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	<title>Allgemein &#8211; Katja Baumgarten</title>
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	<title>Allgemein &#8211; Katja Baumgarten</title>
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		<title>&#8222;Eine humane Geburt wirkt lebenslang&#8220;</title>
		<link>https://viktoria11.de/hebammensymposium5/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Mar 2019 09:47:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kongresse und Tagungen]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum fünften Mal gab es Mitte Januar das Winterthurer Hebammensymposium nahe Zürich. Die Einflüsse in der Schwangerschaft auf Mutter und Kind sowie die langfristigen Wirkungen daraus standen im Mittelpunkt der interessanten Tagung. „Epigenetik – Mama ist an allem schuld?“ – nicht das Motto des 5. Winterthurer Hebammensymposiums an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/hebammensymposium5/"><span class="screen-reader-text">"&#8222;Eine humane Geburt wirkt lebenslang&#8220;"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Zum fünften Mal gab es Mitte Januar das Winterthurer Hebammensymposium nahe Zürich. Die Einflüsse in der Schwangerschaft auf Mutter und Kind sowie die langfristigen Wirkungen daraus standen im Mittelpunkt der interessanten Tagung. </strong></p>



<p>„Epigenetik – Mama ist an allem schuld?“ – nicht das Motto des 5. Winterthurer Hebammensymposiums an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) war es gewesen, das mich gelockt hatte, in die Schweiz zu reisen: Es erschloss sich mir weder fachlich noch mit Humor. Ungeachtet dessen hatten sich an die 200 Hebammen am 19. Januar zur Fortbildungsveranstaltung im 25 Kilometer entfernten Nachbarort von Zürich eingefunden. Dort erwartete sie, anders als es der Titel vermuten ließ, ein interessantes eher bunt gemischtes Programm, das sich nur in einem, dafür fachlich umso hochkarätigerem Vortrag intensiv mit Epigenetik auseinandersetzte. Zum Glück wurde dabei nach der Schuld von Müttern nicht gefragt.</p>



<p>Die meisten Kolleginnen waren aus der Schweiz gekommen, einige aus dem angrenzenden Österreich und Deutschland. Bis auf Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote, der als Direktor des Departements Gesundheit kurz zur Begrüßung auftauchte, und einen jungen Fotografen, waren die Frauen den ganzen Tag unter sich. Andrea Stiefel, MSc Midwifery, die auf 40 Berufsjahre zurückblickt und nach ihrer jahrelangen Tätigkeit an der ZHAW seit kurzen ein neues Tätigkeitsfeld in der Hebammenausbildung in Berlin gefunden hat, war gerne wieder nach Winterthur angereist, wo sie die Veranstaltung souverän moderierte. Ihre persönliche, herzliche Vorstellung aller Referentinnen sorgte für eine gute, gastliche Stimmung.</p>



<p></p>



<p><strong>Epigenetik – nur einer von vielen Faktoren</strong><br>„Die Rolle der Epigenetik für die Schwangerschaft“ erläutere die Leiterin für Klinische Psychologie und Psychotherapie <strong>Prof. Dr. Ulrike Ehlert </strong>vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Psychoendokrinologie und Stress seien die Forschungsschwerpunkte ihres Lehrstuhls. „Ich arbeite nun seit gut 20 Jahren zu diesem Thema – Sie müssen nicht denken, dass ich alles zum Thema ‚Stress‘ im Griff habe!“, begann sie sympathisch salopp. Die Epigenetik zeige das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt, sei aber nur <em>ein</em> Teilaspekt. In einem der Forschungsprojekte ihres Instituts zum Thema „Gesundes Altern“ habe man beispielsweise 124 Risiko-Gen-Schalter ausgemacht. Man müsse aber bedenken, dass ein Chromosomensatz aus 20.000 bis 30.000 Genen bestehe, die unter gewissen Umständen an- und abgeschaltet werden könnten. Auch die Lesbarkeit und die Häufigkeit, mit der ein Gen abgelesen werde, variiere. Die Forschung, bestimmte Merkmale zuzuordnen, gleiche der berühmten Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.</p>



<p>Darüber hinaus gebe es 20 verschiedene Mechanismen, die ein Gen „abschalten“, so dass es schlechter ausgelesen werden kann. Es gebe aber auch Reparaturmechanismen neben der Vermischung der genetischen Merkmale von Vater und Mutter. Ehlert erklärte zunächst konzentriert die Grundlagen der Epigenetik und spornte ihre Zuhörerinnen an, ihr bei der anspruchsvollen Materie zu folgen, denn das sei unerlässlich für das Verständnis der Zusammenhänge. Die Epigenetik beziehe sich auf Mechanismen und Konsequenzen vererbbarer Chromosomenveränderungen, die nicht auf einem Abweichen von der regulären DNA-Abfolge beruhten. Diese Mechanismen seien vielfältig und würden aktuell weiter erforscht. Dazu gehörten Veränderungen der Methylierung, die Anlagerung oder das Fehlen von Methylgruppen an Basen der DNA oder Histonmodifkationen, chemische Veränderungen an Histon-Proteinen, die Einfluss auf die DNA-Transkription hätten. Nicht nur beim Ungeborenen oder bei der Schwangeren könne man epigenetische Veränderungen nachweisen, sondern auch in der Plazenta. Lebensstilfaktoren der Eltern wie Rauchen, Alkoholkonsum, Essgewohnheiten oder sportliche Aktivität könnten diese Veränderungen auslösen. Manche Faktoren hätten günstige epigenetische Effekte für die Schwangerschaft. Sie könnten aber eben auch genau gegenteilige Effekte bewirken. Beispielsweise gebe es Hinweise darauf, dass Stress und traumatische Lebenserfahrungen epigenetische Auswirkungen haben könnten. Sehr bekannt sei die Forschung über die Auswirkungen des niederländischen Hungerwinters 1944/45 anhand von Untersuchungen an 60 Menschen, die damals geboren wurden. Auf die spätere Gesundheit von Ungeborenen, deren Mütter im dritten Trimenon betroffen waren, habe der Hunger sich nicht ausgewirkt, außer, dass die Kinder mit einem zu geringen Geburtsgewicht geboren worden waren. Jedoch in den ersten zehn Schwangerschaftswochen habe das Hungern auf die Gene der Ungeborenen gewirkt: Sie seien dann zwar mit normalem Geburtsgewicht geboren worden, hätten aber lebenslang übermäßig insulinähnliche Wachstumsfaktoren produziert, weil damals das dafür verantwortliche Gen abgeschaltet worden sei. Dadurch hätten sie langfristig eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit entwickelt.<br>„Die Gene erklären nicht alles“, relativierte Ehlers und schloss: „Es gibt so viele weitere Einflussfaktoren. Die Epigenetik ist nur <em>ein</em> Marker. </p>



<p><strong>Lebenslange Liebe zum Beruf</strong></p>



<p>Schon zur Begrüßung am Morgen hatte die Leiterin des Instituts für Hebammen, <strong>Beatrice Friedli </strong>, der Gastprofessorin für Hebammenwesen aus London<strong> Prof. Lesley Page </strong> zu ihrem 75. Geburtstag nochmal vor der versammelten Hebammenschaft gratuliert. Lesley Page hatte ihn am Vorabend gemeinsam mit ihren Gastgeberinnen gefeiert. „Es ist so schön zu sehen, mit welchem Feuer sie sich noch immer für die Geburtshilfe einsetzt!“, begeisterte sich Friedli. Zweifellos war Lesley Pages Vortrag über „Die Auswirkungen der Humanisierung und der physiologischen Geburt auf die Gesundheit – Konsequenzen für die Praxis“ der Höhepunkt des Tages. Durch ihre sprühende Liebe zum Beruf, die sie wunderbar mit Worten auszudrücken vermochte, rührte die warmherzige, ältere Dame bei den meisten Anwesenden an die eigenen Ideale und trieb ihnen Tränen in die Augen. „I love being a midwife“, begann die international renommierte Hebamme und Wissenschaftlerin, die die erste Professorin für Hebammenwesen in Großbritannien gewesen war. Von 2012 bis 2017 war sie Präsidentin des Royal College of Midwives gewesen und 2014 war sie mit der Ernennung als Commander of the British Empire (CBE) geehrt worden. Wer die Serie „Call the Midwife“ kenne, fragte sie in die Runde und zeigte ein Bild von sich als blutjunge Hebamme im kommunalen Gesundheitsdienst: „Genauso habe auch ich in den 1960er Jahren in Schottland gearbeitet.“</p>



<p>Die grundlegende Bedeutung der Humanisierung bestehe darin, eine nachhaltigere Welt und Gesellschaft zu entwickeln. Für die Geburt heiße dies, den eingeengten Blick auf die Geburt als ein von Medizin geprägtes Ereignis zu öffnen hin zu einer breiteren Sichtweise. Humanisierte Geburt erkenne die Bedeutung der Geburt für die Einzelnen an, für Familien und für die Gesellschaft. Sie beinhalte eine Betreuung, die die Gesundheit und das Wohlbefinden des Babys, der werdenden Mutter, des Vaters oder anderer Elternteile und den Schutz der gesamten Familie verbessere. Dies betreffe sowohl die kurz- als auch die langfristige Gesundheit. Für eine Strategie und Praxis der humanisierten Mutterschaftspflege müsse man mehrere wissenschaftliche Disziplinen einbeziehen, darunter die Physiologie der Geburt, die Bindungsforschung, die Epigenetik und Epidemiologie sowie das Verständnis der Einflussfaktoren von Gesundheit und Wohlbefinden. Um den erforderlichen Paradigmenwechsel besser zu verstehen und die Humanisierung des Gesundheitswesens voranzubringen sollten wir unsere Art zu Denken etwas ändern: weg von „Schwarz-Weiß-Denken“ hin zu einem „Sowohl-als-auch-Denken“. Lesley Page plädierte außerdem für eine menschliche Beziehung in der persönlichen Betreuung: In Großbritannien sei die Schwangerenbetreuung sehr häufig fragmentiert. Die Schwangere sollte „ihre“ Hebamme vertrauensvoll kennenlernen können durch ein Konzept der „continuity of care“ in einem möglichst kleinen Team.</p>



<p><strong>Spannende, praxisnahe Kurzvorträge</strong></p>



<p>In einem Veranstaltungsblock nach dem Mittagessen gab es zahlreiche praxisnahe Kurzvorträge in vier parallelen Blöcken, bei denen die Auswahl schwerfiel: „Zeit für Neues – der Lehrplan Hebamme BSc wird überarbeitet“, schilderten <strong>Gabriele Hasenberg</strong>, MSc, und <strong>Mona Schwager </strong>, MSc, von der ZHAW. „Das Hebammennetzwerk Familystart Zürich bringt Vorteile für Mütter, Spitäler und Hebammen“, warb <strong>Dr. Susanne Grylka</strong>, Hebamme und Epidemiologin von der ZHAW. Zur „Förderung der physiologischen Latenzphase“ regten <strong>Eliane Wolf </strong> und <strong>Prisca Walter</strong> an, beide Bachelor-Studentinnen aus Hamburg.</p>



<p>Mit der Studie „BRIDGE“ stellten Gabriele Hasenberg, und <strong>Paola Origlia Ikhilor</strong>, MSc aus Bern, die barrierefreie Kommunikation in der geburtshilflichen Versorgung von Migrantinnen vor, die sich nicht in der Landessprache verständigen können. „Individuelle Tragdauer – die Reife ist nicht errechenbar“ erläuterte die Münchner Hebamme <strong>Dorothea Zeeb</strong>, MSc, ihre Masterarbeit an der Hochschule Salzburg. Auch eine Posterpräsentation erwartete die Teilnehmerinnen.</p>



<p><strong>Gedanken einer Studentin</strong></p>



<p>Zum Abschluss der Tagung hatte traditionell auch in diesem Jahr wieder eine Hebammenstudentin der ZHAW das Schlusswort: „Gedanken einer Studentin“ nannte <strong>Michèle Oberholzer</strong> die sehr persönliche und für sie schmerzhafte Schilderung ihres Werdegangs bis zur Hebamme BSc. Sie habe sich oft gefragt, welche Auswirkung die schwierige Zeit auf sie gehabt habe, als ihre Mutter mit ihr schwanger gewesen sei – manches von dem, was heute in den Vorträgen zu Sprache gekommen sei, vielleicht auch epigenetische Einflüsse, könne bei der Erklärung helfen. Sie habe keine leichte Kindheit und Jugend erlebt bis sie nun am Ende ihres Studiums zur Hebamme angekommen sei. Gelernt habe sie dennoch, vielleicht gerade durch die vergangenen Schwierigkeiten: Empathie. Und dies sei ihr nun in ihrem Beruf als Hebamme die wertvollste Gabe. Die warmherzige Anteilnahme aller im Raum war ihr sicher, Andrea Stiefel bedankte sich bei ihr direkt: „Es ist ein Privileg, wenn jemand seine persönlichen Erfahrungen mit einem teilt.“</p>



<p><p>Das 6. Winterthurer Hebammensymposium wird in zwei Jahren an einem anderen Ort stattfinden: Im „Haus Adeline Favre“, einem neuen Hochschulgebäude, benannt nach der bekannten Schweizer Hebamme (1908–1983) aus dem <em>Val d&#8217;Anniviers</em>, die durch ihre Lebenserinnerungen unvergesslich geworden ist.</p>
<hr></p>



<p><p><strong>5. Winterthurer Hebammensymposium</strong><br>Ein Abstract und drei Referate zu den vier Hauptvorträgen von <strong>Prof. Dr. Annick Bogaerts, Prof. Dr. Ulrike Ehlert, Martina König-Bachmann und Prof. Lesley Page </strong>können auf der Internetseite der ZHAW zur Veranstaltung <a href="http://www.zhaw.ch">www.zhaw.ch</a> heruntergeladen werden.</p>
<hr></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Feuer weitertragen</title>
		<link>https://viktoria11.de/das-feuer-weitertragen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2018 14:52:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[Geburtshilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Veranstaltungen im Juni 2018 in Norddeutschland, die frischen Wind in der Geburtshilfe signalisierten. Ein Kommentar von Katja Baumgarten Zwei Veranstaltungen im Juni haben in mir nachgeklungen: Sie setzten ermutigende Zeichen gegen manch bedrückende Entwicklung in der Geburtshilfe. Zunächst beeindruckte das Symposium „Geburtshilfe – eine komplexe Kunst“ in Hamburg am 5. Juni. Hebamme, IBCLC und<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/das-feuer-weitertragen/"><span class="screen-reader-text">"Das Feuer weitertragen"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><br><strong>Zwei Veranstaltungen im
Juni 2018 in Norddeutschland, die frischen Wind in der Geburtshilfe signalisierten.
</strong></p>



<p><strong>Ein Kommentar von Katja Baumgarten</strong></p>



<p>Zwei Veranstaltungen im Juni haben in mir nachgeklungen: Sie setzten ermutigende Zeichen gegen manch bedrückende Entwicklung in der Geburtshilfe. Zunächst beeindruckte das Symposium „Geburtshilfe – eine komplexe Kunst“ in Hamburg am 5. Juni.</p>



<p><strong>Hebamme, IBCLC und
Chefärztin</strong></p>



<p>Zur spannenden und gut besuchten Abendveranstaltung im Saalhaus der Patriotischen Gesellschaft hatte <strong>Dr. Maike Manz</strong> im Namen ihrer Klinik eingeladen. Zur Begrüßung stellte sie sich als Hebamme, IBCLC und Chefärztin der Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Helios Mariahilf Klinik Hamburg vor. Das war überraschend: Zwar gibt es etliche Hebammen, die später Ärztinnen wurden. Auf ihre beruflichen Wurzeln als Expertinnen für die physiologische Geburt verweisen aber die wenigsten. Nicht so Maike Manz: Sie habe in Tübingen ihre Hebammenausbildung absolviert, schilderte sie, im selben Kurs wie die DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer<em>. </em></p>



<p>Manz, die den Chefärztinnenposten in Hamburg im Jahr zuvor übernommen hatte, wolle die normale Geburt stärken. Ökonomisch werde das nicht belohnt: Eine komplikationslose Geburt werde im DRG-System der Klinik mit 1.896 Euro vergütet, eine komplikationslose Sectio bringe 1.000 Euro mehr ein – 2.897 Euro. Bei einer Sectio seien zwei ÄrztInnen etwa 20 Minuten beschäftigt – eine vaginale Geburt könne gut 20 Stunden dauern. Trotz der wirtschaftlichen Schieflage habe sie sich auf die Fahnen geschrieben, die Sectioquote in ihrer Abteilung zu senken. 2017, zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Mariahilf Klinik, habe die Rate bei 30,13 % gelegen. Inzwischen sei die Frauenklinik in separate Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe getrennt worden. Aktuell liege die Sectioquote bei 23,9 %.</p>



<p><strong>ExpertInnenwissen
vernetzen</strong></p>



<p><strong>Dr. Michel Odent</strong>,
Jahrgang 1930, prägt und befeuert seit Jahrzehnten die Debatte um die
physiologische Geburt. Seit 1990 lebt er in London und ist unermüdlich
unterwegs, um seine Ideen in allen Teilen der Welt vorzutragen. Als Chefarzt in
Pithiviers, einer Kleinstadt südlich von Paris, hatte er seine innovative
Geburtshilfe entwickelt und bekannt gemacht. Als ich ihn vor 15 Jahren einmal
fragte, ob es ihn nicht entmutige, dass trotz seiner jahrzehntelangen
Anstrengungen die Geburtshilfe immer weiter zu noch mehr Interventionen strebe,
antwortete er geduldig, die Zeiten würden sich auch wieder in die andere
Richtung wandeln. Damals fehlte mir das Verständnis für seine Zuversicht. </p>



<p>In Hamburg erlebte ich mit Hochachtung, wie er im fortgeschrittenen
Alter von 88 Jahren noch immer für die „gute Sache“ unterwegs ist und die
aktive Geburtshilfe durch sein Vorbild stärkt. Sein Vortrag lautete: „In the
Age of Overspecialization“, zu Deutsch: „Im Zeitalter der Überspezialisierung“.
Odent betonte den Charakter der Geburtshilfe als „Kunst“. Die einzelnen Bausteine
des Wissens hochspezialisierter ExpertInnen müssten zusammengeführt und
vernetzt werden, um so die Physiologie der Geburt noch besser zu verstehen. Die
Art der Lichtquelle habe zum Beispiel Auswirkungen auf die Geburt: Kerzen seien
von Glühbirnen abgelöst worden und diese heutzutage von LED-Leuchten. Letztere
störten die Ausschüttung des wichtigen Hormons Melatonin, das eine Synergie mit
dem Geburtshormon Oxytocin eingehe. Melatonin habe eine schützende Wirkung im
Blut des Neugeborenen. Bei einer primären Sectio würde dagegen kein Melatonin
ausgeschüttet und an das Kind weitergegeben.</p>



<p>Eine wichtige Voraussetzung für die ungestörte Geburtsarbeit sei, die Aktivität des Neocortex herabzusetzen. Hebammen wüssten, dass Frauen sich ohne dessen Kontrolle zuweilen bizarr verhielten wie ein wildes Tier – ein perfekter Zustand, um ihr Kind zur Welt zu bringen.</p>



<p><strong>Die erste Sectio vermeiden</strong></p>



<p>Der zweite Referent, der israelische Geburtshelfer <strong>Prof. Dr.</strong> <strong>Michael Stark</strong>, ist seit den 1990er Jahren durch seine gewebeschonende,
blutungsarme und zeitsparende Misgav-Ladach-Kaiserschnitt-Technik weltweit bekannt
geworden. Sie wurde nach dem Krankenhaus in Jerusalem benannt, dessen
gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung Stark von 1983 bis 2000 geleitet hatte, und
wird heute in über 100 Ländern angewandt. Weniger bekannt ist, dass Stark mit
seinem Team für einen Wechsel von einer technisierten, interventionsreichen hin
zu einer humanen, familienorientierten Geburtshilfe stand. </p>



<p>„Der evidenzbasierte Kaiserschnitt und der mögliche Einfluss
auf die menschliche Evolution aufgrund seiner zu häufigen Anwendung“, hieß sein
Vortrag. Stark erläuterte die Vorteile seiner Operationstechnik mit Fotos und
Studienergebnissen. Am wichtigsten sei es allerdings, die erste Sectio
möglichst zu vermeiden, betonte er. Einen fixen Termin zur primären Sectio
lehne er ab: „Kommen Sie mit Wehen“, empfehle er stattdessen Frauen vor einer
notwendigen primären Sectio. </p>



<p>Er schneide so wenig wie möglich, sondern dehne das Gewebe
im Bauchraum auf. Und so weit wie möglich verzichte er auf Nähte. „Der Uterus
repariert sich selbst“, erklärte Stark. Nähte seien höchstens notwendig, um
Blutungen zu stoppen. Das Peritoneum lasse er offen, es bilde sich innerhalb
von 24 bis 48 Stunden neu. Damit vermeide er Schmerzen für die Frauen. Anhand
eines Videos vom Vortag, als er als Gast mit Maike Manz drei Sectiones
durchgeführt hatte, kommentierte er abschließend seine Vorgehensweise. </p>



