Gleichgewichtszustand zu wahren. Und es ist eine Situation, die gerade besonders viel Hebammenunterstützung braucht. Diese Frauen haben schon genug Unruhe in sich und um sie herum. Abgesehen von den schnellen körperlichen Veränderungen, ist es für sie bei Mehrlingsschwangerschaften keine einfache Vorstellung, demnächst mehr als einen Säugling zu haben. Die Umgebung suggeriert der werdenden Mutter, dass es nur die frühzeitige Operation als Lösung gibt. Viele Frauen möchten aber nicht operiert werden. Das reicht doch schon!</p>



<p>Wenn die Schwangere dann überhaupt keine kompetente Hilfe mehr erwarten kann, vor allem keine Differenzierungen, sondern nur noch „gesetzmäßig“ eingeordnet wird, ist das ein Verlust wesentlicher menschlicher Kultur. Vor allem stellt sich mir die Frage, wie wir als Frauen mit anderen Frauen umgehen. Was bräuchten wir selbst in der Situation? Und wer sollte uns davon abhalten, das zu bekommen, was wir brauchen?</p>



<p><em><strong>Gehen Sie nicht sehr weit, wenn Sie bei solch außergewöhnlichen Geburten ausgerechnet auf Borkum Hebammenhilfe leisten? </strong></em></p>



<p>Ich wünschte, ich könnte Schwangeren empfehlen, in diese oder jene Klinik zu gehen, weil es dort wirklich gut läuft. Zwei Stunden vom Festland entfernt Drillinge holen zu müssen – das wünscht sich niemand, auch ich nicht. Aber ich habe gelernt und geübt, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung verlangt vom Einzelnen immer persönliche Anstrengung, Selbstdisziplin und die Bereitschaft zur Leistung. Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit lässt auch die werdenden Mütter die Herausforderungen der Geburtsarbeit mit der nötigen Gelassenheit und Zuversicht angehen. Ein nicht unwichtiger Punkt: Die werdenden Mütter wissen, was in ihnen steckt. Sie bringen die besten Voraussetzungen mit und scheuen keine persönliche Anstrengung, um ihren Kindern einen guten Start zu ermöglichen. Sie nehmen eine lange Reise auf sich bis nach Borkum. Autonomie und Freiheit gehören zu einer humanen Demokratie.</p>



<p>Die Eltern wissen genau, was ich leisten kann und was nicht. Ich überschreite keine Grenzen und bin auch nicht allein bei diesen Geburten. Da wird sehr gut geplant und ein ganzes geburtshilfliches Team samt einer erfahrenen Ärztin wird hinzugezogen. Diese Menschen reisen ebenfalls nach Borkum im Respekt vor dem Weg der Eltern und mit großer Bereitschaft, zu unterstützen.</p>



<p>Die Eltern sind aufgeklärt, dass es nicht dem heutigen Stand der Geburtshilfe entspricht, Mehrlinge, Beckenendlagengeburten oder andere besondere Geburten zu Hause zu betreuen. Sie wissen auch, dass es hier auf Borkum keinen Gynäkologen und kein Krankenhaus gibt, und dass sie auf dem normalen Schiffsweg zwei Stunden vom Festland entfernt sind.</p>



<p><em><strong>Was „bewegt“ diese Eltern? </strong></em></p>



<p>Die Eltern machen sich erst auf den langen Weg, nachdem sie sich mit der Problematik intensiv auseinandergesetzt haben. Sie würden ja ein Krankenhaus aufsuchen, wenn es für sie eine menschliche und fachliche Alternative böte! Sie realisieren aber, dass sie keine elterliche Macht mehr ausüben können, wenn ihre frühgeborenen Kinder im Krankenhaus sind – dass sie also vorübergehend eines Grundrechtes beraubt werden. Das ist für einige Eltern keine Option. Die Schwangerschaft wird von ihnen als Ganzes ge- und erlebt. Sie sind mit ihren Kindern in Kontakt, kommen dann hierher und besprechen ihre Situation ganz genau. Alle Drillingseltern, die wir entbunden haben, sind trotz ihrer glücklichen Geburten mit Vorwürfen überschüttet worden, genau wie unser gesamtes geburtshilfliches Team – immer wieder.</p>



<p>Niemand – weder aus meinem Kolleginnenkreis noch aus dem Umfeld der Eltern, sagt: Herzlichen Glückwunsch! Oder: Wie habt ihr das gemacht – kann man das lernen? Es wird immer nur Leichtsinn unterstellt, alle haben halt Glück gehabt und es wird nichts hinterfragt. Das schmerzt. Als wäre in jedem besonderen Fall die maximale Angst und die am weitesten reichende „Therapie“ angebracht und Heil bringend.</p>



<p><em><strong>Sie stellen sich mit Ihrer Haltung gegen die gesamte geburtshilfliche Schulmedizin. Wie sichern Sie sich ab, falls es bei einer besonderen Geburt zu einem Schadensfall kommen würde, was Ihnen offenbar noch nicht passiert ist?</strong></em></p>