<p>„Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche“, hatte es in der Einladung von Maike Manz geheißen – ein perfektes Motto für eine fortwährende Erneuerung in der Geburtshilfe. </p>



<p><strong>Macht,
wirksam zu sein</strong></p>



<p>Auch die Antrittsvorlesung von Deutschlands
erster Universitätsprofessorin mit einem Lehrstuhl für Hebammenwissenschaft <strong>Prof. Dr. Christiane Schwarz</strong> an der Universität zu Lübeck am
22. Juni passte unter dieses Motto. Ihr Vortrag „Hebamme, die Wissen schafft –
Geburtshilfe mit Herz und Verstand“ umriss anhand zahlreicher Kostproben ihrer
bisherigen Forschungsprojekte ihre Vorstellungen, wie Forschung und Lehre aus
Hebammenperspektive unter ihrer Leitung aussehen könnte. Offene Fragen lauteten
zum Beispiel: „Wie lange dauert eine individuelle Schwangerschaft? Woran
sterben Kinder intrauterin? Welches Kind ist in Gefahr? Warum, wann und wie
beginnt eine Geburt?“ </p>



<p>Wissen müsse gesammelt,
erforscht und weitergegeben werden. Noch 2009 habe der Präsident der
Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst sich zum Gesundheitscampus
NRW Bochum geäußert: „Stecken Sie das viele Geld lieber in die Ausbildung der
Ärzte und nicht in ein akademisiertes Proletariat.“ Die Akademisierung der
Hebammen sei heute unaufhaltsam, war sich Christiane Schwarz sicher. Nicht um
der Hebammen selbst willen sei sie notwendig, sondern für Frauen und Kinder und
für ein gesundes Geburtserlebnis im Sinne der Forderung der WHO.</p>



<p>Es war ein bewegender
Moment, als sich direkt nach ihrem Vortrag alle 120 ZuhörerInnen erhoben und
mit nicht enden wollendem Beifall die frischgebackene Professorin ehrten. In
dieser Ehrung lag zum einen der Respekt für ihren weiten Weg über viele
Stationen, auf dem sie keine Anstrengung gescheut hatte, ohne dabei ihre
sprühende Herzlichkeit und ihr glühendes Engagement für die Geburtshilfe und
die betreuten Familien zu verlieren. Es lag auch die Würdigung und Hoffnung für
die Vertreterin einer Hebammengeneration darin, die für den Aufbruch steht und
die den Durchbruch geschafft hat, die Wissenschaft aus der Perspektive der
Hebammen nun mit eigenen Inhalten zu bereichern und die Hebammengeburtshilfe an
der Universität in die Praxis umzusetzen.</p>



<p>„Jetzt habe ich Macht“, sagte Christiane Schwarz später im persönlichen Gespräch beim anschließenden Umtrunk. Nicht Selbstzufriedenheit klang dabei aus ihren Worten, sondern die Erleichterung über ein Ende der Ohnmacht, mit der sich Hebammen zu lange zu arrangieren hatten. Und die Gewissheit, nun substanziellen Einfluss zu nehmen und die Hebammenkunst auf akademischem Niveau zu beleben – und dem Ausbluten des Hebammenstandes in seinen originären Aufgaben zugkräftige Argumente entgegenzusetzen, die auch gehört werden </p>



<p><strong>Ausblick</strong></p>



<p>Ein Lichtblick, diese beiden Veranstaltungen: Zwei Beispiele von starken Frauen, die heute in wirksame Positionen vorgedrungen sind und die – jede auf ihre Weise – die gesunde, interventionsarme Geburt wieder zum Normalfall werden lassen wollen. Die Tradition der humanen Geburtshilfe, aus der sie ihr Feuer erhalten haben, haben beide aufscheinen lassen. Dass sie die Flamme erfolgreich weitertragen werden, ist ihnen zuzutrauen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kongress Digital Health 2017</title>
		<link>https://viktoria11.de/rasant-vernetzt-ueber-die-datenautobahn/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 Dec 2017 23:00:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bericht]]></category>
		<category><![CDATA[Digitale Gesundheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kongresse und Tagungen]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo die Süddeutsche Zeitung Tag für Tag entsteht, wurde beim zukunftsweisenden Kongress diskutiert, wie mit digitaler Vernetzung die Versorgung von Patienten optimiert werden kann. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>&nbsp;</p>



<p><strong>Der Kongress „Digital Health – Gesundheit neu denken“ in München betrachtet die digitalen Innovationen im Gesundheitswesen. Welche Möglichkeiten und Märkte, Potenziale und Probleme eröffnen sich heute und in Zukunft? Ein Kongressbericht</strong>.<br><br>Zum Kongress „Digital Health – Gesundheit neu denken. Wie Vernetzung das Gesundheitswesen verändert“ hatte die Süddeutsche Zeitung (SZ) am 26. und 27. September 2017 in das Konferenzzentrum ihres Verlagsgebäudes nach München eingeladen: Das Gesundheitswesen stehe durch die digitalen Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie vor neuen Herausforderungen und Möglichkeiten. Die zunehmende Vernetzung, der beschleunigte Informationsaustausch und die damit einhergehenden Veränderungen im Versorgungsprozess brächten neue Geschäftsmodelle hervor. Hier öffne sich ein unübersehbar großer Markt für neue Wettbewerber.</p>



<p>Der Kongress richtete sich an Entscheider und an Führungskräfte – an Anbieter und Dienstleister von Informations- und Kommunikationstechnologie, an Software- und App-Entwickler, Krankenkassen und Trägergesellschaften, Medizintechnikunternehmen, Kliniken und Krankenhäuser sowie Anbieter von Unternehmens- und Rechtsberatung im Gesundheitswesen. Die zweitägige Veranstaltung setzte sich aus Key-Notes, Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Gesprächen zusammen. Eine kleine Fachausstellung zeigte innovative Produkte.</p>



<p><br>Etwa 170 TeilnehmerInnen hatten sich im imposanten, 100 Meter hohen, voll verglasten Verlagsgebäude eingefunden – nur 50 Frauen unter ihnen. Eine führende Klinikmitarbeiterin aus der Pflege gab sich zu erkennen, ansonsten schienen ausschließlich ÄrztInnen und deren Verbandsfunktionäre als aktive Anbieter von Gesundheitsleistungen im Publikum vertreten. Sie informierten sich über Themenschwerpunkte wie das E-Health-Gesetz oder die Telematik-Infrastruktur, über E-Medikation, E-Akte, E-Rezept und Telemedizin. Es ging um die Fragen, wie sich digitale Innovationen in die Regelversorgung integrieren lassen, wo mit „Digital Care“ die Potenziale von E-Health im Pflegebereich liegen oder wie „Big Data“ in der Forschung und Versorgung verknüpft und genutzt werden kann. Es ging auch um die Kostenträger, darum wie die Fernbehandlung im Praxistest besteht, wie Leistungserbringer vernetzt werden können, um das papierlose Krankenhaus als Ziel oder auch um personalisierte Medizin durch maßgeschneiderte Versorgung. </p>



<p><strong>In der digitalen Steinzeit</strong></p>



<p>Durch das Programm mit 56 ReferentInnen führten abwechselnd zwei Redakteure der SZ: <strong>Dr. Kim Björn Becker</strong>, für den Bereich Gesundheitspolitik zuständig, und <strong>Dr. Marc Beise, Leiter des Wirtschaftsressorts. </strong>„Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich noch in der Steinzeit, was die Digitalisierung angeht“, begann Becker: „Gerade in der Fläche ist es noch nicht so weit entwickelt, wie man es gerne hätte!“ Heutige Möglichkeiten würden noch lange nicht ausgeschöpft, beispielsweise dass hoch spezialisierte FachärztInnen per Videoschalte mit PatientInnen kommunizieren könnten. Betont weniger altmodisch gaben sich die Referenten in den zwei Tagen mit einer Vielzahl neudeutscher Ausdrücke: Gesundheit hieß hier „Health“, Pflege nicht anders als „Care“.</p>



<p>Als Impuls zum Auftakt schätzten drei Experten die Chancen für künftige Veränderungen angesichts neuer politischer Konstellationen ein – wenige Tage zuvor war gewählt worden: „Nach der Bundestagswahl: Gesundheitspolitische Forderungen an die neue Regierung“. Der Wirtschaftsingenieur <strong>Winfried Holz</strong> vertrat den Digitalverband Bitkom, einen Zusammenschluss einzelner Branchenverbände, in dem über 2.500 Unternehmen der digitalen Wirtschaft organisiert sind. Ihm lagen die „Health-Gesetze“ am Herzen. Gesundheitsminister Herrmann Gröhe sei dem Thema Digitalisierung gegenüber immer sehr aufgeschlossen gewesen und habe in seiner Amtszeit beispielsweise das „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ auf den Weg gebracht, das Ende 2015 in Kraft getreten sei. Ein wichtiges Anliegen sei dem Minister auch der Breitbandausbau in wenig entwickelten Landstrichen mit schlechter medizinischer Versorgung gewesen. Er hoffe auf eine Fortsetzung dieses Weges, wies aber auch auf drängende gesellschaftliche Fragen hin: Das Potenzial für Produktivität und Qualität durch die Digitalisierung sei gigantisch. Zum Stichwort „Privacy“, warnte er: „Nicht alles, was man kann, sollte man machen.“ Man müsse auch über ethische Fragen diskutieren. <br><br></p>



<p><strong>E-Health muss praxisnah sein</strong></p>



<p><strong>Holger Rostek</strong>, einziges nichtärztliches Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) mit beruflichem Hintergrund aus der Informationstechnik (IT), widersprach der Einschätzung: Deutschland befände sich in der digitalen Steinzeit. Und wenn doch, dann liege das nicht an den niedergelassenen ÄrztInnen. „Es gibt 170.000 Arztpraxen in Deutschland, die Mehrzahl der Ärzte scannt ihre Arztbriefe ein.“ Zu den Mitgliedern seiner KV gehörten allerdings auch klassische Hausarztpraxen aus Regionen wie der Prignitz, wo Elche und Wölfe zu Hause seien, wo man aber keinen IT-Techniker fände, der einem den PC repariere.</p>



<p>Ein Prozent Honorarabzug hätten KassenärztInnen ab kommenden Sommer hinzunehmen, wenn sie bis dahin nicht mit einem speziellen Lesegerät an die Infrastruktur angeschlossen seien und die Stammdaten ihrer PatientInnen für die Kostenträger darüber verwalteten. „Was hat der Landarzt davon?“, fragte er – die Industrie sei noch nicht in der Lage zu liefern. E-Health-Gesetze müssten praxisnah sein. Scheingesetze wie dasjenige, wonach bis zum 1. Juli 2018 alle Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken an die digitale Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein müssen, würden niemandem helfen. Die neue Gesundheitskarte mit Foto und Chip, die seit 2004 langwierig und mühevoll eingeführt worden sei, habe keinerlei Mehrwert.</p>



<p>Er bemängelte auch die unterschiedlichen Anforderungen an die Datensicherheit: Die Hürden bei eArztbriefen seien sehr hoch angesetzt im Vergleich mit dem konventionellen System, gleichzeitig würden diese nur halb so gut bezahlt. Ein eArztbrief würde auch nur dann vergütet, wenn er mittels elektronischem Heilberufsausweis sowohl vom Sender wie vom Empfänger über eine qualifizierte elektronische Signatur in einem speziellen Praxisverwaltungssystem sicher verschlüsselt versendet würde. „Die Anforderungen sind so hoch, dass es nicht zu leisten ist!“, schloss Rostek: „Wenn der Brief dann per Fax gesendet wird, was weiterhin doppelt so teuer mit 55 Cent vergütet wird – ist das sicher?“ <strong>Reinhard Brücker</strong> von der Viactiv Betriebskrankenkasse mit 700.000 Mitgliedern teilte die massive Kritik an der Gesundheitskarte für PatientInnen. 1,7 Milliarden Euro seien für ihre Einführung nutzlos versenkt worden, eine Farce – man habe mehr als zehn Jahre lang „rumgedaddelt“, im Rückblick ein Riesenskandal. Für Entwicklungen wie das eRezept, die ePatientenakte oder den elektronischen Medikationsplan müsse der Datenschutz an erster Stelle stehen.</p>



<p>Noch wichtiger sei Datensouveränität für die NutzerInnen von Gesundheitsleistungen: Versicherte sollten „Herr“ über ihre Daten sein – sie hätten jedoch keine wirkungsvolle Lobby. Der Patient müsse seine eAkte mitnehmen. Sie dürfe kein Wettbewerbsinstrument von Anbietern sein. Die Plattform für Patientendaten sei die eine Sache, der Standard zum reibungslosen Austausch zwischen den Systemen eine andere.</p>



<p>„Gröhe hat beim Thema Digitalisierung rumgeeiert“, er sei stecken geblieben, monierte Brücker, obwohl der Minister in seiner Amtszeit ein Glückspilz gewesen sei: „Wir haben im Gesundheitswesen noch nie so viel Geld zur Verfügung gehabt!“ Geld, das ungerecht verteilt sei. Bei der FDP und den Grünen sehe er keine Person, die die anstehende Umstrukturierung leisten könne. Man könne in gut digitalisierten Regionen anfangen. Doch blieb er skeptisch: „Wir lösen damit nicht die Probleme auf dem Land.“ Apotheker würden beispielsweise häufig nicht mehr beraten – fünf verschiedene Ärzte verschrieben Medikamente, ohne sich untereinander abzustimmen, gefährliche Wechselwirkungen blieben dann oft unbemerkt. <br><br></p>



<p><strong>Österreich und die Schweiz sind schon weiter</strong></p>



<p>Bei der Podiumsdiskussion „Was können wir von unseren Nachbarn lernen? Digitale Gesundheitsmodelle und Strategien im D-A-CH Vergleich“ hagelte es ebenfalls handfeste Kritik: <strong>Dr. Clemens Martin Auer</strong>, Sektionschef im Österreichischen Bundesministerium für Gesundheit, hielt die deutsche Gesundheitskarte bereits für veraltet. Auch das deutsche E-Health-Gesetz hielt seinem Urteil nicht stand: „So einen Schrott sollte man vergessen – es gehört möglichst schnell eingestampft!“ Im öffentlichen Interesse für eine bessere Gesundheit brauche man eine <em>europäische</em> Debatte über einen gemeinsamen Raum des digitalen Austauschs.</p>



<p>Die elektronische Gesundheitsakte sei mit dem System ELGA in den österreichischen Krankenhäusern bereits flächendeckend eingeführt, was Laborbefunde, Radiologie, Entlassungsbrief und Medikationsplan angehe. Denn die Polypharmazie, die gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten mit ihren unklaren Wechselwirkungen, sei heute der größte Killer nach Krankenhausinfektionen. Hier sei die Bündelung aller Daten unerlässlich. „Wir sind euch weit voraus, meine lieben Freude und Freundinnen aus Deutschland“, schloss der Österreicher humorvoll provokant: „Sie sind eine digitale Wüste, geben Sie Gas!“</p>



<p>Der Schweizer <strong>Martin Rüfenacht</strong> von der Interessengemeinschaft IG eHealth schloss sich seinem Vorredner an. Die Schweiz habe eine solide Ausgangslage bei der Digitalisierung: breite Autobahnen. Man brauche nicht so sehr Richtlinien, sondern eine sehr gute Infrastruktur.</p>



<p><strong>Hans-Peter Bursig</strong> vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) fragte: „Warum muss man einen Arztbrief austauschen, warum sprechen die Systeme nicht miteinander?“ Es gebe hierzulande 220.000 niedergelassene Ärzte: „Es muss klar sein, was darf wer? In drei bis vier Jahren redet niemand mehr von Akten, sondern von selbstkommunizierenden Systemen. Mit diesen Versorgungsdaten kann man auch forschen.“ <br><br></p>



<p><strong>Professionelle Gesundheits-Apps</strong></p>



<p>Nicht nur um die großen digitalen Strukturveränderungen im Gesundheitswesen ging es, um Datensicherheit und wer auf welche Weise Zugriff auf Gesundheitsdaten haben solle. Es sprengt den Rahmen, hier nur annähernd die Vielfalt aller Themengebiete wieder zu geben. Als Beispiele von „Best Practice“ stellten drei Startup-Unternehmen ihre innovativen Gesundheits-Apps vor, die in Zusammenarbeit mit MedizinerInnen entwickelt worden waren. Gerade in Zeiten von Ärztemangel ein wertvoller Baustein zur Selbsthilfe. Darunter war „Kaia“ von <strong>Moritz Philipp Weisbrodt</strong>, die erste Medizin-App, mit der NutzerInnen ihre Rückenschmerzen mit einem individuell zugeschnittenen Trainingsplan selbst zu Hause behandeln können.</p>



<p><strong>Kristina Wilms</strong> lebt selbst mit einer Depression und wollte nicht länger Opfer ihrer Erkrankung sein. Auf dem Hintergrund ihrer eigener Erfahrung entwickelte sie „Arya“: Die App soll Betroffenen dabei helfen, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Sie wird in Verbindung mit professioneller therapeutischer Behandlung eingesetzt und soll psychisch Erkrankten helfen, Verhaltensmuster und Emotionen zu kontrollieren, ihr Leben dadurch zu verbessern, die Wartezeit zwischen den Behandlungsterminen zu überbrücken oder um im Anschluss an eine Therapie Rückfälle zu vermeiden.</p>



<p><strong>David Schärf</strong>von der OneLife Health GmbH aus Hamburg zeigte die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete App „Femisphere“ für Mütter in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr ihres Kindes. Die App solle ein intelligentes Tagebuch sein, evidenzbasierte medizinische Hinweise geben und sich auch mit einer Zusatzfunktion mit Hebammen und ÄrztInnen vernetzen können. Ein digitaler Mutterpass sei integriert, Ultraschallbilder könnten aufs Smartphone übertragen werden. Durch die einfache Dokumentation der Selbstbeobachtung seien die Informationen für Hebammen und ÄrztInnen wertvoll und könnten auch in die Gesundheitsakte übertragen werden.</p>



<p>Gerade werde die Integration der Hebammenbetreuung in die App weiter entwickelt. Beispielsweise sei eine Videosprechstunde geplant. Die Entwickler kooperierten mit Unicef und der WHO, mit Hebammen, ÄrztInnen, Kliniken und Versicherung, um die App mit dem medizinischen Alltag zu vernetzen. Rund um die Uhr solle so Fachwissen für die NutzerInnen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig solle es Spaß machen, die App zu nutzen. <br><br></p>



<p><strong>Finden Hebammen frühzeitig den Anschluss?</strong></p>



<p>Es war eine aufregende Tagung, in der die rasanten technischen Entwicklungen mit ihren Problemen hervorragend präsentiert wurden. Auch das Potenzial dieses enormen Marktes wurde deutlich und damit Fragen von Macht und Wirksamkeit. Ob der vergleichsweise kleine Berufsstand der Hebamen, der weiterhin mit drängenden wirtschaftlichen Problemen in Anspruch genommen ist – mit dem Umstieg in die Akademisierung und damit, die mangelhafte Versorgung sicherzustellen – hier schon in den Startlöchern steht und angemessen auf die Zukunft vorbreitet ist?</p>



<p>Wann werden die Hebammen einen Heilberufsausweis und mit diesem goldenen Schlüssel den Zugang zu den medizinischen Daten der von ihnen betreuten Frauen haben? Sie sind ein Wissenspool, der interprofessionellen Austausch ermöglicht – sofern die NutzerInnen der Gesundheitsleistungen es wünschen. Aus dieser Kommunikation sind Hebammen bislang ausgeschlossen – wie auch zwei Millionen anderer Mitglieder von Gesundheitsberufen, darunter die Pflege.<br><br></p>



<p><strong>Die Autorin</strong></p>



<p><strong>Katja Baumgarten</strong> ist seit 1981 Hebamme und war sowohl in der Klinik wie auch 25 Jahre lang in der Hausgeburtshilfe tätig. Sie studierte und unterrichtete bildende Kunst und Film an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und hat mehrere Dokumentarfilme veröffentlicht, darunter „Geburt im Sommer“ und „Mein kleines Kind“. Seit 2000 gehört sie zum Redaktionsteam der DHZ.<br><br><a href="http://www.katjabaumgarten.de/">www.KatjaBaumgarten.de</a></p>



<p>&nbsp;</p>



<p><strong>Links</strong></p>



<figure class="wp-block-embed"><div class="wp-block-embed__wrapper">
https://www.sv-veranstaltungen.de/fachbereiche/digital-health/
</div></figure>



<p>Der Kongress: Eckdaten und Programm</p>



<p>www.gematik.de</p>



<p>Die gematik – Gesellschaft für Telematik-Anwendungen der Gesundheitskarte mbH – eine Organisation, gegründet 2005 von den Spitzenverbänden der Leistungserbringer und Kostenträger des deutschen Gesundheitswesens</p>



<p>www.elga.gv.at</p>



<p>Die Österreichische Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) www.de.onelife.me</p>



<p>femisphäre – App für die Schwangerschaft und das erste Jahr nach der Geburt für Nutzerinnen und ihre Hebammen und ÄrztInnen</p>



<p>www.kaia-health.com</p>



<p>Kaia – App zur Selbsthilfe für ein Leben ohne Rückenschmerzen, digitale Rückenschmerztherapie mit persönlichem ganzheitlichen Trainingsprogramm</p>



<p>www.aryaapp.co</p>



<p>Arya – App für Menschen mit seelischen Erkrankungen als Ergänzung zur professionellen Therapie, gleichzeitig auch für TherapeutInnen<br><br></p>



<p><strong>Der elektronische Heilberufeausweis</strong></p>



<p><strong>Das Gegenstück zur Chipkarte der Versicherten</strong><br>Der elektronische Heilberufeausweis (eHBA) ist für den elektronischen medizinischen Informationsaustausch und als Teil der <a href="http://www.arztwiki.de/wiki/Telematik">Telematik-Infrastruktur</a> für das deutsche Gesundheitswesen zwingend. Die Chipkarte als Berufsausweis für ÄrztInnen und ApothekerInnen ist das Gegenstück zur elektronischen <a href="http://www.arztwiki.de/wiki/Gesundheitskarte">Gesundheitskarte</a> der Versicherten und soll mit einer qualifizierten Signatur den Datenschutz garantieren. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Freigeist mit Reibungsfläche</title>
		<link>https://viktoria11.de/freigeist-mit-reibungsflaeche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Nov 2017 23:00:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Eldering]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[ Der Geburtshelfer und Frauenarzt Dr. Gerd Eldering prägte im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg und darüber hinaus seit Anfang der 1980er Jahre neue Wege in der Geburtshilfe. Der Wunsch der Frau und ihrer Familie und das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung standen für ihn im Mittelpunkt bei allen Neuerungen. Ein Nachruf. „Der Moment, in dem Mutter<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/freigeist-mit-reibungsflaeche/"><span class="screen-reader-text">"Freigeist mit Reibungsfläche"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p> <strong>Der Geburtshelfer und Frauenarzt Dr. Gerd Eldering prägte im Vinzenz Pallotti Hospital in Bensberg und darüber hinaus seit Anfang der 1980er Jahre neue Wege in der Geburtshilfe. Der Wunsch der Frau und ihrer Familie und das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung standen für ihn im Mittelpunkt bei allen Neuerungen. Ein Nachruf.</strong></p>



<p>„Der Moment, in dem Mutter und Kind sich zum ersten Mal in die Augen sehen, ist ein besonderer, schützenswerter ‚Augenblick’“, schrieb der Frauenarzt und Geburtshelfer Dr. Gerd Eldering 2004 in einem Artikel für die DHZ. „Beide sollten jetzt nach Möglichkeit nicht getrennt werden. Um dem Säugling den Übergang in die Arme seiner Eltern zu erleichtern, tun wir alles, um auf seine empfindlichen Sinne Rücksicht zu nehmen: Wir legen das Kind auf ein angewärmtes dunkelrosa Tuch zwischen die Beine seiner Mutter. Nach der Geburt sind wir Geburtshelfer – Hebammen und Ärzte – nur noch Beobachter. Wir fassen das Kind nicht an. Der erste Berührungskontakt kommt von den Eltern. Das auf dem Tuch liegende Kind kann dann von seiner Mutter, seinem Vater aufgenommen und angenommen werden. So können alle drei nach und nach Kontakt miteinander aufnehmen und ein Familiengefühl entwickeln. Das Licht ist gedämpft, es wird, wenn überhaupt, leise gesprochen. Wir wollen in unserer emphatischen Vorstellung dem Kind ermöglichen, sanft und langsam in diese Welt einzutreten. Damit die Mutter es wirklich annimmt und damit die Verantwortung für ihr Kind übernimmt, warten wir, bis sie es selbst hochhebt und an ihre Brust legt: eine Geste des Beschützens.“ (siehe DHZ 3/2004, Seite 44ff.)</p>



<p>Als Gerd Eldering 1980 als Leiter der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospitals (VPH) nach Bensberg gekommen war, stand seine Abteilung mit 200 Geburten pro Jahr kurz vor der Schließung. Gemeinsam mit den Hebammen und ÄrztInnen reformierte er das bis dahin schulmedizinische Konzept mehr und mehr, indem er Elemente der „alternativen“ Geburtshilfe einfließen ließ. Diese waren inspiriert von Frédérick Leboyer, Michel Odent, Sheila Kitzinger und vielen, die sich aus unterschiedlichen Richtungen dem Gedanken einer humanen Geburtshilfe mit einem glücklichen Start für das Neugeborene und einer gelungenen Eltern-Kind-Bindung verschrieben hatten.</p>



<p>Beeinflusst von den 68ern, hatte er den Erneuerungswillen, persönlich auch das Rückgrat, die Gabe zu Überzeugen und die Durchsetzungskraft, den Zeitgeist der Frauen- und Gesundheitsbewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre aufzunehmen und dem restriktiven Routinebetrieb der konventionellen Kliniken entgegenzusetzen. Bensberg wurde weit über die Region hinaus bekannt als Vorreiter bei vielen Innovationen, darunter auch allerlei technischen Entwicklungen. Im Zentrum stand die menschliche Haltung gegenüber der Frau, dem Kind und der Familie.<br><br></p>



<p><strong>Die Wünsche der Frau als Richtschnur</strong></p>



<p>„Immer auf Augenhöhe mit der gebärenden Frau“, lautete eine der Grundregeln, die Eldering sich mit seinem Team zu Eigen machte. Das war durchaus wörtlich zu nehmen: Wenn eine Frau ihr Kind in der Hocke zur Welt brachte, hatten sich alle im Raum auf ihre Höhe zu begeben – ohne Ausnahme. „Wenn ich reinkomme, klopfe ich. Dann warte ich einen Moment und erst wenn die gebärende Frau ‚herein’ sagt, komme ich rein. Das verstehe ich unter ‚Bewahrung der Privatsphäre‘. Das erhält den Frauen beziehungsweise den Familien die Stärke“, erläutere er einmal seine Haltung. (Baumgarten 2005)</p>



<p>„Wir hielten es für wichtig, dass Frauen ihre eigenen Kräfte unter der Geburt haben und behalten. Wir haben nur da eingegriffen, wo es medizinisch unbedingt notwendig war.“ Das Handwerk zur Entwicklung einer spontanen Beckenendlagengeburt oder die Leitung von Mehrlingsgeburten beherrschten er und die ÄrztInnen in seinem Team. Zum Dogma erhob er die natürliche Geburt nicht: „Wir haben natürlich auch respektiert, dass Frauen Schmerzmittel unter der Geburt wollten, wie zum Beispiel die Leitungsanästhesie. Wir waren eine der ersten Kliniken, die auch den Kaiserschnitt in Leitungsanästhesie durchführten.“ (babyportal.de)</p>



<p>Eldering setzte sich konstruktiv mit ungewöhnlichen Wünschen der Frauen auseinander. So konnten ab 1982 die Frauen auch Wassergeburten wählen, was zu der Zeit unter GeburtshelferInnen hoch umstritten war. „Wir haben Literaturstudium betrieben und sind in andere Zentren gefahren, wo in Europa bereits Wassergeburten üblich waren, beispielsweise nach Moskau“, schilderte er einmal die Anfänge. In Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelte er damals ein wasserdichtes CTG-System, mit dem auch in der Wanne die kindlichen Herztöne und die Wehen abgeleitet und überwacht werden konnten. Er führte die Diskussion in Fachkreisen mit seiner Studie über die ersten 1.000 Wassergeburten in Bensberg mit positivem Outcome: Sie zeigte, dass Wassergeburten unter den dort festgelegten Bedingungen nicht gefährlicher waren als Geburten außerhalb des Wassers, jedoch zu weniger Geburtsverletzungen und Dammschnitten führten. Bis zu seinem Ausscheiden wurden dort 3.500 Kinder im Wasser geboren.</p>



<p>Als erster in Deutschland führte Gerd Eldering 1995 die damals innovative Sectio-Operationstechnik nach Misgav-Ladach ein. Das Team hatte sie beim Besuch in Jerusalem im familienfreundlichen, fortschrittlich eingestellten Misgav-Ladach-Hospital beim dortigen Chefarzt Dr. Michael Stark kennengelernt – als eher zufälligen Nebeneffekt des Besuchs.</p>



<p>In der Wochenstation in Bensberg wurden Familienzimmer eingerichtet: Die Mutter, der Vater, das Neugeborene und gegebenfalls auch Geschwisterkinder blieben so zusammen und es war selbstverständlich, dass alle Familienmitglieder am Morgen- und Abendbuffet mit versorgt wurden.</p>



<p>Für Kinder, die nach der Geburt eine Phototherapie brauchten, konstruierte er ein spezielles Bett, Bilarium genannt, in dem sie an der Brust der Mutter liegen konnten und nicht von ihr getrennt werden mussten.<br><br></p>



<p><strong>Reformen im Umgang mit frühen Verlusten</strong></p>



<p>Frühzeitig reformierte er die Betreuung von Müttern, die ein intrauterin verstorbenes Kind zur Welt brachten. „Man glaubte uns zunächst einfach nicht, dass die Eltern sich das Kind ansehen, es berühren und es selbst anziehen sollten“, beschrieb er einmal den Widerstand betroffener Eltern, als diese Begleitung zum Abschied noch nicht üblich war. In solchen Situationen habe er auf das blinde Vertrauen der Frauen in ihn als Arzt gesetzt: „Glauben Sie mir, es ist so. Ich habe mich schon lange damit auseinandergesetzt. Ich weiß es, dass es gut für Sie ist!“</p>



<p>In seiner Facharztausbildung hatte er in den 1970er Jahren das Gegenteil gelernt: „Wir haben in unserer Ausbildung eigentlich nur die Geburt gelernt als organischen Vorgang und nicht als psychisches Erleben von Eltern“, beschrieb er es einmal: „Das heißt, wir mussten dafür sorgen, medizinisch gesehen, dass der tote Fötus so schnell aus der Mutter herauskam, wie nur eben möglich. Wir meinten, Mütter schonen zu müssen und zu können, dadurch, dass wir sie nicht zu sehr mit dem Tod konfrontierten. Wir haben deswegen Tücher gespannt, damit die arme Mutter nicht ihr totes Kind sehen musste.“ (www.veit.de)</p>



<p>Ein Novum war auch ein kleiner Friedhof im Park des Krankenhauses, wo Eltern ihre kleinen Kinder bestatten konnten, die sie als Fehlgeburt verloren hatten und die zu jener Zeit als „Abortmaterial“ normalerweise noch im Klinikmüll entsorgt wurden. Eldering widersetzte sich der barbarischen Sprache im routinierten Medizinbetrieb: „Abort ist für mich ein WC im Zug“, konnte er sich erregen, ebenso bei Begriffen, wie „Geburtskanal“, „Vaginalrohr“, „Blasensprengung“, „Austreibungsperiode“, „Skalpelektrode“, „Geburtsobjekt“ oder „Milcheinschuss“. Von Ungeborenen sprach er grundsätzlich als Kinder, unabhängig von ihrem Entwicklungsstand und wenn sie auch noch so winzig klein waren.<br><br></p>



<p><strong>Hebammenschule gegründet</strong></p>



<p>Zum besonderen Ruf des familienorientierten „Bensberger Modells“ der Geburtshilfe trug nicht zuletzt die staatliche Hebammenschule bei, die Gerd Eldering 1989 zusammen mit der Hebamme Sabine Friese-Berg gegründet und bis zu seinem Ausscheiden von ärztlicher Seite geleitetet hatte.</p>



<p>Schulnoten zählten für ihn nicht vorrangig bei der Auswahl der Hebammenschülerinnen. Nicht ohne Stolz bekannte er gerne, dass er selbst sein Abitur mit der Durchschnittsnote 4 bestanden hatte: „Das war schwerer, als ein gutes Abi zu schaffen.“ Als Freigeist war er als junger Mensch in ständiger Rebellion gegen die Autorität seiner Lehrer gewesen. Ihren Gegenwind und sein minimalistisches Engagement hatte er als gekonnten Drahtseilakt in seinen Noten ausbalanciert. Bewerberinnen für die Hebammenschule habe er immer gefragt, wofür sie sich besonders interessierten – über ihren Berufswunsch Hebamme hinaus. „Haben Sie Ihr Instrument dabei?“, fragte er einmal eine Anwärterin aus Bayern, die ihm erzählt hatte, sie spiele auf dem Hackbrett, einer besonderen Art der Zither. Die junge Frau habe es aus dem Auto geholt und ihn mit ihrem Spiel beeindruckt – sie bekam eine Zusage.</p>



<p>Als Chefarzt war er zuweilen schwer gelitten, eine Reibungsfläche, an der sich alle im Team auch abarbeiten mussten, gestand er selbstkritisch ein, mit gleichzeitiger Anerkennung für das Hebammenteam: „Ich habe die Hebammen damit stark gemacht. Sie sind es, die die Geburtshilfe in Bensberg unverändert hochhalten.“</p>



<p>Als Gerd Eldering 2003 seine Tätigkeit als Chefarzt niederlegte, war er 23 Jahre lang Leiter der Frauenklinik am Vinzenz Pallotti Hospitals (VPH) in Bensberg gewesen mit der Zusatzqualifikation „Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin“, viele Jahre als Mitglied der Betriebsleitung sowie als Ärztlicher Direktor des VPH. Mehr als 1.500 Kinder kamen am Ende seiner Zeit jährlich zur Welt. Insgesamt wurden dort an die 30.000 Kinder unter seiner Verantwortung geboren. <br><br></p>



<p><strong>Geburtshilflicher Neuanfang?</strong></p>



<p>„Wir haben in unserer geburtshilflichen Abteilung mit dem, was wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, das erreicht, was man erreichen konnte“, erklärte er damals sein Ausscheiden. Die fünf Jahre bis zu seiner Pensionierung einfach so weiterzumachen, sei ihm nicht genug gewesen: „Ich hatte die Vision, gegebenenfalls noch einmal die Geburtshilfe im Krankenhaus komplett umzustrukturieren und ein neues System in das Krankenhauswesen zu implementieren.“ Seine Idee sei gewesen: Frauen ohne Risiko für ihre Geburt sollten nicht unbedingt in der Klinik, „sondern entweder zu Hause oder in einem Geburtshaus gebären – das idealerweise in oder an der Klinik angesiedelt wäre, um Transportwege zu vermeiden und um sofortige medizinische Hilfe zur Verfügung zu haben. Durch eine gemeinsame Untersuchung durch Hebamme und ÄrztIn und der gemeinsamen Beurteilung nach medizinischen Gesichtspunkten sollte darüber zusammen mit der Frau entschieden werden. Mit diesem Konzept könnten Kosten gespart werden und für Frauen, die eine High-Risk-Geburt erwarteten, wäre dadurch eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch die Hebammen und Ärzte zu finanzieren.“</p>



<p>Ein geburtshilflicher Neuanfang ließ sich damals nicht realisieren, weil er keine Partner fand, die sein Konzept als Modell-Projekt umsetzen wollten. In der Zeit seien die Geschäftsführungen und die Verwaltungen der Krankenhäuser stattdessen mit der Einführung von Qualitätsmanagement und Fallpauschalen absorbiert gewesen. (Baumgarten DHZ 5/2005, Seite 16ff.)</p>



<p>Seine andere Begründung für den Abschied war vorausschauend: „Der Konkurrenzkampf in der Medizin wird immer größer – Stellen werden abgebaut, weil sie nicht mehr zu finanzieren sind. Der Zwang zur Kostensenkung bescheidet immer mehr die freie Tätigkeit im Krankenhaus. Die Verwaltungstätigkeit nimmt enorm zu und geht bei der Betreuung verloren. Es gibt kein Polster mehr, dass man jemandem einmal etwas Gutes tut. Wir werden bald einen eklatanten Hebammen- und Ärztemangel haben – das macht bald keiner mehr mit. Hebammen werden immer mehr von dem Eigentlichen, von der Geburtshilfe abgezogen. Und wenn sie da abgezogen werden, ist das sicher nicht der Gesundheit der Geburtshilfe dienlich.“ (Baumgarten DHZ 3/2004, Seite 2</p>



<p>Natürlich arbeitete er weiter: Im Fortbildungszentrum Bensberg, das er 1993 mit Sabine Friese-Berg und der Physiotherapeutin Annemie Hoppe gegründet hatte, engagierte er sich weiterhin. Auch in der Hebammenschule unterrichtete er noch lange. Bis zu seinem Lebensende führte er auch das von ihm gegründete Zytologische Institut und beriet in seiner Dysplasie-Sprechstunde Frauen mit auffälligen Befunden.</p>



<p>Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Projekten und Initiativen. Beispielsweise setze er sich gemeinsam mit Donum Vitae, wo er zehn Jahre lang im Vorstand tätig war, für die Verbesserung von Müttern im Gefängnis ein. Die Frauen mussten dort teilweise unter unwürdigen Bedingungen in Handschellen ihre Kinder zur Welt bringen und wurden gleich von ihnen getrennt. <br><br></p>



<p><strong>Geburt mitten im Krieg</strong></p>



<p>Gerd Eldering war selbst mitten im Krieg geboren worden, am 6. Juni 1943 in der Privatklinik seiner Eltern in Köln. Sein Vater hatte dort als Frauenarzt und Geburtshelfer, seine Mutter als Kinderärztin gearbeitet. Die Familie wohnte auch dort. Kurze Zeit später wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff zerstört. Nicht nur sein Großvater kam dabei ums Leben – auch alle Neugeborenen und ihre Mütter starben im Luftschutzkeller der Klinik. Er überlebte, weil seine Mutter sich am Tag zuvor mit ihrem Neugeborenen zu Verwandten ins Bergische Land in Sicherheit gebracht hatte. Ihn beschäftigte das sein Leben lang.</p>



<p>Vielleicht war es dieser Lebensanfang in einer traumatischen, maximal gefährdeten Zeit, der ihn mit der lebenslangen unerschöpflichen Energie versehen hatte, die Geburtshilfe menschlicher zu machen und die Bindung zwischen dem Kind und seiner Familie in den Mittelpunkt zu rücken. Im Vinzenz-Pallotti Hospital fand Jahr für Jahr eine viel beachtete Tagung unter dem Motto der Geburtshilfe in Bensberg statt: „Gebären in Sicherheit und Geborgenheit“. Dorthin lud er namhafte Experten zum Austausch ein, die dazu neue Gedanken beizusteuern hatten.</p>



<p>In den vergangenen zwei Jahren hatte sich Gerd Eldering erneut mit einer schweren Erkrankung auseinanderzusetzen. Bei allen Herausforderungen, die ihm das abverlangte, verlor er bis zum Schluss nicht die Schaffenskraft für neue Projekte, seinen Unternehmungsgeist und seinen Ideenreichtum. Fast schien es manchmal, als spornte ihn die bewusst gespürte Endlichkeit der eigenen Existenz in seinem Tatendrang umso mehr an, seine Anliegen umzusetzen, neue Fäden zu spinnen oder Strippen zu ziehen, etwas zu hinterlassen und auch Beziehungen zu klären.</p>



<p>Sein lebenslanges Motto als Geburtshelfer erfüllte sich für ihn selbst an seinem Lebensende. Gerd Eldering starb am 13. Oktober zu Hause im Kreis seiner Familie – in Sicherheit und Geborgenheit. „Ich habe keine Angst“, hatte er noch kurz vor seinem Tod gesagt. In seinem ganzen Leben hatte er bestimmt und organisiert – und auch darüber hinaus. Wie er es gewünscht hatte, wurde er in seinem Haus aufgebart. Viele Menschen nutzten die Gelegenheit, sich dort in den Tagen nach seinem Tod von ihm zu verabschieden. <strong><br></strong></p>



<p>Es war bewegend zu hören, wie viele BesucherInnen außer ihrer Hochachtung und den inspirierenden, verbindenden und stärkenden Erlebnissen mit ihm auch von seinen unbequemen Seiten, von Grenzüberschreitungen, Enttäuschungen und Verletzungen erzählten. Es sprach für ihn und zeigte den Geist seiner Beziehungen, dass dies unter seinem Dach so ausgesprochen werden konnte. Die Verbundenheit ist geblieben.<br><br></p>