<p>Nein, einen Schadensfall und geburtshilfliche Katastrophen habe ich außerklinisch noch nie erlebt. Aber mit sämtlichen beschriebenen geburtshilflichen Komplikationen habe ich bei Hausgeburten schon umgehen müssen. Schließlich war ich 15 Jahre in der praktischen Weiterbildung von Kolleginnen in außerklinischer Geburtshilfe tätig. Nur dafür gab es ja das Fortbildungszentrum Pegasus, um das Potenzial junger Kolleginnen zu fordern, bevor es verdorrt oder sich Auswege sucht.</p>



<p><strong><em>Wie sichern Sie sich gegen Klagen und Regressansprüche ab, damit Sie – bei allem humanitären Anspruch – nicht Ihre eigene Existenz gefährden?</em></strong></p>



<p>Das kann man in letzter Konsequenz nicht. Die Definition von Recht und Unrecht ist immer eng verbunden mit der Ausübung von Macht. Man kann zwar die Eltern umfassend aufklären. Aber ein einziger Haftungsfall kann heutzutage ausreichen, um die Hebamme zu ruinieren. Das ist mir sehr bewusst. Wenn dieser Fall eintritt, ist es egal, ob ich <em>ein</em> Kind auf die Welt geholt habe oder mehrere auf einmal. So, wie es im Moment läuft, kann ich immer vollständig ruiniert werden in der Ausübung meines Berufes. Die Rechtssprechung zeigt deutlich, dass sich die „Schuld“ problemlos und immer auf die Hebamme abschieben lässt. Das ist der Preis dafür, dass es einen unausgesprochenen Allmachtsgedanken in der Geburtsmedizin gibt. Solange die Hebammenarbeit sich nicht deutlich davon abgrenzen lässt, zahlt die einzelne Hebamme dafür.</p>



<p><strong><em>Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Eltern persönlich – sind sie ein Risiko für ihre Kinder eingegangen, indem sie zu Ihnen nach Borkum gekommen sind, um ihre Drillinge zur Welt zu bringen?</em></strong></p>



<p>Ein „Risiko“ besteht bei jeder Geburtsform und an jedem Geburtsort. In den beschriebenen Fällen wurde das klinische Risiko für die jeweilige Familie höher bewertet. Die Eltern waren bemüht, das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder zu schützen und ihnen den bestmöglichen Start zu bieten. Sie sahen keine wirkliche Alternative. Wir haben darüber ausführliche Gespräche geführt – über das, was möglich ist und was nicht möglich ist. Sie haben meist einschlägige, sehr persönliche Erfahrungen gemacht. Daraus ziehen sie ihre Schlüsse und entscheiden. Außerdem kann man, wenn nötig, auch von der Insel eine Verlegung in eine Klinik oder Kinderklinik veranlassen. Das ist ebenso möglich wie in Berlin, München oder in ländlichen Gebieten.</p>



<p><em><strong>Wie lange dauert eine Verlegung im Ernstfall?</strong></em></p>



<p>Wenn die Rettungskette gut funktioniert, ist eine Verlegung innerhalb einer halben Stunde möglich. Da aber die Hubschrauber für alle ostfriesischen Inseln im Einsatz sind, sind sie unter Umständen gerade unterwegs und man muss länger warten – genauso wie überall. Manchmal können sie wetterbedingt auch nicht fliegen und mit dem Seenotrettungsboot, das dann eingesetzt wird, ist man eine Stunde bis zum Festland unterwegs. Eigentlich ist kein großer Unterschied zum Festlandprocedere vorhanden. Wenn man dort in ein Krankenhaus verlegt, hat das OP-Team vielleicht auch gerade einen anderen Notfall zu versorgen, oder man steht im Stau oder der Krankenwagen kommt und kommt nicht. Die Frage des Notfallmanagements wird hierzulande oft überstrapaziert.</p>



<p>Man bemüht sich immer um die besten Umstände: Mit unserem ganzen Rettungswesen haben wir hier in Deutschland – im Vergleich mit anderen europäischen Ländern – einen sehr ausgezeichneten Service.</p>



<p><em><strong>Im zweiten Teil des Interviews schildert Barbara Kosfeld ihre präventive Hebammenarbeit auf Borkum.</strong></em><br><br><a href="https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/" data-type="post" data-id="2855">Weiter Lesen: Teil 2 &#8211; Als Inselhebamme auf Borkum</a></p>



<p><strong>Die Interviewte </strong><br><strong>Barbara Kosfeld</strong> gründete 1994 die erste Aachener Hebammenpraxis, 1997 das erste Aachener Geburtshaus, das im Dezember 2006 aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Perspektive für die Hebammen geschlossen wurde. Sie initiierte 1998 die Fortbildungsakademie Pegasus für Hebammen e.V. Seit 1999 berät sie Hebammen bei Unternehmensgründungen. Außerklinische Geburtshilfe unterrichtet sie europaweit. Seit März 2007 ist sie auf der Insel Borkum als freiberufliche Hebamme tätig. (Stand September 2009)</p>
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