<p><strong>Quellen</strong></p>



<p>Baumgarten, K.: Editorial, DHZ 03/2004 S.3</p>



<p>Baumgarten, K.: Nur Zuwendung hat Zukunft, DHZ 05, 2005</p>



<p>Effing, I. und Mai, A.<strong>:</strong> Stille Geburt im Kreißsaal, DHZ 07/2003 S.7 ff.</p>



<p>Eldering, G.: Sicher und geborgen, DHZ 03/2004</p>



<p>Eldering, G.: Geburtshaus im Krankenhaus, DHZ, 11/2004</p>



<p>Eldering, G. et al. in Schneider Husslein Schneider: Die Geburtshilfe, Springer, Wassergeburt S. 998 ff.</p>



<p>www.babyportal.de http://www.babyportal.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=8&amp;Itemid=124 (letzter Zugriff 6.11.17)</p>



<p>www.veid.de (letzter Zugriff 6.11.17)<br><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aus der Tabuzone holen</title>
		<link>https://viktoria11.de/aus-der-tabuzone-holen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Oct 2017 23:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[Psychische Erkrankungen]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Kommentar von Katja Baumgarten Kürzlich erzählte mir eine Freundin – eine belastbare Familienmutter und Ärztin – wie sie einmal mit einer privaten Krankenversicherung telefoniert hatte. „Wir versichern doch kein brennendes Haus!“, begründete ein Mitarbeiter am anderen Ende salopp, warum ihr Anliegen abgelehnt worden war. Irgendwann Jahre zuvor hatte sie Psychotherapie in Anspruch genommen. Noch<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/aus-der-tabuzone-holen/"><span class="screen-reader-text">"Aus der Tabuzone holen"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Ein Kommentar von Katja Baumgarten</strong></p>



<p>Kürzlich erzählte mir eine Freundin – eine belastbare Familienmutter und Ärztin – wie sie einmal mit einer privaten Krankenversicherung telefoniert hatte. „Wir versichern doch kein brennendes Haus!“, begründete ein Mitarbeiter am anderen Ende salopp, warum ihr Anliegen abgelehnt worden war. Irgendwann Jahre zuvor hatte sie Psychotherapie in Anspruch genommen. Noch heute stecke ihr diese Demütigung in den Knochen.</p>



<p>Situationen wie diese tragen dazu bei, seelische Erkrankungen zum Tabu zu machen. Psychisch erkrankten Müttern kann die Scham, nicht dem landläufigen Bild der glücklichen Mutter zu entsprechen, zum Verhängnis werden. Die Dunkelziffer betroffener Frauen, deren Krankheit nicht oder nicht frühzeitig erkannt wird, ist enorm. Dramatisch können die Folgen sein, wenn Hilfe zu lange ausbleibt. Suizid gehört zu den häufigsten Gründen für Müttersterblichkeit in westlichen Ländern. Eine seelisch kranke Mutter kann durch rechtzeitige Therapie vor einer Ausweitung ihrer Erkrankung bewahrt und ein ganzes Familiengefüge wieder stabilisiert werden. Ihrem Kind wird damit viel Not im weiteren Leben durch einen wenig glücklichen Bindungsaufbau am Anfang erspart.</p>



<p>Hebammen sitzen hier in einer Schlüsselposition, frühzeitig Hilfe anzubahnen. Doch auch sie erkennen häufig nicht die feinen Signale oder vermeiden ein klares, offenes Wort – vielleicht aus Sorge, die betreute Frau selbst mit vermeintlicher Stigmatisierung zu belasten – und werden damit auch zu Akteurinnen in dieser Tabuzone.</p>



<p>Die Tagung „Psychische Erkrankungen in Schwangerschaft und nach der Geburt“ im vergangenen Jahr in Bern (siehe DHZ 4/16) hat mir den Anstoß gegeben, dieses hochrelevante, vernachlässigte Thema der Müttergesundheit wieder aufzugreifen. Die Hebamme und Pflegewissenschaftlerin Eva Cignacco Müller und ihr Team hatten unterschiedliche Disziplinen zusammengebracht. Besonders beeindruckt war ich von der Aufbruchsstimmung und wie emotional aufgeladen eine wissenschaftliche Tagung sein kann: Durch die verschiedenen Blickwinkel der Fachleute, die ihr Wissen hier teilten, potenzierte sich die Empfindung für die oft unerkannte Not und den enormen Handlungsbedarf einerseits und die große Chance für Familien andererseits, wenn frühzeitige Hilfe und Heilung möglich wird. Nur mit gebündelten Kräften in einem tragfähigen Netz kann es gelingen, den Frauen rechtzeitig zur Seite zu stehen – und durch eine offene gesellschaftliche Diskussion. Es sind die Fachleute, die den Stein ins Rollen bringen müssen.</p>



<p></p>



<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;</title>
		<link>https://viktoria11.de/fuer-mich-war-er-ein-meister/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Aug 2017 22:00:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Frédérick Leboyer]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://wp.hausgeburt.de/?p=56</guid>

					<description><![CDATA[&#160; Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/fuer-mich-war-er-ein-meister/"><span class="screen-reader-text">"&#8222;Für mich war er ein Meister&#8220;"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>&nbsp;</p>



<p><strong><em>Der Geburtshelfer Frédérick Leboyer ist am 25. Mai 2017 im Alter von 98 Jahren in der Schweiz gestorben. Auf ihn geht die Idee der „sanften Geburt“ zurück, mit der er die Sicht auf die Geburt Mitte der 1970er Jahre revolutionierte. Die Hebamme Sybille Berresheim hat mit ihm zusammengearbeitet, viel von ihm gelernt und ihn auch privat gut gekannt.</em> </strong></p>



<p><strong><em>Katja Baumgarten: Sie kannten den Geburtshelfer Frédérick Leboyer über viele Jahre sehr persönlich. Wie haben Sie ihn kennen gelernt </em></strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim: </strong>1985 habe ich Frédérick Leboyer in Freiburg bei seinem ersten Seminar in Deutschland „Atmen und Singen“ kennen gelernt. Gehört hatte ich von ihm lange vorher: 1975, als ich 16 Jahre alt war, wurde sein Film „Geburt ohne Gewalt“,„Naissance“ wie er auf französisch heißt, im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Kurz zuvor hatte ich noch vor meiner Hebammenausbildung meine erste Geburt ganz „klassisch“ miterlebt. Seine Gedanken waren damals etwas völlig Neues. Ich habe dann seine Bücher gelesen. Schon zu Anfang meiner Hebammenschulzeit, die ich 1981 begann, waren seine Ideen für mich sehr wichtig. 1985 hatte ich mich gerade als Hebamme selbstständig gemacht. In dem Seminar habe ich seinen Film „Das Fest der Geburt“ gesehen und war sehr beeindruckt. Wir sind dann näher in Kontakt gekommen, weil ich Französisch spreche. Kurz darauf habe ich ihn in Deutschland als Übersetzerin bei Kongressen und Seminaren begleitet.</p>



<p><strong><em>Ich habe Frédérick Leb</em></strong><strong><em>oyer nur einmal gesehen, 1980 als Hebammenschülerin: Er zeigte seine Filme „Naissance“ und „Shantala“ und sprach in einem vollbesetzten Veranstaltungssaal vor 2.000 Menschen. Jedes seiner Worte traf mich ins Herz, insbesondere weil ich in der Hebammenschule damals sehr unglücklich war, wie wir die Neugeborenen behandeln mussten. Von MedizinerInnen soll er aber angegriffen und verlacht worden sein. </em></strong></p>



<p>Sein Film „Naissance“ löste in medizinischen Kreisen immer große Aufregung und Widerstand aus. Manchmal gab es heftige Diskussionen. Zum Beispiel kritisierten die Kinderärzte, wie man ein Kind nach der Geburt so röcheln lassen könne, ohne abzusaugen.</p>



<p>Wenn er damals nach Deutschland kam, haben wir uns getroffen. Kurze Zeit später bin ich in den Südosten von Frankreich gezogen. Er wohnte in London und verbrachte viel Zeit in Indien bei einem indischen Lehrmeister.</p>



<p>In Frankreich hatte er nicht mehr viele Kontakte zu Medizinern. Nach seinem ersten Buch und seinem Film, die in Frankreich abgelehnt wurden, hatte er damals sein Arzt-Diplom niedergelegt und war nach England gegangen. Seitdem nannte er sich nicht mehr Arzt, sondern Schriftsteller.</p>



<p>Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, habe ich ihn bei einem Kongress wiedergetroffen. Er hat gleich begonnen mit mir zu singen, also zu tönen. Von da an haben wir uns regelmäßig gesehen. Er kam oft zu uns nach Hause und ich habe dann mit ihm Seminare zum „Atmen und Singen“ organisiert.</p>



<p><strong><em>Hat er dan</em></strong><strong><em>n auch bei Ihnen gewohnt?</em></strong></p>



<p>Ja. Von 1992 bis 2012 war er regelmäßig ein- oder zweimal im Jahr bei uns in Frankreich zu Besuch und hat Seminare abgehalten. Danach habe ich ihn ab und zu besucht. Ich war auch vergangenes Jahr am 1. November zu seinem 98. Geburtstag noch bei ihm. Körperlich nahmen die Einschränkungen irgendwann zu. Bis er 90 war, sogar bis 94, war er noch sehr fit. Nach einem leichten Infarkt hat er kein Tai Chi mehr gemacht und hatte etwas Gleichgewichtsstörungen. Nach einer Krankheit ist er dann im Mai gestorben.</p>



<p>Sein Tod wurde hier in Frankreich nicht besonders gewürdigt. Es gab keinen großen Nachruf in den Tageszeitungen – bis auf eine kleine Würdigung in <em>Le Monde</em> ((kursiv)). Freunde aus Deutschland haben mich angerufen, die die Todesanzeigen in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung ((kursiv)) </em>und in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> ((kursiv)) gesehen hatten.</p>



<p><strong><em>Sie erfuhren von seinem Tod durch</em></strong><strong><em> die Anrufe? </em></strong></p>



<p>Nein. Ich bin mit Mieko, seiner Frau, in Kontakt. Sie hatte mich am Tag vorher darauf vorbereitet, dass es zu Ende geht. Ich hatte ihn dann noch kurz am Telefon. Nach seinem Abschied hat sie mich direkt angerufen.</p>



<p><strong><em>Welche Bedeutung hatte Leboyer für Sie?</em></strong></p>



<p>Für mich war er eine Art Meister. Ich war damals, als wir uns kennen lernten, eine junge Hebamme und hatte mich gerade selbstständig gemacht. Ich war selbst in dieser Zeit mehrere Male in Indien gewesen und habe ihn gefragt: „Können Sie nicht mein Meister sein?“ Das wollte er nicht. Trotzdem habe ich ihn immer als meinen Meister empfunden.</p>



<p>Was ich von ihm gelernt habe, hat genau in diese Phase gepasst. Ich musste nicht mehr die Bedingungen in einem Kreißsaal erfüllen, sondern konnte eine Geburt anders begleiten und die neugeborenen Kinder in den Familien begrüßen.</p>



<p>Frédérick Leboyer war eine Vaterfigur für mich. Wir haben viel über Geburt und Tod gesprochen. Und wie weit die Frauen bei der Geburt gehen können – sich trauen oder eben nicht. Er sagte zwar immer: „Ich als Mann dürfte eigentlich nicht dabei sein“, gleichzeitig konnte er trotzdem nicht loslassen. Er war für mich eine wichtige Figur, obwohl er ein Mann war. Das war schon immer ein Zwiespalt.</p>



<p><strong><em>Ein Zwiespalt – für ihn oder für die anderen?</em></strong></p>



<p>Für ihn vielleicht auch. In Seminaren hat er gesagt: „Eigentlich sollte ich hier nicht sitzen – ich bin ein Mann und habe gar keine Ahnung vom Kinderkriegen.“ Aber trotzdem hat er dann immer gelehrt. Als Meister stand er da und hat den Frauen gesagt, was sie zu tun haben. Zwar mit einer gewissen Sanftheit, aber gleichzeitig auch immer sehr bestimmend.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie das empfunden? Sie sind ja eher eine „frauenbewegte“ Frau &#8230;</em></strong></p>



<p>Da ich ihn als meinen Meister akzeptiert habe, konnte ich das von ihm gut annehmen, obwohl eine Geburt Frauensache ist.</p>



<p><strong><em>Warum haben Sie sich Frédérick Leboyer als Meister ausgesucht?</em></strong></p>



<p>Es war die spirituelle Seite der Geburt, nicht die medizinische – die ist nicht so wichtig. Seine Aussage, dass die Frauen ihren eigenen Weg gehen sollten, dass sie bei sich sein sollen, sich finden sollen, und dass man sie lassen sollte. Und dass wir GeburtshelferInnen, wir Hebammen und die Partner nur im Umfeld um sie herum da sein und sie beschützen sollten auf ihrem eigenen Weg. Durch diesen Sturm hindurchgehen, „traverser la tempête“, hat er immer gesagt – dass die Gebärende eigentlich die Kapitänin ist. Er war der Auffassung, dass man eine Gebärende am besten ganz alleine lässt und nur da ist, wenn sie etwas braucht. So ist es ja heute in der Realität nicht. Die Frauen brauchen relativ viel – sie meinen es zumindest.</p>



<p><strong><em>Die Frauen sind von der Geburtshilfe auf diesen Weg gebracht worden, dass sie ihr Handwerkszeug v</em></strong><strong><em>erloren haben oder sich dessen nicht mehr bewusst sind.</em></strong></p>



<p>Genau. Leboyer hat immer darauf bestanden, dass die Frauen die Werkzeuge für die Geburt ihres Kindes in sich trügen. Dafür wurde er oft angegriffen. Ich bin völlig seiner Meinung. Manche Frauen trauen sich, aber nicht alle. Das muss man erkennen, um den Weg mit ihnen zu gehen. Das zeigte damals schon sein Film „Le sacre de la naissance“, „Atmen und Singen“, der 1982 herausgekommen war. Da hat er die Gebärende über das Singen zu ihrem Urvertrauen gebracht und dann zum Gebären in Ruhe gelassen. Diesen Film fand ich schon immer sehr intensiv. Diese Wellen, die dich überrollen – selbst nach x-maligem Ansehen bekomme ich immer noch Gänsehaut.</p>



<p>Es war diese Botschaft, die mir die Augen geöffnet hat, wodurch ich dann auf meinen Weg als Hebamme gekommen bin. Später – etwa 1992 – hatte ich ein Erlebnis, dass eine Frau, die ich bei ihrer Geburt fragte: „Kann ich etwas für dich tun?“, mir antwortete: „Was willst<em> du</em> ((kursiv)) denn tun,<em> ich</em> ((kursiv)) gebäre doch das Kind.“ Dann ist sie weggegangen auf die Toilette. Ihr Partner und ich, wir standen herum und haben uns gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Sie hat uns dann gerufen, als der Kopf geboren wurde. Für mich war das ein Aha-Erlebnis, was ich als Hebamme bin.</p>



<p><strong><em>Hat die Beschäftigung mit seinen Gedanken, Ihre Begegnungen und Ihre Freundschaft auch Einfluss auf Ihre eigenen Geburten gehabt?</em></strong></p>



<p>Auf die zweite Geburt auf jeden Fall. Vor allen Dingen, weil ich ihn im letzten Drittel der Schwangerschaft noch einmal getroffen hatte. Danach habe ich jeden Tag getönt. Er hatte das in Gang gebracht und es hat mir sehr gut getan.</p>



<p><strong><em>Was ist das Besondere am Tönen?</em></strong></p>



<p>Man beginnt zunächst kurz mit Tai Chi-Übungen. Dann setzt man sich auf einem Stuhl so auf die Sitzbeinhöcker, dass man sie bei jedem Ton spürt. Dabei macht man eine Bewegung vor und zurück. Das Tönen kommt aus Indien. Es wird dort von einer Tampura begleitet, einem Saiteninstrument mit einer typischen Tonalität. Leboyer sagte, wenn jemand auf einer Tampura in der Nähe einer Frau mit Wehen spielt, dann könne ihr das etwas von den Schmerzen nehmen. Auch wenn sie sehr intensive Schmerzen habe, das Tönen würde ihr helfen, nicht ins Leiden zu gehen. Wenn die Gebärmutter auf die Schmerzen mit einem Krampf reagiert, dann wird es schwierig. Aber wenn die Frau da hindurchgehen kann mit Tönen oder auf ihre Art, dann kann sie den Schmerz zum Weitergehen nutzen.</p>



<p>Bei den Seminaren hat Leboyer mit einer klassischen Musikerin aus Südindien gearbeitet. Sie spielte Tampura und gab Gesangsunterricht mit einer speziellen Tonleiter in verschiedenen Tonalitäten und Sanskritwörtern. Das löste bei den Teilnehmerinnen viel aus. Die Frauen waren manchmal ganz aufgelöst, weil bei bestimmten Tönen auch eine bestimmte Stimmung angeregt wird. Es gibt viele verschiedene Tonfolgen, Ragas genannt, beispielsweise eine für den Morgen, eine für den Abend, jeweils eine für verschiedene Stimmungen. Je nachdem trifft dich das dann auch sehr persönlich.</p>



<p>Nach ein paar Jahren hat Frédérick Leboyer mir die Erlaubnis gegeben, seine Arbeit mit dem Atmen und Tönen weiterzuführen.</p>



<p><strong><em>Waren das Kurse für schwangere Frauen?</em></strong></p>



<p>Für Hebammen und Schwangere und auch für Paare. Die Männer hat Leboyer provokativ gefragt: „Was machen Sie denn hier?“ Er war trotzdem froh, dass sie da waren. Einmal war eine Frau dabei, die nicht schwanger war, aber sie interessiert sich. „Sie haben hier nichts zu suchen!“, sagte er da. Er war ziemlich provokativ.</p>



<p>Jetzt biete ich die Kurse zum Atmen und Tönen alle zwei Wochen in meiner Praxis an: Eine halbe Stunde Übungen und eine halbe Stunde Singen, so wie er es gemacht hat. Meistens kommen Schwangere, die ich begleite, die bei meinen Kollegen oder Kolleginnen aus der Region in Betreuung sind. Zu einer Geburt zu gehen, wenn die Frau sich so vorbereitet hat, das ist immer wunderbar.</p>



<p>Wir machen sehr viel mit dem Tönen – alle meine Kolleginnen. Es ist immer so ein tiefes O oder A. Die Frauen lieben das: Sie haben das Gefühl, sie zentrieren sich besser – sie bleiben da. Wenn es einmal schwierig wird, kommt keine Panik hoch.</p>



<p><strong><em>Die Begrüßung des Kindes war ein Ritual, dass damals sehr stark von Leboyer ausging. Ich habe 1981/82 im Kreiskrankenhaus Dachau gearbeitet. Dort wurden die Gedanken von Frédérick Leboyer und Michel Odent sehr früh in die Geburtshilfe einbezogen. Sehr konsequent wurde damals bei jeder Geburt das Baderitual vollzogen: Der Vater badete nach der Geburt sein Kind zusammen mit der Mutter im Dämmerlicht.</em></strong></p>



<p>Ich habe ihn hier einmal mitgenommen nach einer Hausgeburt. Leboyer hat den Eltern erklärt, wie sie ihr Kind halten und wie das Bad am besten durchführen sollten. Ich persönlich mache das nicht mit dem Baden: Die Kinder, die zu Hause kommen, lassen wir in Ruhe. Die Eltern baden ihre Kinder nach den Hausgeburten erst eine Woche später. Aber damals war das Ritual in den Kliniken sicher sehr angebracht.</p>



<p><strong><em>Im Krankenhaus hat es bei allen eine andere Haltung zur Geburt entstehen lassen. Wir haben auch andere seiner Anregungen beachtet, wie die Vorhänge zu schließen, um ein Dämmerlicht zu haben, das Kind nach der Geburt unbedingt erstmal bei seiner Mutter auf dem Bauch zu lassen, erst abzunabeln, wenn die Nabelschnur auspulsiert ist, und uns insgesamt leise zu verhalten. Alles, was zum Glück heute in mehr Kliniken verbreitet ist.</em></strong></p>



<p>Die Bedeutung des Haut-zu-Haut-Kontakts, das Bonding kam erst durch Leboyer ins Bewusstsein. Bei den ersten Geburten, die ich gesehen habe, wurde das Kind an den Füßen genommen und so weggetragen. 1981, als ich meine Hebammenausbildung begonnen habe, da haben wir vielleicht das Kind in ein OP-Tuch gewickelt und der Mutter kurz gegeben – eine Minute lang und das hieß schon die „Methode-Leboyer“. Dann wurde das Kind weggebracht zum Absaugen.</p>



<p><strong><em>Erstaunlich, wie viele Jahre es nach seinem ersten Buch dauerte, bis die Gedanken von Leboyer zaghaft umgesetzt worden sind. Und frappierend, wie lange sich die Unterschiede zwischen den Kliniken immer noch halten – obwohl man die Bedeutung unt</em></strong><strong><em>erdessen genau kennt.</em></strong></p>



<p>Damals ging es noch gar nicht um die Frauen. Er hat sich erst für die Kinder eingesetzt: Warum müssen die Kinder bei der Geburt leiden? Müssen sie leiden oder können sie das auch alles anders erleben? Etwas später hat er sich die gleiche Frage in Bezug auf die Frauen gestellt: Wie kann eine Frau durch die Intensität des Gebärens gehen, aber nicht darunter leiden?</p>



<p><strong><em>Eine befreundete Kollegin hatte ihn vor langer Zeit zu einer Team-Fortbildung eingeladen – in die Klinik, in der sie damals gearbeitet hatte. Sie war enttäuscht und entsetzt, weil er ein Kind seiner Mutter nach der Geburt weggenommen hatte, um es in einem anderen Zimmer ohne d</em></strong><strong><em>ie Eltern zu baden. Haben Sie so etwas auch erlebt? </em></strong></p>



<p>Nein, als ich ihn kennen gelernt habe, hat er das schon nicht mehr gemacht. Wir sollten immer daran denken, dass er in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geburtshelfer war. Ja, er war sehr dominant. Das kam nicht überall gut an. Ich sehe halt, aus welcher Zeit er kam. Seine aktive Klinikzeit hatte er bis Anfang der 70er Jahre. Er war ein sehr anerkannter Geburtshelfer und als Chefarzt einer Pariser Privatklinik verantwortlich für viele tausend Geburten gewesen. Er hatte damals die Chloroform-Methode angewandt, damit die Frauen nicht leiden. Und hat später von sich selbst gesagt: „Ich habe allen Frauen ihre Geburt geraubt.“</p>



<p><strong><em>Sie sind mit seiner Dominanz zurechtgekommen?</em></strong></p>



<p>Ich hätte ihn niemals zu einer Geburt mitnehmen wollen. Dabei hätte mich seine Dominanz gestört. Er hatte einen sehr bestimmenden Charakter, er hatte immer Recht. Wenn du etwas anderes machtest oder anders dachtest, dann hattest du unrecht. Wir haben oft diskutiert. Mein Mann ist Yoga-Lehrer. Leboyer war selbst vom Yoga zum Tai Chi gewechselt. Er bevorzugte die Bewegung des Tai Chi gegenüber dem Statischen des Yoga. Wir hatten immer wieder Diskussionen mit sehr viel Humor.</p>



<p>Es gab zwischen uns eine Art Einverständnis, ein paar Themen lassen wir aus, weil sie zu ewigen Diskussionen führen würden.</p>



<p>Was er mir gegeben hat, war viel wichtiger als diese Meinungsverschiedenheiten. Zum Schluss wurde unsere Beziehung eine Freundschaft, anfangs war es ein Meister-Schülerin-Verhältnis.</p>



<p><strong><em>Haben Sie durch seine Seminare von ihm gelernt, die Sie organisiert hatten? Oder hat er Sie auch direkt unterwiesen? </em></strong></p>



<p>Beides. Bei den Seminaren habe ich stundenlang praktiziert und getönt. Und zu Hause ging es weiter. Vieles von ihm hat mein Hebammenleben beeinflusst und auch mein privates Leben.</p>



<p>Er sagte, man solle jeden Tag bestimmte Gewohnheiten beibehalten, wie Zähneputzen oder Frühstücken. Wir machen morgens immer Yoga und haben seine Tai Chi Übungen hinzugenommen. Jeden Morgen ein kurzer Gedanke an ihn und an das, was er mir gegeben hat.</p>



<p><strong><em>Welcher Art sind seine Übungen?</em></strong></p>



<p>Er hat viel Tai Chi gemacht und Übungen daraus für schwangere Frauen angepasst. Einige hat er aussortiert – Übungen, die ihm wichtig waren, hat er vereinfacht. Er sagte, es sei wichtig, eine lebendige Wirbelsäule zu haben und dem Hohlkreuz entgegen zu wirken.</p>



<p><strong><em>Wie haben Sie seinen Abschied erlebt? </em></strong></p>



<p>Frédérick Leboyer ist zu Hause gestorben, seine Frau war bei ihm.</p>



<p>Die Abschiedsfeier fand in einem Schweizer Ort im Wallis statt, wo er zuletzt gelebt hatte. Die Zeremonie nach seinem Tod war sehr intensiv und ergreifend. Es war eine laizistische, keine religiöse Zeremonie. Viele Menschen waren gekommen, von denen ich seit 32 Jahren gehört, die ich in dem Film „Le sacre de la naissance“ gesehen und nie getroffen hatte. Es war alles so herzlich. Er geht weg und führt uns zusammen. Sechs oder sieben Menschen, die ihn besonders gut gekannt hatten, saßen noch lange zusammen. Wir hatten alle das gleiche Bild von ihm und die gleiche Erfahrung. Auch seine Beharrlichkeit kam zur Sprache, aber mit Humor. Denn trotz seiner dogmatischen Haltung war er vor allem ein Philosoph. Ein Mensch, der auch sehr offen war.</p>



<p>Ein Teil seiner Asche kommt nach Indien – an den Ort, der ihm viel bedeutet hat. Ein Grab wird es nicht geben.</p>



<p><strong><em>Danke Sybille Berresheim, für das persönliche Gespräch über diesen außerordentlichen Geburtshelfer, der so viel bewirkt hat.</em></strong><br><br><br></p>



<p><strong>Der Geburtshelfer </strong></p>



<p><strong>Dr. Frédérick Leboyer </strong>wurde am 1. November 1918 in Paris geboren und starb am 25. Mai 2017 in Vens, im Kanton Wallis in der Schweiz. Er war Frauenarzt, Schriftsteller und Filmemacher.</p>



<p>In seinen ersten Buch „Pour une naissance sans violance“ (1974), auf Deutsch „Geburt ohne Gewalt“ (1975), zeigte Leboyer mit ergreifenden Schwarz-weiß-Fotografien und poetischen Texten, wie wichtig ein respektvoller, behutsamer Empfang bei der Geburt eines Neugeborenen ist und wie offen seine ersten Blicke sein können, wenn es in Geborgenheit geboren wurde.</p>



<p>Seine drei Filme „Naissance“ von 1975 (Geburt), „Shantala“ (Sanfte Hände) und „Le sacre de la naissance“ von 1982 („Wellen des Lebens“) folgten. In Deutschland als VHS-Kassetten erschienen, sind sie heute vergriffen. Auch die 2008 in Frankreich erschienene DVD</p>



<p>„Naître Autrement“, die alle drei Filme enthält, ist im Handel nicht mehr erhältlich. Weitere Bücher: „Shantala (1976)/„Sanfte Hände“ (1979), ein Buch über traditionelle indische Babymassage, „Cette lumière d’où vient l’enfant“ (1978)/„Weg des Lichts“ (1980) über eine indische Schwangere, die sich mit Yoga auf ihre Geburt vorbereitet, „Das Fest der Geburt“ (1982), „Die Kunst zu atmen“ (1983), „Atmen, singen, gebären“ (deutsch 2006) und „Das Geheimnis der Geburt“ (2000), französisch „Si l’enfantement m’était conté“ (1996).</p>



<p><p>Frédérick Leboyer hat den landläufigen Begriff der „sanften Geburt“ geprägt und beeinflusste damit entscheidend einen Teil der Frauenbewegung und die Sicht auf die Geburtshilfe der 1970er und 80er Jahre in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland und Großbritannien.</p>
<hr></p>



<p><strong>Die Interviewte</strong></p>



<p><strong>Sybille Berresheim, </strong>1959 in Deutschland geboren, legte 1983 ihr Hebammenexamen in Wuppertal ab. Seit 1985 ist sie als freiberufliche Hebamme niedergelassen, bis 1989 in Hessen, anschließend in der Drôme (Frankreich). Sie betreut dort unter anderem Hausgeburten.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Des Totschlags schuldig?</title>
		<link>https://viktoria11.de/des-totschlags-schuldig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Apr 2013 10:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Beckenendlage]]></category>
		<category><![CDATA[Gerichtsreportage]]></category>
		<category><![CDATA[Landgericht Dortmund]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
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					<description><![CDATA[Gegen eine Hebamme und Ärztin läuft vor dem Dortmunder Landgericht ein beeindruckender Schwurgerichtsprozess: Sie ist angeklagt, den Tod eines Kindes verschuldet zu haben. Die Eltern waren extra zu der erfahrenen Geburtshelferin angereist um ihre Tochter trotz Beckenendlage auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Nun sehen sie sich vor Gericht wieder. Katja Baumgarten Wie soll<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/des-totschlags-schuldig/"><span class="screen-reader-text">"Des Totschlags schuldig?"</span> weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Gegen eine Hebamme und Ärztin läuft vor dem Dortmunder Landgericht ein beeindruckender Schwurgerichtsprozess: Sie ist angeklagt, den Tod eines Kindes verschuldet zu haben. Die Eltern waren extra zu der erfahrenen Geburtshelferin angereist um ihre Tochter trotz Beckenendlage auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Nun sehen sie sich vor Gericht wieder. Katja Baumgarten</strong></p>



<p>Wie soll ich über diesen Schwurgerichtsprozess am Dortmun­der Landgericht berichten, der von einem bald fünf Jahre zurückliegen­ den Ereignis handelt? Es ist so komplex, dass die anklagende Oberstaatsanwältin mit einem Rollkoffer zu den Verhandlun­gen kommt, in dem sie die schweren Ak­ten mitbringt. Die Tragödie, dass ein Kind bei seiner Geburt gestorben ist, und die Trauer seiner Eltern lassen niemanden kalt – der Gerichtssaal ist emotional hoch aufgeladen. Die Aussagen der Zeuginnen, Zeugen und sachverständigen Gutachter fördern ein vielfältiges Bild zutage. Wider­sprüche werden sichtbar, manches scheint unglaublich, anderes kann durch die Art der Befragung nicht zum Vorschein kom­men. Unterlassungen der Geburtshelferin, möglicherweise zum Teil als »gekonnte Nichtintervention« bewusst gesetzt, wer­den aus Klinikperspektive vor allem als Defizite registriert, unterschiedliche Gesundheitskonzepte stehen bei der Be­wertung durch Gutachter scheinbar un­versöhnlich im Raum. Glaubenssätze, die auch im schulmedizinischen Konzept auf Fachkongressen kontrovers diskutiert werden, erscheinen hier gegenüber Lai­en als eindeutige Gebote.</p>



<p>An 15 von 17 Verhandlungstagen war ich als Prozessbeobachterin dabei: Als Fachjournalistin, als langjährige Hausge­burtshebamme, als Mutter, die ihre Kin­der zu Hause geboren hat, insbesondere als Mutter, die weiß, was es heißt, ein gerade geborenes Kind zu verabschieden – schicksalhaft und im Voraus bekannt in meinem Fall, was ich nachträglich als Gnade empfinde. Vom Verlauf des Prozesses bin ich vor allem auch als Do­kumentarfilmemacherin gefangen ge­nommen, die das Handwerk und die He­rausforderung kennt, ein Bild von einem Geschehen im Nachhinein zu rekonstru­ieren. Lücken und Unebenheiten werden notgedrungen stehen bleiben – auch in meinem Versuch zu berichten, was ich mitverfolgen konnte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Angeklagte macht keine Aussage</h2>



<p>Die Beweisaufnahme im Schwurge­richtsprozess gegen die Ärztin und Heb­amme im Zusammenhang mit einer au­ßerklinischen Totgeburt dauert an, ein Ende der Verhandlungen ist nicht in Sicht. Ein kleines Mädchen war am 30. Juni 2008 um 22.14 Uhr in einem Hotel­zimmer in Unna nach einer Geburt aus Beckenendlage mit ihrer Hilfe leblos zur Welt gekommen (siehe auch DHZ 12 /12, Seite 5 und 2/13, Seite 5). Die Angeklagte schweigt nach wie vor zu den Vorwürfen. Keine Aussage in eigener Sache zu ma­chen sei ihr Recht, sie müsse sich nicht belasten, erklärt der Vorsitzende Rich­ter mehrfach. Das Gericht verfüge auch über andere Möglichkeiten, sich ein Bild zu machen.</p>



<p>Es geht bei dieser Beweisaufnahme durch die große Strafkammer am Dort­munder Landgericht unter der Leitung des Vorsitzenden Richters Wolfgang Mey­er um ein möglicherweise schuldhaftes Handeln der Angeklagten oder auch einen unter Umständen schicksalhaf­ten Verlauf – um die Frage, ob der Tod des kleinen Mädchens hätte verhindert werden können oder nicht. War er un­vermeidlich – durch Umstände, die von außen nicht zu erkennen oder zu beein­flussen waren? Hat die angeklagte Ge­burtshelferin ihr Wissen und Können richtig eingeschätzt? Hat sie ihre profes­sionelle Verantwortung für Mutter und Kind wahrgenommen? Kannte sie ihre rechtlichen Befugnisse als Hebamme und Ärztin in einer Person und hat sie sie beachtet? Hat sie die Eltern im Vorfeld ausreichend über Risiken aufgeklärt? Hat sie die Mutter und ihr Ungeborenes um­sichtig genug betreut? Hat sie Anzeichen bei der Geburt wahrgenommen und rich­tig zugeordnet, die auf eine Gefährdung des Kindes hätten schließen lassen? Hat sie in ihrer außerklinischen Arbeit ein angemessenes Sicherheitsbewusstsein bewiesen?</p>



<p>Oder hat sie unter Umständen welt­anschauliche Überzeugungen über den Wert eines einzelnen Lebens gestellt? Will sagen: Hat sie das Leben des klei­nen Mädchens mutwillig – »mindestens bedingt vorsätzlich« – aufs Spiel gesetzt, indem sie diese Beckenendlagengeburt auf natürlichem Wege forciert und damit den Tod des Kindes billigend in Kauf ge­nommen hat? In diesem Sinne lautet der Anklagevorwurf durch die Oberstaatsan­wältin Susanne Ruland. Es geht bei all diesen Fragen nämlich auch um eine be­sondere Schwere der möglichen Schuld. Der Angeklagten wird Totschlag zu Last gelegt: ein »Tötungsdelikt«, das den Vor­satz als zwingendes »Tatbestandsmerk­mal« beinhaltet. Im Strafgesetzbuch wird es im Paragraf 212 direkt hinter »Mord« definiert – fünf bis zehn Jahre Gefängnis­strafe sind normalerweise beim Schuld­spruch vorgesehen.</p>



<p>Ein ungewöhnlich harter Vorwurf für eine Geburtshelferin: Die Beschul­digte ist seit 35 Jahren Hebamme, seit 1981 in der Hausgeburtshilfe tätig, seit 1985 auch als Ärztin, Gutachterin und als Lehrende. Durch ihre Anwälte hat sie am ersten Verhandlungstag jede Schuld von sich gewiesen. Sie habe keinen Fehler gemacht. Den Tod des kleinen Mädchens sehe sie auch nicht durch die Beckenendlage begründet, aus der sie das Kind im Übrigen ohne Probleme habe entwickeln können. Sie verfüge über die Erfahrung von mehr als 100 Beckenendlagengeburten. Statt­dessen vermute sie, dass der für sie nicht vorhersehbare Tod durch eine Vorschä­digung des Kindes in der Schwanger­schaft verursacht worden sei.</p>



<p>Die fünf Richter der großen Strafkam­mer am Landgericht werden über den »Tat­vorwurf« der Anklage vorn 4. Januar 2011 zu entscheiden haben: Die drei Berufsrich­ter sind zwei Männer und eine Frau. Die beiden Schöffen, ehrenamtliche Laienrich­ter, sind eine Frau und ein Mann. Am Ende haben alle eine gleichwertige Stimme. In der Mitte am erhöhten Richtertisch an der Stirnseite im großen Saal 130 sitzt der Vorsitzende Richter Meyer als Wortführer zwi­schen seinen beiden jüngeren Kollegen, die Schöffen sitzen jeweils außen. Links neben ihnen ist der Platz der Protokollan­tin. Links im rechten Winkel dazu haben die Angeklagte und ihren beiden Vertei­diger Platz genommen, die Heidelberger Rechtsanwältin Andrea Cornbe, die sich im medienwirksamen Prozess gegen den Fernsehmoderator Jörg Kachelrnann einen Namen gemacht hatte, sowie ihr Kollege Hans Böhme, der als Pflichtverteidiger fungiert.</p>



<p>Gegenüber, nahe beim Richtertisch sitzen die anklagende Oberstaatsanwältin Ruland, daneben der Vertreter der Neben­kläger, der die Eltern des verstorbenen Kin­des vertritt, Rechtsanwalt Dr. Kurz. In den ersten Verhandlungstagen verfolgen auch die Eltern von dort aus das Geschehen. Ei­nige Male ist Rechtsanwältin Dillschnei­der zugegen, die sie im Zivilprozess im Hinblick auf einen möglichen Schadenser­satz wie Schmerzensgeld, Geburts- und Ge­richtskosten vertritt. Mitten im Saal steht ein Tisch mit Stuhl in Blickrichtung zu den Richterinnen, wo die Zeuginnen und Gutachter befragt werden. An jedem Platz befindet sich ein Mikrofon.</p>



<p>Auf der Bank vor der Zuschauerschran­ke hat die Presse Platz genommen – ein, zwei, selten drei Journalistenvon der west­fälischen Tagespresse mit wechselhafter Präsenz, zwei Redakteurinnen von zwei Hebammenzeitschriften sind an fast allen Prozesstagen als Beobachterinnen dabei. »Das haben wir nicht so oft, so viele Zuschauer«, wendet sich der Vorsitzende Richter gleich zu Beginn des ersten Verhandlungstages an die Öffentlichkeit auf den abgegrenzten Zuschauerbänken, wo sich an die 50 Hebammen, Hausgeburtsel­tern und andere Interessierte eingefunden haben. Keine Art der Äußerung ist erlaubt, selbst unspezifische geräuschvolle Reak­tionen von den Zuschauerbänken haben auch in den manchmal emotional sehr aufgeladenen Situationen zu unterbleiben. Mit jedem Eintritt des Richterteams in den Saal erheben sich alle Anwesenden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Alternative zur Sectio gesucht</h2>



<p>Zu Beginn, in den ersten Prozesstagen am 27. und 28. August im vergangenen Jahr sowie am 6. September werden un­ter anderem die Mutter und der Vater des verstorbenen Mädchens befragt. Sie sind zum Prozess extra aus Riga angereist. Wie sie im späten Frühjahr 2008 auf die Diagnose »Beckenendlage« und die ange­botenen Option »Sectio« reagiert hätten, wie es zur Recherche nach Alternativen und schließlich zum Kontakt mit der Heb­amme und Ärztin gekommen sei, zu de­ren Eltern&amp;Kind-Praxis in Unna sie sich schließlich auf den Weg gemacht hätten. Dann geht es um ihre Erinnerungen an den Tag der Geburt ihrer kleinen Tochter, die sie tot hatten verabschieden müssen, und an die Tage danach. ,»Hätte ich doch einen Kaiserschnitt gemacht«, bereut die Mutter rückblickend ihre damalige Ent­scheidung am ersten Verhandlungstag: »Es war ein Fehler!« Bei seiner letzten Zeugenaussage Anfang September berichtet der Vater, wie die Jahre danach verlaufen seien mit den seelischen Belastungen:<br>»Ich habe mich immer schuldig gefühlt, die falsche Geburtsexpertin gewählt zu haben. Wir konnten das nicht ahnen.« »Ich fühle mich betrogen«, sagt er an an­ derer Stelle, sie hätten »keine professio­nelle Geburtsbetreuung« erhalten – ein »Vertragsbruch«. Seine Frau habe viel geweint, auch beide gemeinsam. Nach der Geburt des zweiten Kindes im Jahr 2011 sei es besser geworden. Er habe in der schweren Zeit dreimal psychologische Unterstützung gesucht.</p>



<p>Das deutsche Elternpaar, das aus beruf­lichen Gründen in Riga lebt und 2008 sein erstes Kind erwartete, hatte von seiner lettischen Gynäkologin mit der Diagnose Beckenendlage ausschließlich die Option Kaiserschnitt angeboten bekommen. Eine andere Möglichkeit kam vor Ort nicht in Frage. Die junge Frau, Historikerin und Journalistin, machte sich kundig. Sie spiel­te zu der Zeit schon mit dem Gedanken, eine Hebamrnenausbildung zu beginnen, die sie nach dem Verlust ihrer Tochter spä­ter auch aufnahm. Sie las damals Fachar­tikel und telefonierte mit erfahrenen Geburtshelfern in Deutschland, die als Befürworter der spontanen Beckenend­lagengeburt gelten, inwieweit und wo eine normale Geburt für sie möglich sei. Dabei hatte sie nach ihren Aussagen auch ein »nettes Telefonat« mit dem damaligen Oberarzt am Klinikum Nürnberg, Dr. Mi­chael Krause. Er habe ihr gesagt, » …oder Sie suchen sich eine erfahrene Hebamme – aber das darf ich nicht laut sagen, sonst zerstechen meine Kollegen mir die Auto­ reifen!« Zwei Tage nach dem Gespräch mit ihrer lettischen Frauenärztin zum dorti­gen Vorgehen bei BEL sitzt das Paar im Flugzeug nach Deutschland.</p>



<p>Zunächst steuert das Elternpaar die Universitätsfrauenklinik Frankfurt an, um sich bei Prof. Dr. Frank Louwen vor­zustellen, einem renommierten Spezialis­ten für Beckenendlagengeburten. Der Ul­traschallarzt bei der Aufnahme sei kurz angebunden gewesen, der persönliche Gesprächstermin mit Prof. Louwen erst nach Vorliegen der MRT-Ergebnisse vor­gesehen gewesen, beschreibt die Mutter den Klinikbesuch. Sie habe jedoch vorab über den Sinn dieser Maßnahme infor­miert werden wollen. Ein Gespräch war nicht möglich. Die Eltern vermissen in der Universitätsklinik jede Freundlichkeit und fühlen sich »wie ein Störfaktor«. Also telefonieren sie noch von dort aus mit der Ärztin und Hebamme aus Unna, um ein Treffen zu vereinbaren.</p>



<p>Sie machen sich mit einem Leihwagen direkt auf den Weg zum ersten Gespräch am 29. Mai, bringen Kuchen mit – es dau­ert eineinhalb Stunden. Sie hören dort, dass die Hebamme und Ärztin seit über 30 Jahren Beckenendlagengeburten betreue und sogar selbst eines ihrer eigenen Kin­der mit Beckenendlage zur Welt gebracht habe. Dort endlich habe das Elternpaar aufgeatmet: »Sie hat uns das Gefühl ver­mittelt, dass wir bei ihr gut aufgehoben sind«, sagt die Mutter aus. Zwei Kliniken seien in der Nähe, ein Notkaiserschnitt sei dort in zehn Minuten möglich, hätten sie erfahren. »Am Ende des ersten Tages haben wir uns geduzt.« Sie hätten beide sofort Zutrauen zu der Hebamme und Ärz­tin gefasst und sich in ein nahe gelegenes Hotel eingemietet, um in der Praxis der Geburtshelferin ihr Kind zur Welt zu brin­gen. Der wahrscheinliche Geburtstermin sei laut Mutterpass in Riga per Ultraschall zwischen dem 18. und dem 22. Juni ange­nommen worden. Die Hebamme und Ärz­tin habe sich viel Zeit gelassen, auch bei weiteren Gesprächen am 4. und am 9.Juni – habe das Becken vermessen, die Herztö­ne gehört – sowohl mit dem Hörrohr und auch mit dem CTG, damit sie mithören konnten, Urin untersucht, Ultraschallbil­der mit ihnen angesehen. Sie hätten dann alle zwei Tage die Hebamme und Ärztin in ihrer Praxis aufgesucht, die immer den Bauch abgetastet habe – die Fruchtwasser­menge sei stets in Ordnung gewesen. Siehätten nichts zu unterschreiben brauchen, auch keine Anzahlung leisten müssen: »Das Finanzielle war nicht entscheidend«, sagt die Mutter aus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Tag der Geburt</h2>



<p>Der Tag der Geburt wird mit den Zeu­genaussagen der beiden Eltern rekonstru­iert sowie mit Hilfe des Gedächtnisproto­kolls der Mutter, das sie einige Tage später kurz vor der Beerdigung ihrer Tochter auf­ geschrieben hatte. Des Weiteren mit dem Gedächtnisprotokoll der Hebamme und Ärztin vom Verlauf der Geburt, das sie di­rekt danach abgefasst hatte. Wie die ande­ren Dokumente wird es im Gerichtssaal verlesen. Zum Geschehen nach der Geburt werden alle erreichbaren Zeugen befragt. Darüber hinaus werden SMS-Protokolle des beschlagnahmten Mobiltelefons der Geburtshelferin zu Hilfe genommen, mit dem sie sich mit einer externen Kollegin mehrfach kurz über den Verlauf der Ge­burt ausgetauscht hatte – auch deren Mobiltelefon hatte die Polizei im Sommer eingezogen und die gespeicherten Daten ausgewertet.</p>



<p>Die Geburt beginnt nach Termin­überschreitung am Montag, den 30. Juni, früh morgens um 5 Uhr mit ersten An­zeichen, einem fraglichen Fruchtblasen­sprung – mit der Hebamme und Ärztin wird telefonischer Kontakt aufgenom­men. Die Geburt stehe ganz am Anfang, habe sie ihr erklärt, sie solle entspannen, möglicherweise sei eine Eihaut gerissen, berichtet die Mutter als Zeugin. Ein wei­teres Telefonat mit der Hebamme, vormit­tags gegen 11 Uhr nach dem Frühstück, habe sie selbst geführt, als die Wehen in Gang kamen.</p>



<p>Als die Wehen am Nachmittag hef­tiger werden, gegen 14 oder 15 Uhr ein erneutes Telefonat durch ihren Mann: Es wird vereinbart, dass das Paar in die Praxis wechselt, die Hebamme will schon mal Badewasser einlassen. Die Gebären­e schafft es wegen der plötzlich starken Wehen nicht mehr, das Hotel zu verlas­sen. Stattdessen trifft die Hebamme nach einem nochmaligen Telefonat gegen 16 Uhr in ihrem Hotelzimmer ein, da sei Mekonium abgegangen. Laut einem nach­träglichen Geburtsprotokoll, angefertigt unmittelbar nach der Geburt, vermerkt die Hebamme bei einer Untersuchung gegen 17 Uhr einen tief sitzenden Steiß in Beckenmitte, gegen 18 Uhr nochmals den Abgang von Mekonium. Die Herztöne des Kindes sind laut ihrem Protokoll bis kurz vor der Geburt unauffällig über 120 Schläge pro Minute. Als das Dopton nach einem seltsamen Störgeräusch nicht mehr funktioniert habe, habe sie mit dem Hör­rohr weiter gehört, erinnert sich die Mut­ter. Auch wenn sie mit außerordentlich starken Geburtsschmerzen zu kämpfen gehabt hätte, habe die Hebamme sie ermu­tigt: »Alles läuft gut!« Es sei keine Rede von Komplikationen gewesen. Sie habe unter­schiedliche Gebärpositionen ausprobiert, unter anderem den Vierfüßlerstand, und habe sich am späten Abend gegen 20.45 Uhr eine Weile im Badezimmer aufgehal­ten, gibt die Mutter an.</p>



<p>Das Kind wird schließlich um 22.14 Uhr leblos aus Beckenendlage geboren – seine Entwicklung verläuft ohne Verzö­gerung, die sofortige Reanimation mit Beatmung und Herzdruckmassage durch die Ärztin gelingt nicht. »Ich habe nichts gehört, es gab keinen Schrei, es war ganz weiß«, erinnert sich die Mutter an ihr Kind. Der vom Vater benachrichtigte Notarzt, ein Anästhesist aus der nächst­ gelegenen Klinik, übernimmt, gibt den Reanimationsversuch um 22.40 Uhr auf und erklärt das Kind für tot. »Dies ist ein sterbendes Herz – Sie wissen, dass ihr Kind gerade stirbt?«, habe er zuvor zu den El­tern gesagt, beschreibt der Vater. Der Ba­bynotarztwagen, der ebenfalls eintrifft, wird gleich wieder weggeschickt. Die Ge­burtshelferin habe ihnen ihre tote Toch­ter eingewickelt in ein Handtuch auf den Bauch gelegt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Kripo übernimmt</h2>



<p>Mit dem Notarzt sei die Ärztin und Hebamme uneinig gewesen, ob das Kind lebend oder tot geboren sei. Sie habe den Eltern erklärt, dass es bereits tot geboren sei, dass die Lungen bei der Beatmung nicht zu öffnen gewesen seien. Weil ihm die Umstände der BEL-Geburt im Hotel­ zimmer auffällig erscheinen, kreuzt der Notarzt im Totenschein »unklare Todesur­sache« an und benachrichtigt die Polizei, die umgehend eintrifft. Die Streifenpoli­zisten werden später von Kriminalbeam­ten abgelöst. Die Eltern können sich nur kurz von ihrem kleinen Mädchen verab­schieden, eine Zeitlang sind sie mit ihm allein – dann wird es von einer Bestatte­rin abgeholt und zum Dortmunder Ins­titut für Rechtsmedizin zur Obduktion gebracht. Zuvor hatte sich die Geburts­helferin dafür eingesetzt, dass die Eltern ihr Kind so lange wie möglich behalten können.</p>



<p>Die Kriminalpolizei wird sofort aktiv. Zunächst geht es um das normale Prozede­re, einen »Todesermittlungsbericht«, wie ein Kripobeamter als Zeuge vor Gericht aussagt: »Wenn ich den Verdacht gehabt hätte, dass eine Straftat vorliegt, hätte ich eine Anzeige erstattet.« Eine junge Polizeibeamtin, die damals noch Prakti­kantin war, hat ihren nächtlichen Einsatz seinerzeit noch genau vor Augen, weil es ihr erster auf der Kriminalwache gewesen sei – besonders die bedrückte Gesamtstim­mung, die Mutter habe fast nur geweint, auch die Geburtshelferin sei »nicht bester Dinge gewesen«. Ihre Erinnerung: »Dem Notarzt kam die Gesamtsituation, die Ge­burt im Hotel seltsam vor, nicht die Tot­geburt an sich.» »Warum lässt man sich heutzutage auf so etwas ein?«, habe sie sich gefragt, »wenn mir Ärzte einen Kai­serschnitt empfehlen würden, würde ich das auch machen.« Am 3. Juli werden die Eltern von der Polizei vernommen. Am 4. Juli wird der Leichnam der Tochter nach Abschluss der Obduktion eingeäschert, die Beerdigung folgt kurz darauf.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gutachten zur Aufklärung</h2>



<p>Eine Reihe von Sachverständigen hat be­reits Gutachten erstattet, darunter Exper­ten wie der Leiter des Instituts für Rechts­medizin Dortmund, Dr. Ralf Zweihoff, der das Neugeborene obduziert hat, PD Dr.Jörg Felsberg, Oberarzt am Institut für Neuropa­thologie des Universitätsklinikums Düssel­dorf, der das Gehirn des verstorbenen Kin­des untersucht, Dr. August Dykers, der die Plazenta inspiziert hat, und ein Kinderkardiologe. Sie alle sollen mit dazu beitragen, die genaue Todesursache des Kindes zu klä­ren. Prof. Dr. Axel Feige, ehemaliger Leiter der Frauenklinik II, Schwerpunkt Geburts­hilfe, Klinikum Nürnberg Süd, hat am 18. Januar seine Einschätzungen zum geburts­hilflichen Geschehen und dem fachlichen Vorgehen der angeklagten Geburtshelferin abgegeben. Seine Befragung ist noch nicht abgeschlossen. Zu ihrer fachlichen Unter­stützung hat die Verteidigung dafür einen eigenen geburtshilflichen Experten ange­kündigt, den Geburtshelfer Dr. Gerd Elde­ring, ehemaliger Chefarzt der Frauenkli­nik am Vinzenz Pallotti Hospital Bensberg, Bergisch-Gladbach, und damaliger Leiter der angeschlossenen Hebammenschule.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zeugenaussagen</h2>



<p>Darüber hinaus wurde in den 17 bis­herigen Verhandlungstagen im vergange­nen halben Jahr neben den Personen, die direkt am Tag der unglücklich verlaufe­nen Geburt oder in der darauffolgenden Nacht am Ort des Geschehens zugegen waren, viele weitere Zeugen und Zeugin­nen vernommen, die gar nichts mit die­sem Fall zu tun haben. Auf diesem Weg versucht sich das Gericht offenbar von der Berufsauffassung und der Arbeits­weise der Hebamme und Ärztin ein Bild zu machen. Besonderes Augenmerk liegt bei der Recherche auf Fällen, die nicht wünschenswert verlaufen sind, und auf Geburtsbetreuungen, von denen der Richter vermutet, dass ein mangelhaftes Sicherheitsbewusstsein der Geburtshelferin vorgelegen haben könnte – beispiels­weise in Bezug auf ihre Verlegungspraxis und die Zusammenarbeit mit Kliniken. Hebammen wurden geladen, die mit der Angeklag ten teilweise seit vielen Jahren zusammengearbeitet haben, die bei ihr geburtshilfliches Handwerkszeug gelernt haben oder die sie bei außergewöhnlichen Geburten, insbesondere bei Beckenendlage oder Mehrlingsschwangerschaft hinzu gezogen haben. ­</p>



<p>Auch Mütter und Väter, die das Ge­richt über das Internet, in Elternforen oder durch die gespeicherten Daten im Chip des beschlagnahmten Mobiltelefons ermitteln konnte, wurden ausführlich befragt. Eine sechsfache Mutter wurde vernommen, die in einem Internetforum von ihrer vierten glücklichen Hausgeburt vor vier Jahren berichtet hatte – mit Zwillingen und mit Hilfe der nun ange­klagten Geburtshelferin. Sie erschien mit ihrer Rechtsanwältin. Dennoch brach sie irgendwann in Tränen aus, weil sie sich als Mutter und in ihrer Entscheidung zur Hausgeburt so wenig geachtet, sich stattdessen wie eine Angeklagte verhört fühl­te, die nicht das Beste für ihre Kinder ge­wollt hätte. Zweimal wurde vom Gericht bei Familien, ohne dass sie sich etwas zuschulden kommen lassen haben oder in den verhandelten Fall verwickelt sind, auch Hausdurchsuchungen angeordnet.</p>



<p><a href="https://viktoria11.de/gegensaetzliche-sichtweisen/" data-type="post" data-id="2885"><strong>Weiter zu Teil 2: Gegensätzliche Sichtweisen</strong></a></p>
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		<title>Als Inselhebamme auf Borkum</title>
		<link>https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Nov 2009 23:00:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Kosfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Borkum]]></category>
		<category><![CDATA[Geburtshilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Inselhebamme]]></category>
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					<description><![CDATA[Barbara Kosfeld arbeitet auf der Nordseeinsel Borkum. Nachdem die Bewohner 20 Jahre lang ohne Hebamme auskommen mussten, können sie seit drei Jahren wieder umfassende Hebammenhilfe vor Ort nutzen, die Barbara Kosfeld anbietet. In diesem zweiten Teil des Interviews betont sie, wie notwendig kompetente Hebammenbetreuung an der Seite der Frau ist. Katja Baumgarten: Im ersten Teil<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/"><span class="screen-reader-text">"Als Inselhebamme auf Borkum"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Barbara Kosfeld arbeitet auf der Nordseeinsel Borkum. Nachdem die Bewohner 20 Jahre lang ohne Hebamme auskommen mussten, können sie seit drei Jahren wieder umfassende Hebammenhilfe vor Ort nutzen, die Barbara Kosfeld anbietet. In diesem zweiten Teil des Interviews betont sie, wie notwendig kompetente Hebammenbetreuung an der Seite der Frau ist.</p>



<p><em><strong>Katja Baumgarten: Im ersten Teil unseres Gesprächs sind Sie für die freie Wahl des Geburtsortes für die Gebärende eingetreten – auch bei außergewöhnlichen Geburten, beispielsweise Mehrlingen. Die Grenze, an der das Selbstbestimmungsrecht von Eltern aufhört, ist manchmal schwer zu ziehen. Gibt es Schwangere, die Sie für unverantwortlich halten? </strong></em></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld: </strong>Mir machen der gravierende Alkohol-, Drogen- und Nikotinmissbrauch der jungen Generation große Sorgen, der rein oberflächliche Konsum – die Abkehr von nachhaltiger Lebensweise und der Verlust von Lebensqualität. Deshalb arbeite ich mit der Selbstverantwortung der werdenden Mutter und lasse mich nicht auf falsche Kompromisse ein. Es ist eine unserer originären Aufgaben, kompetent durch die Schwangerschaft zu begleiten. Dies kann nur gelingen, wenn Hebammen von Anfang an in die Betreuung der Schwangerschaft einbezogen werden. Die Lebensweise der Frau und ihre Anpassung an die Schwangerschaft, ihr Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe und Balance zu unterstützen, ist eine Kernaufgabe der Hebamme. Sie kann Mutter und Ungeborenes in ihrer Wahrnehmung verbinden und so zum Handeln motivieren. Sie bewirkt also etwas. Wenn Mutter und Kind sich aufeinander einlassen, geschieht etwas mit ihnen und in ihnen. Sie erfahren sich in einem neuen Zusammenhang und können dann die Ressourcen ihrer Symbiose zu nutzen. Bestenfalls motiviert das die werdende Mutter, Verantwortung zu übernehmen. Menschliche Wärme, Zuneigung und Aufmerksamkeit kosten nichts und sind doch unbezahlbar. Auf der Skala der Menschlichkeit sind sie jedenfalls wertvoller, besser und exklusiver als alles, was die Gerätemedizin anzubieten hat.</p>



<p><em><strong>Warum nehmen Hebammen diese Kernaufgabe, Frauen von Anfang an durch ihre Schwangerschaft hindurch zu begleiten, nicht häufiger wahr?</strong></em></p>



<p>Die Gynäkologen wollen heute die Betreuung der Schwangeren gerne vollständig übernehmen, ohne die Aufgabe angemessen erfüllen zu können. Sie kämpfen mit Hilfe der Medien – unterstützt von Babynahrungsherstellern und der Pharmaindustrie – um die Aufmerksamkeit der werdenden Eltern. Diese sind dann kaum noch in der Lage zu differenzieren, was ihre Aufmerksamkeit verdient, was sie eigentlich hören, sehen, fühlen und wissen wollen.</p>



<p>Auf Borkum betreue ich Schwangere und junge Mütter, die mehrfach in der Woche kommen. Sie können jederzeit zu mir ins Haus kommen – Tag und Nacht – und sie wissen, dass ihnen immer geholfen wird. Wenn ich beispielsweise eine Frau betreue, die aufhören will zu rauchen, dann kann sie immer kommen, wenn sie meint, sie schafft es doch nicht. Ich koche einen Tee und helfe ihr durch ihren Tiefpunkt hindurch. Häufig kann ich sie dann wieder stabilisieren. Hier auf der Insel kann ich das anbieten, anders als auf dem Festland, weil niemand weite Wege hat. Letzte Woche kam beispielsweise ein Vater mit dem Fahrrad, den Mutterpass in der Hand, und rief, „Kommen Sie schnell, meiner Frau geht es schlecht!“ Die Menschen hier holen die Hebamme dann ab – so wie früher.</p>



<p><em><strong>Für die Schwangeren und die jungen Familien ist es sicher ein Gewinn, dass es seit drei Jahren wieder eine Hebamme auf Borkum gibt. </strong></em></p>



<p>Wieso stellt sich niemand die Frage, warum Borkum 20 Jahre lang <em>nicht</em> mit Hebammenhilfe versorgt war? Warum gibt es immer noch Regionen in Deutschland, die unversorgt sind? Hier gibt es pro Jahr 20 bis 40 Schwangere. Die Schwangeren auf Borkum sind froh, dass ich da bin. Wenn eine Schwangere weiß, dass sie schnell entbinden wird, musste sie, bevor ich hier lebte, 14 Tage vor dem errechneten Termin aufs Festland übersiedeln. Ob sie sich das leisten konnte oder ob sie vielleicht noch größere Kinder hatte, die hier zur Schule gehen, das war ihre Privatsache. Wissen Sie, wie viele Kinder ich hier schon „aufgefangen“ habe? Ich muss „aufgefangen“ sagen – die Mütter haben angerufen, haben drei Wehen bekommen und hatten Pressdrang. Diese Frauen waren ohne mich sich selbst überlassen, zum Festland schafften sie es in keinem Fall.</p>



<p><em><strong>Sind die Borkumer an Hausgeburten interessiert, nachdem diese Option so lange „ausgestorben“ war? </strong></em></p>



<p>Ich würde sagen ja, denn schließlich entbindet inzwischen jedes Jahr schon ein Drittel aller Schwangeren glücklich auf ihrer Insel.</p>



<p>Gerade vor einigen Tagen ist hier ein „echter“ Borkumer geboren. Die Insulanerin hatte an meinem Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen. Ihre beste Freundin war Kinderintensivschwester – zunächst war für sie klar, dass sie auf dem Festland im Krankenhaus entbinden würde. In Oldenburg hatte sie in der Nähe der Klinik bereits eine Wohnung gemietet. Eines Tages bat sie um einen Termin und sagte: „Ich möchte zur Geburt zu Hause bleiben. Der Kurs hat mir klar gemacht: Ich bekomme keinen Patienten, sondern ein ganz normales Kind. Wenn es nötig ist, können wir immer noch ins Krankenhaus gehen.“ Nach der Hausgeburt, alles lief rund, sie hatte keine Geburtsverletzung, überlegte sie: „Frau Kosfeld, zu welchem Zeitpunkt hätte man denn jetzt den Arzt geholt und was hätte der getan?“</p>



<p><em><strong>Wie betreuen Sie die Familien im Wochenbett?</strong></em></p>



<p>Im Wochenbett besuche ich die Mütter in den ersten Tagen zweimal täglich – wegen der kurzen Wege hier auf der Insel ist das möglich. Interessanterweise hat genau dies auch die Hebamme früher getan: Sie ist morgens gekommen, hat die Betten aufgeschüttelt und nach allem geschaut. Abends hat sie die Frauen „zur Ruhe gebettet“ und „das Gemüt beruhigt“. Das mache ich hier auch – es ist eine sehr wirkungsvolle Prävention bei Stillproblemen. Abends kommen die Zweifel und Verunsicherungen auf – es hilft den Eltern, wenn ich dann komme. Ab dem fünften Tag setze ich die Wochenbesuche einmal täglich fort. Die Eltern kommen zu Hause sehr gut zurecht. „Bonding“ bereitet unter diesen Bedingungen keinerlei Schwierigkeiten.</p>



<p><em><strong>Sie haben sich intensiv mit traditioneller Hebammenkunst auseinandergesetzt. Ist sie auf die heutige Zeit und auf eine moderne Sicht von Geburtshilfe übertragbar? </strong><br></em><br>Es gibt klare und Jahrhunderte alte Informationen darüber, was geburtshilflich gut zu bewältigen ist und welche geburtshilflichen Verläufe Schwierigkeiten erwarten lassen. In meinen Fortbildungen stelle ich seit vielen Jahren evidenzbasiertes Hebammenwissen, aus 400 Jahren aufgearbeitet, zur Verfügung. <br>&nbsp;<br><em><strong>Ist dieses alte Hebammenwissen wirklich evidenzbasiert?</strong><br>&nbsp;<br></em>Ja, evidenzbasiert auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit, nicht im Sinne randomisierter, sprich auf medizinische Forschung bezogene Evidenz. Die Evidenz zeigt sich im praktischen Erfahrungswissen, welches in mehreren Jahrhunderten der geburtshilflichen Literatur immer wieder als zielführend und wirksam beschrieben ist, zum Beispiel in der Anwendung von Handgriffen bei der Geburt. Die Hebammen, die sich mit diesem Wissen fortgebildet haben, kennen klare Entscheidungswege und haben dadurch weniger Stress in ihrem Beruf. <br>Die Unterscheidung zwischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin ist ein wichtiger Punkt: Geburtsleitung im traditionellen Verständnis von Geburtshilfe greift weder instrumentell noch medikamentös in den physiologischen Geburtsprozess ein. Ihr Fokus liegt darauf, die jeweils <em>individuelle</em> mütterliche und kindliche Gesundheit bestmöglich zu erhalten. Geburtsmedizin hingegen ist von Leitlinien bestimmt und diese sind eng mit wirtschaftlichen und gesundheitsökonomischen Aspekten verzahnt. Die Geburtsmedizin lässt nicht nur ärztlich-wissenschaftliche Ansichten – also Ergebnisse von kontrollierten klinischen Studien und Wissen von Medizinern in den Geburtsprozess einfließen. Sie muss auch mit einer Vielzahl von Interessenvertretungen und Institutionen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Die Interessen der Mütter und Kinder werden beim Erstellen der Leitlinien nicht vertreten. Hier kann also nicht streng genug unterschieden werden. Die Hebammenkunst ist daher auch nur bedingt auf die Klinik und die Geburtsmedizin übertragbar und das ist ja meist die moderne Sicht von Geburtshilfe. Und ganz offensichtlich müssen wir inzwischen auch die Krankenhaushebamme von der autonomen Hebamme in ihrer Arbeitsauffassung abgrenzen.</p>



<p><em><strong>Sind Sie auf ernste Komplikationen ausreichend vorbereitet?</strong></em></p>



<p>Geburten verlaufen nicht immer problemlos. Plazentalösungsstörungen und verstärkte Blutungen wünscht sich keine Hebamme in ihrer Geburtsbetreuung. Beispielsweise ist die Verbrauchskoagulopathie seit 400 Jahren bekannt und auch, dass man daran sterben kann. Das ist kein neues Wissen – wir haben heute aber bessere Möglichkeiten, damit umzugehen.</p>



<p><em><strong>Haben Sie auf der Insel Borkum keine Angst vor Komplikationen – beispielsweise vor einer Verbrauchskoagulopathie?</strong></em></p>



<p>Nein. Der Verbrauchskoagulopathie geht ja ganz viel voraus, sie passiert nicht einfach so! Damit muss man in einer intensiven Eins-zu-eins-Betreuung und bei fundierten Handlungsfolgen nicht rechnen. Gerade am vergangenen Wochenende hatte ich eine Atonie zu bewältigen. In so einer Situation muss ich konzentriert arbeiten. Dafür bin ich Hebamme! Ich habe keine Angst. Angst ist für jede Profession ein Signal, weiter zu lernen. Vor der Übernahme einer Entbindung muss immer die Selbstreflexion stehen. Hierbei kann dann auch herauskommen: Dies ist meine persönliche Grenze.</p>



<p>Eine gesunde Schwangere, das heißt eine Frau mit gesundem Herz-Kreislauf-System und gesundem Metabolismus, kann ein atonisches Geschehen verkraften. Wenn sie ein einwandfreies Blutbild hat und ihr Gefäßsystem nicht medikamentös beeinflusst ist, kann man davon ausgehen, dass sie einen gewissen Blutverlust verträgt. Als Hebamme bekommt man eine Atonie in den Griff, sie darf nicht schrecken. Herausfordernder ist immer eine vaginale Blutung, bei der man nicht direkt weiß, woher sie kommt. Aber wenn der Uterus atonisch ist, dann stellt man den Tonus – möglichst ohne Medikamente – eben wieder her und hilft so dem Körper aus einer Krise.</p>



<p><em><strong>Wie machen Sie das?</strong></em></p>



<p>Wenn es sprudelnd blutet, ist erprobte Vorgehensweise: „Kompression gleichzeitig von unten und von oben“. Eine Binde vaginal einführen, fest gegen den Muttermund drücken – mit der Faust dagegen, die Binde muss nicht steril sein – und von oben hinter den Fundus, so dass man gleichzeitig auch noch eine Aortenkompression durchführen kann. Wenn man den Uterus zwischen beiden Händen hält, spürt man unmittelbar, wie er reagiert. Wenn er seinen Tonus wieder gefunden hat, hat man die Blutung im Griff. Die Doppelkompression ist das Entscheidende. Wenn man sich vergewissert hat, dass die Plazenta vollständig ist, sollte man sofort komprimieren und so dem Uterus die nötige Unterstützung geben. Vorausgesetzt die Mutter ist gesund, reicht diese Hilfe in der Regel aus.</p>



<p><em><strong>Wird die Hebammenhilfe bei Hausgeburten angesichts der großen Verantwortung angemessen honoriert? Kommen Sie damit aus?</strong></em></p>



<p>Abseits der klinischen Geburtshilfe ist das Verhältnis der Hebammenleistungen zur finanziellen Vergütung indiskutabel und lässt eine eigenständige bürgerliche Existenz der Hausgeburtshebamme nicht mehr zu. Das heißt, man nimmt ihr die Freiheit, ein eigenes Leben zu führen, wenn sie von Geburtshilfe leben will. Übt man den Beruf der Hausgeburtshebamme konsequent und mit Empathie aus, so lebt man in jedem Fall sehr ungewöhnlich, genährt von idealistischen Träumen und der Treue zur tätigen Nächstenliebe. Womit wir auch heutzutage noch den Glaubenssätzen des Mittelalters dienen: Wir tun Gutes und können daher durch unsere Arbeit unsere Seligkeit befördern. Unser Anspruch auf Vergütung allerdings läuft ins Leere. Wo bleibt da die Willens- und Entscheidungsfreiheit? Wo bleibt die Autonomie des Berufsstandes? Noch nicht einmal 600 Euro brutto Aufwandsentschädigung für eine Hausentbindung – dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Geburtshilfe ist für mich reiner Luxus geworden, und dabei geht es um Elementares: Zeit, Aufmerksamkeit, Raum, Ruhe, Umwelt und Sicherheit. Alle das ist knapp, selten, teuer und begehrenswert. Die Konzentration auf das Wesentliche und den Reichtum der Sinne – das ist es, worauf es ankommt und wohin wir zurück müssen.</p>



<p><em><strong>Was macht eine gute Hausgeburtshebamme aus? </strong></em></p>



<p>Wer das Prinzip, mehrere Dinge möglichst schnell und gleichzeitig zu erledigen, zum Arbeits- und schlimmer noch zum Lebensmotto erhebt, gerät in einen Zeitdruck, der nahezu automatisch Fehler generiert. Die Persönlichkeit, der Anspruch an ein Leben jenseits von Hektik und Stress und nicht zuletzt die Gesundheit bleiben irgendwann auf der Strecke. Um diesem Fluch zu entkommen, muss man sich überlegen, auf was man verzichten könnte. Selbstständig über seine Zeit zu entscheiden, sein Leben zu entschleunigen, ist die einzige Chance. Innehalten und dort nachdenken, wo blinder Aktionismus Scheinlösungen produziert. Die Hebamme ist nur in ihrer freien, autonomen Arbeit in der Lage, die Zeit qualitativ zu gestalten, zu unterbrechen, innezuhalten, nachzudenken und somit Aktivitäten eventuell zu korrigieren. Sie ist die Expertin für Geburtshilfe und sie ist in der Lage, auf Herausforderungen – auch in Stresssituationen – angemessen zu reagieren und sie zu bewältigen. Um diesen Anforderungen standzuhalten, muss sie auf eine fundierte theoretische und praktische Ausbildung zurückgreifen können. Präventives Handeln und ein Bezug zum gesamten Schwangerschaftsverlauf sind ganz wichtige Voraussetzungen für die geburtshilflich arbeitende Hebamme. Ich selbst leite nur dann in eine medizinische Hilfe über, wenn sie wirklich nötig ist. Wobei es uns freiberuflichen Hebammen mittlerweile Angst machen kann, wenn wir Mutter oder Kind tatsächlich verlegen – wie geht es dann weiter? Meine Erfahrung in den letzten Jahren mit den Entscheidungswegen im Krankenhaus lässt mein Vertrauen mehr und mehr schwinden. Ich kann im Krankenhaus nicht immer mit Fachkompetenz und Erfahrung rechnen.</p>



<p><em><strong>Sind Sie schon einmal bei einer Geburt an Ihre Grenzen gekommen?</strong></em></p>



<p>Ich bin im Februar 2007 nach Borkum gekommen und die Geburt, von der ich jetzt berichte, war im darauf folgenden Dezember. An diesem Tag tobte hier ein Unwetter mit der Windstärke elf – das bedeutet, alles wird gesichert, niemand fährt mehr aufs Meer hinaus. Kein Flug ist möglich. Eine Erstgebärende fing zügig mit ihrer Niederkunft an: Blasensprung und direkte heftigste Wehentätigkeit, passend zum Wetter. Die werdenden Eltern hatten zehn Jahre auf ein Kind gewartet. Die Frau wurde in der Schwangerschaft von mir betreut. Es war keine Hausgeburt geplant und der Mann hatte, als es losging, einen Notruf an die Borkumer Hausärztin und an mich losgelassen. Die Ärztin hat dann sofort alles für einen Transport zum Festland veranlasst. Wie es für mich als Hebamme normal ist, erhob ich erst einmal einen Befund: Da war der Muttermund bereits sieben Zentimeter eröffnet – dünn verstrichen, der Kopf des Kindes drückte stark, die Wehen waren heftig. Ich sagte zu der Ärztin: „Wir schaffen es mit diesem Befund nirgendwo mehr hin, wir können nur hier zu Hause bleiben – das Kind kommt sonst auf dem Meer zur Welt!“ Darauf entgegnete sie nur lapidar: „Dann nehmen Sie halt ein Badehandtuch mit!&#8220; Ich hielt das für einen Witz. Die Rettungskette ging jedoch schnell vonstatten, die Frau war in kurzer Zeit an Bord des Seenotrettungskreutzers. Die Ärztin sagte noch zu einem Sanitäter: „Fahr mit, da erlebste was!&#8220; Sie selbst ist nicht mitgekommen, ist in ihren Wagen gestiegen und hat uns alles Gute gewünscht. In dem Moment, als die Gebärende auf See war, war die Ärztin nicht mehr in der Verantwortung. Ich bin natürlich mitgefahren – aber ich würde es nie wieder so tun! Ich hätte mich mit der Entbindenden an den Boden gekettet, wenn ich gewusst hätte, was dieses Wetter zu bedeuten hatte – was ich als „Landei“ damals nicht einschätzen konnte. Windstärke elf bedeutet, dass man gnadenlos durch die Gegend fliegt – wir waren in einem Rettungsboot, das dafür ausgerüstet ist, dass es sich im Wasser drehen kann und sich dann wieder aufrichtet. So war das dann auch. Man fällt mit dem Boot von fünf Meter hohen Wellen runter – das kracht im Kreuz! Ich habe von diesem Erlebnis immer noch Rückenbeschwerden und wir alle haben davon ein Trauma zurückbehalten. Die Gebärende hat auf See eine Dauerkontraktion entwickelt und mir war klar, dass ich da überhaupt nichts machen kann. Das war lebensgefährlich! Irgendwann war Ole dann geboren. Da das Kind auf See geboren wurde, ist sein offizieller Geburtsort nun Berlin: Wer auf dem Wasser zur Welt kommt, wird der Bundeshauptstadt zugeordnet. An Bord wurden der genaue Längen- und Breitengrad seiner Geburt festgestellt und die Mannschaft hat ein Kerzchen angezündet. Die Seenotretter waren sehr bemüht, haben mir sogar heißes Wasser in einer Schüssel gebracht – schwankend – diese Männer können das, sie leben ja auf den Booten. Sie haben mir auch einen Kaffee gebracht, den sie in der Tasse wieder aufgefangen haben, als er bei einer heftigen Welle durch die Luft schwappte. Das war sehr beeindruckend!</p>



<p><em><strong>Wie hat die Gebärende das verkraftet?</strong></em></p>



<p>Ihr Vater ist Seemann, sie kennt die Nordsee. Das hat ihr geholfen, sich zu orientieren. Die Seeleute sind dann nach der Geburt auf Wunsch der jungen Mutter wieder abgedreht und nach Borkum, nach Hause gefahren – als das Kind geboren war, durften wir ja wieder zurückkommen. Aber selbst dann war die Ärztin nicht zur Stelle. Sie hatte nur einen Rettungswagen zum Hafen geschickt. Die Frau wurde aus dem Boot gehievt. Wir sind dann mit dem Krankenwagen in das Haus der Familie gefahren. <br><br>Ich habe sie weiter versorgt und den Kreislauf stabilisiert, der sehr labil war – wie der von uns allen auch.</p>



<p><strong>Die Interviewte</strong></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld</strong> gründete 1994 die erste Aachener Hebammenpraxis, 1997 das erste Aachener Geburtshaus, das im Dezember 2006 aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Perspektive für die Hebammen geschlossen wurde. Sie initiierte 1998 die Fortbildungsakademie Pegasus für Hebammen e.V. Seit 1999 berät sie Hebammen bei Unternehmensgründungen. Außerklinische Geburtshilfe unterrichtet sie europaweit. Seit März 2007 ist sie auf der Insel Borkum zudem als freiberufliche Hebamme tätig. (Stand Dezember 2009)</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Nach bestem Wissen</title>
		<link>https://viktoria11.de/nach-bestem-wissen-interview-mit-barbara-kosfeld-teil-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katja]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 22:00:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Kosfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Borkum]]></category>
		<category><![CDATA[Geburtshilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Inselhebamme]]></category>
		<category><![CDATA[traditionelle Hebammenkunst]]></category>
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					<description><![CDATA[&#160;Die Hebamme Barbara Kosfeld erzählt von ihrer Tätigkeit und Rolle als Geburtshelferin auf der Nordseeinsel Borkum. Traditionelle Geburtshilfe sei erlernbar ist und es gäbe klar erkennbare Grenzen zur Geburtsmedizin, ist eine ihrer grundlegenden Auffassungen. Sie tritt für den Erhalt der Hebammenkultur und das seit vielen Generationen erlernte Wissen rund um Geburt ein. Ein Interview von<a class="more-link" href="https://viktoria11.de/nach-bestem-wissen-interview-mit-barbara-kosfeld-teil-1/"><span class="screen-reader-text">"Nach bestem Wissen"</span> weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>&nbsp;Die Hebamme Barbara Kosfeld erzählt von ihrer Tätigkeit und Rolle als Geburtshelferin auf der Nordseeinsel Borkum. Traditionelle Geburtshilfe sei erlernbar ist und es gäbe klar erkennbare Grenzen zur Geburtsmedizin, ist eine ihrer grundlegenden Auffassungen. Sie tritt für den Erhalt der Hebammenkultur und das seit vielen Generationen erlernte Wissen rund um Geburt ein.</p>



<p><strong>Ein Interview von Katja Baumgarten</strong></p>



<p><strong>Katja Baumgarten: Sie sind in Hebammenkreisen sehr umstritten – für viele „ein rotes Tuch“, für manche eine der kompetentesten Vertreterinnen originärer Hebammenarbeit. Warum polarisieren Sie so?</strong></p>



<p><strong>Barbara Kosfeld: </strong>Existiert Leben nicht immer in Polarität? Durch mein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft vor der Hebammenausbildung bin ich es gewohnt, Dinge kritisch zu betrachten. Ich weiß, wie wichtig freies Denken ist und dass es sein Potenzial in Forschung und Lehre nur ausschöpfen kann, wenn ein Höchstmaß an Autonomie gegeben ist. So war es für mich sehr schnell klar, dass das, was in Deutschland in der klinischen eindimensionalen Hebammenausbildung gelehrt wurde, auf einer einseitigen, lückenhaften und oft nur flüchtig gewonnenen Kenntnis der Quellen beruht. Äußert man das, wird man schell unbequem und bleibt von Spötteleien über sein praktisches Tun nicht verschont. Die Geburt meiner Tochter vor 30 Jahren war der Ausgangspunkt, um mich näher mit dem Thema Hebammenarbeit zu befassen.</p>



<p><strong><em>War die Geburt Ihrer Tochter für Sie ein Schlüsselerlebnis, Hebamme zu werden?</em></strong></p>



<p>Ja, auf jeden Fall! Ich bin aus dieser Erfahrung mit der Arbeitshypothese herausgegangen: Wenn der Mensch so entbinden muss, wie ich es erlebt hatte, dann muss ich mich damit aussöhnen – aber wenn dem nicht so ist, dann muss ich mich darum kümmern, dass sich Ähnliches nicht mehr für andere werdende Mütter abspielt.</p>



<p><strong><em>Hatten Sie keine glückliche Geburt erlebt?</em></strong></p>



<p>Aus klinischer Sicht hatte ich sicherlich eine unauffällige Niederkunft – aber wie ich behandelt worden bin, das war für mich sehr traumatisierend! Seitdem schaue ich anders auf Geburt und Mutterschaft. Ich habe dann mit älteren erfahrenen Hebammen, die im zweiten Weltkrieg gearbeitet haben, Kontakt aufgenommen – primär um mein eigenes Erleben zu bewältigen. Unter den Umständen, unter denen sie notgedrungen arbeiten mussten, hätten nach moderner Ansicht weder Frauen noch Kinder überleben dürfen. Dass diese Hebammen in einem hohen Maße kompetent waren, wird niemand leugnen wollen.</p>



<p><em><strong>Ein Grund für die Ablehnung vieler Kolleginnen ist Ihre Bereitschaft, auch Geburten bei Zustand nach Sectio, Beckenendlagen-, Zwillings- oder Drillingsgeburten zu Hause zu betreuen, die als Risikogeburten gelten. Warum stellen Sie sich gegen den Konsens der Hebammenverbände, was die Auswahlkriterien für eine Hausgeburt betrifft?</strong></em></p>



<p>Die dort verfassten Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten kann ich nicht wider besseren Wissens übernehmen. Der Blick in die Quellen unseres Handwerks ergibt nämlich ein anderes Bild. Ich habe die historische geburtshilfliche Literatur ausgiebig studiert; hier stellen sich die Anzeichen von sogenannten Gefahren anders dar Sie werden überdies genauestens beschrieben und es werden Lösungswege aufgezeigt, welche sich immer am Erhalt der mütterlichen und, wenn möglich, kindlichen Gesundheit orientiert haben. Das was unseren Beruf auf Jahrhunderte hinaus geprägt und in seiner Ausrichtung bis heute bestimmt, ist nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Es kann letztlich immer nur um die Formen der Wissensvermittlung, um die Methoden wissenschaftlichen und praktischen Arbeitens und um die Wege zur Weitergabe und Umsetzung des geburtshilflichen Wissens gehen. Auf keinen Fall kann es darum gehen, einfach einem Konsens der Hebammenverbände zu folgen, welche im Bemühen, Sichtweisen einer anderen Berufsgruppe zu tradieren, die Vertretung ihrer Mitglieder und der werdenden Mütter aus den Augen zu verlieren scheinen. Und so hoffe ich sehr auf den neu gegründeten Berufsverband, den Deutschen Fachverband für Hausgeburtshilfe (DFH), der sich diesem Konsens übrigens nicht angeschlossen hat. Ihm kann es gelingen, die Emanzipation der Hebammenwissenschaft von der Gynäkologie als der bisherigen Leitdisziplin zu vollziehen. Damit müsste sich die Hausgeburtshilfe nicht länger im isolierten Raum abspielen. Im Erhalt der physiologischen Geburtshilfe und im Schutz der Hebammenarbeit könnten endlich wieder zukunftsweisende Tendenzen sichtbar werden.</p>



<p><em><strong>Wie sollte die Hebamme entscheiden, welche besonderen Geburten sie annimmt?</strong></em></p>



<p>Es ist meine Überzeugung, dass man sich als Hebamme, in erster Linie mit „Gefahren“ befassen muss und nicht mit „Risiken“. Mir kommt es ungerecht vor, Frauen mit sogenannter Risikogeburt per se auszugrenzen und nicht zu Hause zu entbinden. Ich werde also nicht sagen, besondere Geburten, wie Beckenendlagengeburten oder Mehrlingsentbindungen sind grundsätzlich außerklinisch nicht möglich. Bei dieser sehr persönlichen Entscheidung der Frauen, nicht in der Klinik zu entbinden, ist Hebammenunterstützung wirklich nötig. Eine Hebamme muss wissen, nach welchen Kriterien eine Beckenendlage spontan entbunden werden kann oder was darauf hinweist, dass es eine schwierige Entwicklung wird. Dann kann sie in Ruhe entscheiden, ob sie persönlich diese Frau bei ihrer Niederkunft betreuen kann oder nicht. Die Geburt von Mehrlingen war – nach Aussagen von alten Hebammen – meist kein Problem – da kam eben noch ein weiteres Kind hinterher und das oft unerwartet. Sind denn die heute beschrittenen Pfade die einzig möglichen und richtigen?</p>



<p><em><strong>Woher nehmen Sie das fachliche Selbstvertrauen und die geburtshilfliche Kompetenz, auch schwierige Ausgangssituationen für eine Hausgeburt anzunehmen?</strong></em></p>



<p>Persönlich habe ich sehr viel von den erfahrenen Hebammen der älteren Generation und durch ausgiebige Literaturstudien gelernt sowie durch meine zahleichen Auslandsaufenthalte. Ich war praktisch in Indien tätig, habe sieben Jahre im Rahmen eines EU-Projektes immer wieder Theorie und Praxis ursprünglicher Hebammenkunst in Prag unterrichtet und dabei viel sehen dürfen: Die Prager Krankenhäuser haben allein 6.000 bis 8.000 Geburten pro Jahr, da lernt man einiges. Ich habe in Kanada, den USA, in nahezu allen europäischen Ländern und in der Schweiz die Arbeit der Hebammen vor Ort kennengelernt Wirklich interessante Fachrichtungen wie die Zellbiologie, die Soziologie und anderer wissenschaftlicher Disziplinen haben mich in meinem Wissen erheblich beeinflusst&nbsp; und ebenfalls fachlich sehr sicher werden lassen. Und sagte nicht schon Goethe „sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“?</p>



<p><em><strong>Die Leitung von Drillingsentbindungen beispielsweise ist sowohl für Ärzte und erst recht für Hebammen schwer zu erlernen. Wie können Sie den Frauen sagen, dass Sie bei dieser Herausforderung eine kompetente Hebamme sind?</strong></em></p>



<p>Die Geburtshilfe bei Drillingen ist plausibel in der alten Literatur beschrieben, wohingegen sie in heutigen Werken, beispielsweise in einem neu erschienenen Buch über Mehrlinge von Axel Krause, nicht wirklich nachvollziehbar ist. Der Weg zu einer gelingenden Drillingsgeburt ist sehr speziell, aber erlernbar ist auch das. Die Kriterien für eine Vorauswahl dessen, was außerklinisch in der Betreuung bei Schwangerschaften und Geburten prinzipiell möglich ist, muss man genau kennen – sonst bleibt man in Standards stecken. Diese werdenden Mehrlingsmütter kommen in großer Not zu mir, weil sie sehr unter Druck gesetzt werden, der frühzeitigen OP und der Trennung von ihren Kindern zuzustimmen. Mit den Konsequenzen der frühen Entbindung werden sie dann allein gelassen. Sie haben eine sehr subjektive Wahl getroffen. Dabei hat sie ein Kriterium vor allen anderen geleitet: Ihr berechtigter Wunsch nach einer interventionsfreien Begleitung ihrer Kinder ins Leben, den sie klinisch nicht berücksichtigt sehen. Wenn ich selbst betroffen wäre, hätte ich auf jeden Fall auch gerne eine freie Wahl des Geburtsortes und würde mir immer eine faire Betreuung suchen, welche meine und die Bedürfnisse meiner Ungeborenen gebührend berücksichtigt und mich nicht erpresst und bedrängt, sondern mich mit meinen Kindern verbindet und stärkt.</p>



<p>Drillingsgeburten sind nicht mein „Hobby“ – ich reiße mich nicht darum, solche besonderen Geburten zu betreuen. Aber ich bin vor allem meinem Gewissen verpflichtet und übernehme immer die Verantwortung für mein Handeln und Tun. Mit Freiheiten umzugehen und Regeln als kulturelle Notwendigkeit zu akzeptieren und einzuhalten, ist mir ein Selbstverständnis.</p>



<p><strong><em>Was möchten Sie Hebammen mit auf den Weg geben, wenn sie in ihrem beruflichen Alltag auf besondere Schwangerschaften stoßen?</em></strong></p>



<p>Man kann in unserem Beruf alles lernen, um das zu bewältigen, womit die Natur uns geburtshilflich konfrontiert – da gibt es keine Mythen und Geheimnisse. Aber man darf niemanden so unter Druck und in Angst und Schrecken versetzen, wie es mit Schwangeren und Müttern heute allzu oft geschieht. Schwangere Frauen brauchen Schutz und Hebammen. Will eine Hebamme also in der Schwangerschaft und bei der Geburt mehr als eine Nachbarin tun, dann ist sie aufgefordert, sich um physiologisches Geburtswissen zu kümmern. Sie muss sich fortbilden und dann aber auch als Hebamme handeln und sich nicht verdrängen lassen. Alles Wissen ist schon lange da und braucht nur wieder abgerufen zu werden. Besondere Schwangerschaften sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Uns Hebammen sollte ein hoher fachlicher Anspruch verbinden und wir sollten uns dem Schutz von Müttern und Kindern verpflichtet fühlen. Dem eigenen schwindenden Vertrauen in das Kernstück unseres Berufes, die Geburt, müssen wir dringend entgegenwirken! Wenn man sich die einvernehmlichen Meinungen der Gynäkologenschaft zu Themen der Geburtshilfe anhört, so bezweifele ich, ob sie wirkliche Gesprächspartner sein können bei Fragen zur gesunder Schwangerschaft und Geburt. Jede dritte Schwangere erleidet heutzutage eine Geburtsoperation. Diese Kinder werden nicht geboren. Sie werden in die Welt hinein operiert. Das ist kein möglichst guter Start in ein gelingendes Leben. Besondere Schwangerschaften brauchen besondere Hebammen Unterstützung – noch sind wir da.</p>



<p><strong><em>Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit Sie bereit sind, bei einer Geburt zu helfen? Nehmen Sie jede Frau an, die mit einer „besonderen Geburt“ zu Ihnen kommt?</em></strong></p>



<p>Natürlich unterstütze ich jede Schwangere. Ob ich ihr bei der Entbindung beistehen kann, zeigt dann der Verlauf der Schwangerschaft. Um eine außerklinische Geburtshilfe möglich zu machen, muss in erster Linie die Abwesenheit von Krankheit bei der Mutter feststellbar sein. Das gehört zu meinen Kernkompetenzen. In der alten Literatur wird klar beschrieben: Das Gefährlichste in der Schwangerschaft sind Medikamente jeder Art, Alkohol, Drogen, schlechter Lebenswandel und Stress! Gerade vor Medikamenten muss gewarnt werden. Wir wissen nie, was für ein Langzeitprogramm sie bei dem Ungeborenen neben dem vermeintlich erwünschten „Schutz“ noch initiieren. Das deckt sich mit den Erkenntnissen von Prof. Berthold Huppertz aus seiner Plazentaforschung. Es wird oft vergessen, dass die Plazenta mit allem zurechtkommen muss, was der Frau verabreicht wird. Außerdem weist die Forschung heutzutage nach, dass die Ängste der Mütter das Kind unter maximalen Stress setzen und beim Kind dann eine hormonelle Gegensteuerung auslösen, die sich stark gesundheitsschädigend auswirkt. All das ist schon lange bekannt und gehört in die aufklärende Arbeit der Hebamme! Besondere Situationen müssen grundsätzlich adäquat berücksichtigt und fachlich eingeordnet werden. Das bestimmt den persönlichen Entscheidungsweg der Hebamme, ob sie hier Geburtshilfe leisten kann oder nicht. Es kommen keinerlei Interventionen in der Schwangerschaft in Frage, nur präventive Maßnahmen zur Vermeidung von größeren Problemen bei beginnenden Auffälligkeiten. Primär muss immer erst die Fähigkeit zur Selbstregulation des mütterlichen Körpers unterstützt werden. Manipulationen jeder Art, auch Wendungen bei Beckenendlage, lehne ich persönlich ab. Mir stellt sich stattdessen die Frage, warum liegt das Kind in Beckenendlange? Man kann mit einer erzwungenen Wendung Kind und Mutter aus der Balance bringen und viel Schaden anrichten. Das Kind ist ein Mensch, der klar signalisieren und sehr gut kommunizieren kann. Und als Hebamme kann man die Botschaften deuten. Eine gesunde Reaktionslage des Kindes reicht weit über die Parameter hinaus, die klinisch untersucht werden können.</p>



<p><em><strong>Sie sagen also auch „Nein“, wenn Sie eine Hausgeburt nicht verantworten können?</strong></em></p>



<p>Selbstverständlich gibt es Grenzen für Hausgeburten, also Situationen, in denen ein differenziertes klinisches Management für die Gesundheit von Frau und Kind vorzuziehen ist.</p>



<p><em><strong>Für Sie gilt ine Drillings- oder eine Beckenendlagengeburt nicht grundsätzlich als Risikogeburt?</strong></em></p>



<p>Ganz genau. Es ist eine besondere Schwangerschaft, um zunächst einmal den Gedanken an „Gesundheit“ als dynamischen Gleichgewichtszustand zu wahren. Und es ist eine Situation, die gerade besonders viel Hebammenunterstützung braucht. Diese Frauen haben schon genug Unruhe in sich und um sie herum. Abgesehen von den schnellen körperlichen Veränderungen, ist es für sie bei Mehrlingsschwangerschaften keine einfache Vorstellung, demnächst mehr als einen Säugling zu haben. Die Umgebung suggeriert der werdenden Mutter, dass es nur die frühzeitige Operation als Lösung gibt. Viele Frauen möchten aber nicht operiert werden. Das reicht doch schon!</p>



<p>Wenn die Schwangere dann überhaupt keine kompetente Hilfe mehr erwarten kann, vor allem keine Differenzierungen, sondern nur noch „gesetzmäßig“ eingeordnet wird, ist das ein Verlust wesentlicher menschlicher Kultur. Vor allem stellt sich mir die Frage, wie wir als Frauen mit anderen Frauen umgehen. Was bräuchten wir selbst in der Situation? Und wer sollte uns davon abhalten, das zu bekommen, was wir brauchen?</p>



<p><em><strong>Gehen Sie nicht sehr weit, wenn Sie bei solch außergewöhnlichen Geburten ausgerechnet auf Borkum Hebammenhilfe leisten? </strong></em></p>



<p>Ich wünschte, ich könnte Schwangeren empfehlen, in diese oder jene Klinik zu gehen, weil es dort wirklich gut läuft. Zwei Stunden vom Festland entfernt Drillinge holen zu müssen – das wünscht sich niemand, auch ich nicht. Aber ich habe gelernt und geübt, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung verlangt vom Einzelnen immer persönliche Anstrengung, Selbstdisziplin und die Bereitschaft zur Leistung. Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit lässt auch die werdenden Mütter die Herausforderungen der Geburtsarbeit mit der nötigen Gelassenheit und Zuversicht angehen. Ein nicht unwichtiger Punkt: Die werdenden Mütter wissen, was in ihnen steckt. Sie bringen die besten Voraussetzungen mit und scheuen keine persönliche Anstrengung, um ihren Kindern einen guten Start zu ermöglichen. Sie nehmen eine lange Reise auf sich bis nach Borkum. Autonomie und Freiheit gehören zu einer humanen Demokratie.</p>



<p>Die Eltern wissen genau, was ich leisten kann und was nicht. Ich überschreite keine Grenzen und bin auch nicht allein bei diesen Geburten. Da wird sehr gut geplant und ein ganzes geburtshilfliches Team samt einer erfahrenen Ärztin wird hinzugezogen. Diese Menschen reisen ebenfalls nach Borkum im Respekt vor dem Weg der Eltern und mit großer Bereitschaft, zu unterstützen.</p>



<p>Die Eltern sind aufgeklärt, dass es nicht dem heutigen Stand der Geburtshilfe entspricht, Mehrlinge, Beckenendlagengeburten oder andere besondere Geburten zu Hause zu betreuen. Sie wissen auch, dass es hier auf Borkum keinen Gynäkologen und kein Krankenhaus gibt, und dass sie auf dem normalen Schiffsweg zwei Stunden vom Festland entfernt sind.</p>



<p><em><strong>Was „bewegt“ diese Eltern? </strong></em></p>



<p>Die Eltern machen sich erst auf den langen Weg, nachdem sie sich mit der Problematik intensiv auseinandergesetzt haben. Sie würden ja ein Krankenhaus aufsuchen, wenn es für sie eine menschliche und fachliche Alternative böte! Sie realisieren aber, dass sie keine elterliche Macht mehr ausüben können, wenn ihre frühgeborenen Kinder im Krankenhaus sind – dass sie also vorübergehend eines Grundrechtes beraubt werden. Das ist für einige Eltern keine Option. Die Schwangerschaft wird von ihnen als Ganzes ge- und erlebt. Sie sind mit ihren Kindern in Kontakt, kommen dann hierher und besprechen ihre Situation ganz genau. Alle Drillingseltern, die wir entbunden haben, sind trotz ihrer glücklichen Geburten mit Vorwürfen überschüttet worden, genau wie unser gesamtes geburtshilfliches Team – immer wieder.</p>



<p>Niemand – weder aus meinem Kolleginnenkreis noch aus dem Umfeld der Eltern, sagt: Herzlichen Glückwunsch! Oder: Wie habt ihr das gemacht – kann man das lernen? Es wird immer nur Leichtsinn unterstellt, alle haben halt Glück gehabt und es wird nichts hinterfragt. Das schmerzt. Als wäre in jedem besonderen Fall die maximale Angst und die am weitesten reichende „Therapie“ angebracht und Heil bringend.</p>



<p><em><strong>Sie stellen sich mit Ihrer Haltung gegen die gesamte geburtshilfliche Schulmedizin. Wie sichern Sie sich ab, falls es bei einer besonderen Geburt zu einem Schadensfall kommen würde, was Ihnen offenbar noch nicht passiert ist?</strong></em></p>



<p>Nein, einen Schadensfall und geburtshilfliche Katastrophen habe ich außerklinisch noch nie erlebt. Aber mit sämtlichen beschriebenen geburtshilflichen Komplikationen habe ich bei Hausgeburten schon umgehen müssen. Schließlich war ich 15 Jahre in der praktischen Weiterbildung von Kolleginnen in außerklinischer Geburtshilfe tätig. Nur dafür gab es ja das Fortbildungszentrum Pegasus, um das Potenzial junger Kolleginnen zu fordern, bevor es verdorrt oder sich Auswege sucht.</p>



<p><strong><em>Wie sichern Sie sich gegen Klagen und Regressansprüche ab, damit Sie – bei allem humanitären Anspruch – nicht Ihre eigene Existenz gefährden?</em></strong></p>



<p>Das kann man in letzter Konsequenz nicht. Die Definition von Recht und Unrecht ist immer eng verbunden mit der Ausübung von Macht. Man kann zwar die Eltern umfassend aufklären. Aber ein einziger Haftungsfall kann heutzutage ausreichen, um die Hebamme zu ruinieren. Das ist mir sehr bewusst. Wenn dieser Fall eintritt, ist es egal, ob ich <em>ein</em> Kind auf die Welt geholt habe oder mehrere auf einmal. So, wie es im Moment läuft, kann ich immer vollständig ruiniert werden in der Ausübung meines Berufes. Die Rechtssprechung zeigt deutlich, dass sich die „Schuld“ problemlos und immer auf die Hebamme abschieben lässt. Das ist der Preis dafür, dass es einen unausgesprochenen Allmachtsgedanken in der Geburtsmedizin gibt. Solange die Hebammenarbeit sich nicht deutlich davon abgrenzen lässt, zahlt die einzelne Hebamme dafür.</p>



<p><strong><em>Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Eltern persönlich – sind sie ein Risiko für ihre Kinder eingegangen, indem sie zu Ihnen nach Borkum gekommen sind, um ihre Drillinge zur Welt zu bringen?</em></strong></p>



<p>Ein „Risiko“ besteht bei jeder Geburtsform und an jedem Geburtsort. In den beschriebenen Fällen wurde das klinische Risiko für die jeweilige Familie höher bewertet. Die Eltern waren bemüht, das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder zu schützen und ihnen den bestmöglichen Start zu bieten. Sie sahen keine wirkliche Alternative. Wir haben darüber ausführliche Gespräche geführt – über das, was möglich ist und was nicht möglich ist. Sie haben meist einschlägige, sehr persönliche Erfahrungen gemacht. Daraus ziehen sie ihre Schlüsse und entscheiden. Außerdem kann man, wenn nötig, auch von der Insel eine Verlegung in eine Klinik oder Kinderklinik veranlassen. Das ist ebenso möglich wie in Berlin, München oder in ländlichen Gebieten.</p>



<p><em><strong>Wie lange dauert eine Verlegung im Ernstfall?</strong></em></p>



<p>Wenn die Rettungskette gut funktioniert, ist eine Verlegung innerhalb einer halben Stunde möglich. Da aber die Hubschrauber für alle ostfriesischen Inseln im Einsatz sind, sind sie unter Umständen gerade unterwegs und man muss länger warten – genauso wie überall. Manchmal können sie wetterbedingt auch nicht fliegen und mit dem Seenotrettungsboot, das dann eingesetzt wird, ist man eine Stunde bis zum Festland unterwegs. Eigentlich ist kein großer Unterschied zum Festlandprocedere vorhanden. Wenn man dort in ein Krankenhaus verlegt, hat das OP-Team vielleicht auch gerade einen anderen Notfall zu versorgen, oder man steht im Stau oder der Krankenwagen kommt und kommt nicht. Die Frage des Notfallmanagements wird hierzulande oft überstrapaziert.</p>



<p>Man bemüht sich immer um die besten Umstände: Mit unserem ganzen Rettungswesen haben wir hier in Deutschland – im Vergleich mit anderen europäischen Ländern – einen sehr ausgezeichneten Service.</p>



<p><em><strong>Im zweiten Teil des Interviews schildert Barbara Kosfeld ihre präventive Hebammenarbeit auf Borkum.</strong></em><br><br><a href="https://viktoria11.de/als-inselhebamme-auf-borkum/" data-type="post" data-id="2855">Weiter Lesen: Teil 2 &#8211; Als Inselhebamme auf Borkum</a></p>



<p><strong>Die Interviewte </strong><br><strong>Barbara Kosfeld</strong> gründete 1994 die erste Aachener Hebammenpraxis, 1997 das erste Aachener Geburtshaus, das im Dezember 2006 aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Perspektive für die Hebammen geschlossen wurde. Sie initiierte 1998 die Fortbildungsakademie Pegasus für Hebammen e.V. Seit 1999 berät sie Hebammen bei Unternehmensgründungen. Außerklinische Geburtshilfe unterrichtet sie europaweit. Seit März 2007 ist sie auf der Insel Borkum als freiberufliche Hebamme tätig. (Stand September 2009)</p>
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